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Dokumentation

Original-Artikel aus stern 22/1983: Tage, die den Stern erschütterten

Anmerkung der Redaktion: Der stern veröffentlichte am 25. April 1983 die angeblichen Tagebücher von Adolf Hitler, die sich wenige Tage später, am 6. Mai 1983, als Fälschung herausstellten. Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Original-Artikel aus stern 22/1983 (erschienen am 26. Mai 1983) der die Tage in der Redaktion während und nach dem Skandal nachzeichnet.

Cover des stern 22/1983 (erschienen am 26. Mai 1983)

Cover des stern 22/1983 (erschienen am 26. Mai 1983)

Der STERN ist durch die gefälschten Hitler-Tagebücher und den Streit mit dem Verlag um die Neubesetzung der Chefredaktion zu einem Thema geworden, das in den STERN gehört. Ein sonderbares Gefühl, in eigener Sache zu schreiben. Aber in all der Hektik, dem Stress und dem Widerstand gegen Vorstandsbeschlüsse haben die STERN-Leute nicht vergessen, daß sie Journalisten sind. Sie haben aufgeschrieben, was ihnen angetan wurde und wie sie sich dagegen wehrten.

Dokumentation: Der Original-Artikel im stern 22/1983

Freitag, 6. Mai 1983

  11.00 Uhr: Redaktionskonferenz mit Chefredakteur Felix Schmidt. Einige Redakteurinnen und Redakteure melden Zweifel an der Echtheit der Hitler-Tagebücher und Kritik an deren Präsentation an. Schmidt versichert, er sei mehr denn je von der Echtheit der Tagebücher überzeugt und würgt die aufkommende Diskussion mit dem Hinweis ab, das sei Denunziation von Kollegen: "Wer das nicht begreift, ist beim falschen Blatt."

  13.28 Uhr: Die "Deutsche Presseagentur" meldet, die Tagebücher sind eine Fälschung. Die Nachricht schlägt wie eine Bombe ein. STERN-Redakteurinnen und -Redakteure stehen auf den Fluren und debattieren über die Katastrophe. Chefredakteur Felix Schmidt setzt für 14.30 Uhr eine Konferenz an.

  14.30 Uhr: Der Konferenz-Saal ist überfüllt. Felix Schmidt will nicht diskutieren. Die Rückkehr der beiden G + J-Justitiare Hagen und Ruppert, die im Koblenzer Bundesarchiv die vernichtenden Gutachten erhalten hatten, müsse abgewartet werden. Schmidt fordert die Ressortleiter zum Bleiben auf, das bereits fertige Heft muß neu gemacht werden, die "HitlerTagebücher“ müssen raus. Die Redakteurinnen und Redakteure beschließen, sich in der Kantine zusammenzusetzen. Sie verlangen von der Chefredaktion umfassend informiert zu werden.

  17.00 Uhr: Die Redaktion ist fast vollständig in der Kantine versammelt. Chefredakteur Felix Schmidt, Vorstandsvorsitzender Gerd Schulte-Hillen und Herausgeber Henri Nannen werden mit Fragen bombardiert: Wie konnte das passieren? Wer trägt die Verantwortung'? Die Antworten sind ausweichend. Motto: Es wird ein Scherbengericht geben, aber erst dann, wenn wir "den Sturm der Attacken abgeritten haben" (Schulte-Hillen). STERN-Redakteur Wolf Thieme, der die Fundgeschichte der „Tagebücher" geschrieben hatte, bekennt sich mitschuldig und stellt seinen "Posten zur Verfügung". Die Versammlung löst sich gegen 19.00 Uhr auf, weil die Chefs mit den Justitiaren reden wollen, die aus Koblenz eingetroffen sind.

Samstag, 7. Mai 1983:

  Redakteurinnen und Redakteure beschließen, sich am Sonntagabend in der Kantine zu treffen.

