Editorial Zwischen Angst und Aggression


Liebe stern-Leser!

Israel macht es seinen Feinden mal wieder leicht, es zu verurteilen, und seinen Freunden schwer, es zu verstehen. Der Luftangriff auf ein Wohnhaus in Kana, bei dem etwa 60 Menschen starben, die meisten noch Kinder, erscheint so irrsinnig und empörend wie die vorangegangene Bombardierung von UN-Soldaten. "Angemessener Preis" ist der Name des Feldzugs, bei dem seit dem 12. Juli auf jeden getöteten Israeli fast 15 getötete Libanesen kommen. Warum reagiert der Judenstaat so maßlos auf die Angriffe der Hisbollah-Milizen?

Das Land ist bis heute von dem Trauma geprägt, dass die Welt tatenlos zusah, als die Nazis Millionen Juden vergasten. Seither gilt das Dogma: "Nie wieder dürfen wir uns abschlachten lassen, ohne Widerstand zu leisten!" Seit der Staatsgründung 1948 ist Israel von Feinden umzingelt, die sein Existenzrecht ständig infrage stellen. Irans Präsident Ahmadinedschad hat erst kürzlich die Parole ausgegeben, man solle Israel "von der Landkarte radieren". Wenn die pro-iranische Hisbollah also israelische Soldaten tötet und entführt und täglich hundert Raketen auf israelische Städte und Dörfer schießt, dann geht es aus Sicht des Judenstaates wieder einmal um alles oder nichts.

stern-Reporter Claus Lutterbeck reiste zehn Tage durch Israel, um die Stimmung der Bewohner und ihre Einstellung zum Krieg zu ergründen. Dabei erlebte er das Gefühl der permanenten Bedrohung aus nächster Nähe mit. Als er in Haifa ein Heim für behinderte Kinder besuchen wollte, schlugen im Hafen, keine 500 Meter entfernt, fünf Raketen ein. Und bei einer Fahrt entlang dem See Genezareth explodierte eine Katjuscha in einem Feld neben der Straße. Lutterbeck und der Fotograf Moshe Shai haben ein Volk erlebt, das grimmig entschlossen ist, sich zu wehren, egal, was der Rest der Welt denkt. Lutterbecks Reportage über die Stimmung in einem Land, das sich von Europa - wieder einmal - verraten fühlt, beginnt auf Seite 30.

Wer nach Lösungen des Konflikts fragt, muss die historischen Ursachen kennen. Der Kampf zweier Völker um das Land zwischen Jordan und Mittelmeer ist der dauerhafteste Konflikt des 20. Jahrhunderts - und begonnen hat er noch viel früher. In Karten, Daten und Fakten haben wir die wichtigsten Entwicklungen zusammengetragen.

Wie unterschiedlich die Politik Israels auch hierzulande beurteilt wird, zeigt ein Streitgespräch (Seite 56) zwischen dem Grünen-Politiker Jürgen Trittin und Michel Friedman, der wohl wortgewaltigsten Stimme der jüdischen Gemeinde Deutschlands.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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