 19 Uhr: Vorstandsvorsitzender Schulte-Hillen teilt den Presse-Agenturen mit. daß die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt ihren Rücktritt erklärt haben und daß Rolf Gillhausen und Henri Nannen die Geschäfte der Chefredaktion führen.

Sonntag, 8. Mai 1983:

  18.00 Uhr. Redaktions-Vollversammlung in der Kantine mit Henri Nannen und Rolf Gillhausen. Mehrere Redakteure haben Resolutionen vorbereitet, in denen weitere Rücktritte, die Wahl eines Beirats und die Einsetzung eines Redaktionsstatuts gefordert werden. Es soll die fortschrittlich-liberale Haltung des STERN festschreiben und die Unabhängigkeit der Redaktion gegenüber dem Verlag garantieren. So soll dafür gesorgt werden. daß solch eine Katastrophe nicht noch einmal passieren kann. Gleichzeitig beschließt die Redaktion, sich in der Öffentlichkeit für den Abdruck der „Hitler-Tagebücher" zu entschuldigen.

  Ein vorläufiger Beirat wird bestellt, der eine ordentliche Beiratswahl vorbereiten soll. Seit Anfang 1979, als das erste Redaktionsstatut gekündigt wurde, gab es im STERN keinen Beirat mehr. Der Antrag des Reporters Emanuel Eckardt, in dem der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Schulte-Hillen gefordert wird, findet keine Mehrheit, weil Nannen sich für den Vorstandsvorsitzenden einsetzt und die Redaktion bereit ist. zusammen mit dem Erfinder ihres Blattes „den Karren aus dem Dreck zu ziehen".

Montag, 9. Mai 1983:

  11.00 Uhr. Redaktions-Konferenz mit Henri Nannen. das nächste Heft wird vorbereitet. Ein Redaktions-Team soll die Geschichte der Fälschung recherchieren und klären, was sich im Zusammenhang mit den "Hitler-Tagebüchern" in Verlag und Redaktion abgespielt hat.

  13.00 Uhr: Der Betriebsratsvorsitzende Rudolf Herbers trifft sich mit Schulte-Hillen und verlangt die Einberufung einer außerordentlichen Betriebsversammlung.

  13.27 Uhr: An die Agenturen geht die Meldung, daß Henri Nannen gegen den Entdecker der "Tagebücher-, STERN-Reporter Gerd Heidemann. Strafanzeige erstattet hat.

  17.00 Uhr: Der vorläufige Beirat schreibt in einem Brief an den G + J-Vorstandsvorsitzenden, daß die Beiratswahl am 26. Mai stattfinden solle. Die Redaktion verlange, daß die Chefredaktion ohne Mitwirkung des Beirats nicht neu besetzt werde. Der Brief wird noch am selben Tag im Sekretariat von Schulte-Hillen abgegeben.

Dienstag, 10. Mai 1983

  Die Redaktion arbeitet trotz aller Diskussionen normal.

Mittwoch, 11. Mai 1983:

  Redaktionsschluß für das Heft Nr. 21. Es wird beschlossen, bei der Aktualisierung am Sonntag die Geschichte der Fälschung in das Blatt zu heben, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig ist.

Donnerstag, 12. Mai 1983, Himmelfahrt:

  Ein Redaktionsteam arbeitet in Stuttgart, München und Hamburg rund um die Uhr an der Geschichte der Fälschung.

  Ohne Wissen der Redaktion tagt der G + J-Vorstand im Haus von Verleger Dr. Gerd Bucerius im Beisein von Konzernchef Reinhard Mohn. Die Entscheidung über die neuen Chefredakteure fällt.

Freitag, 13. Mai 1983:

  11.00 Uhr. Redaktionskonferenz. Henri Nannen und Gerd Schulte-Hillen geben bekannt: Johannes Gross und Dr. Peter Scholl-Latour werden Chefredakteure und Herausgeber des STERN, sowie Mitglieder im G + J-Vorstand. Die Konferenz wird zur turbulentesten Redaktionssitzung in der Geschichte des STERN. Henri Nannen und Schulte-Hillen werden aus dem Raum gewiesen.

  17.00 Uhr: Vollversammlung der Redaktion in der Kantine. Eine Resolution gegen die Berufung der konservativen Journalisten wird verabschiedet: "Die Redaktion sieht sich außerstande, mit Johannes Gross und Peter Scholl-Latour die bisherige fortschrittliche Linie des STERN fortzusetzen." Sie erwarte, daß die beiden Herren nicht gegen den erklärten Widerspruch der Redaktion antreten werden. Dem Verlag wird ein Ultimatum gestellt, bis Sonntag, 15. Mai. 14.00 Uhr. die Entscheidung zurückzunehmen. Für den Fall, daß das nicht geschieht, werden Kampfmaßnahmen angedroht. Um Mitternacht beginnt die Dauer-Besetzung der Redaktionsräume.

Samstag, 14. Mai 1983:

  13.00 Uhr. Die neuen Chefredakteure Gross und Scholl-Latour treffen in Hamburg mit dem vorläufigen Beirat zusammen. Der erklärt den beiden Herren, warum sie nicht das Vertrauen der Redaktion besitzen. Sie sind betroffen, vor allem, als ihnen klar wird, daß ihnen vom Verlag wichtige Informationen vorenthalten worden sind: Die Entscheidung erfolgte ohne Beratung mit der Redaktion, obwohl der Brief des Beirats vorlag, und ohne Einverständnis des Chefredakteurs Rolf Gillhausen.

  14.00 Uhr. Die Vertrauensleute der IG Druck und Papier entwerfen ein Solidaritäts-Flugblatt.

  14.15 Uhr: Zweites Gespräch des Beirats mit Gross und Scholl-Latour. Die beiden bleiben dabei, ihre Posten antreten zu wollen. Gross stehe ab sofort als Chefredakteur zur Verfügung, Scholl-Latour ab 15. Juni.

  16.30 Uhr: Der Protest der STERN-Redakteure findet großes Echo in der Öffentlichkeit. Leser schicken Telegramme oder rufen an: „Laßt euch den STERN nicht kaputt machen, verhindert die Wende." Im Foyer des Verlagshauses werden Stellwände für Solidaritätsadressen aufgestellt.

  16.45 Uhr: Der Beirat informiert die Redaktion vom negativen Ausgang des Gesprächs mit Gross und Scholl-Latour. In verschiedenen Arbeitsgruppen werden Strategien des Widerstands diskutiert und entwickelt für den Fall, daß das Ultimatum am Sonntag abläuft. Juristen und Gewerkschafter werden zur Beratung hinzugezogen.

  19.00 Uhr: Die Textdokumentare erstellen ein Dossier mit Zitaten, in denen die erzkonservative Haltung vor allem von Gross ersichtlich wird. Die zweite Besetzungsnacht beginnt.

Sonntag, 15. Mai 1983:

  12.00 Uhr. In Werner Höfers Frühschoppen wird Wibke Bruhns, Nahost-Korrespondentin des STERN, zu den Ereignissen im Hamburger Redaktionshaus befragt. Sie berichtet von der Entschlossenheit der Redaktion, sich die Verleger-Willkür und die drohende Kursänderung nicht gefallen zu lassen.

  14.00 Uhr: Das Ultimatum ist abgelaufen. Die Vollversammlung tritt zusammen und stellt fest, daß der Betriebsfrieden empfindlich gestört ist. Der Betriebsrat wird gebeten, für Montag eine Abteilungsversammlung einzuberufen.

  Die Vollversammlung fordert jetzt den Rücktritt von Gerd Schulte-Hillen und Henri Nannen. Noch während der Sitzung kommt die Nachricht, daß Konzernchef Reinhard Mohn am Montag in Hamburg sein wird und mit einer Abordnung der Redaktion sprechen will.

  21.00 Uhr: Vor dem Verlagshaus an der Alster veranstaltet die Deutsche Journalisten-Union einen Fackelzug und eine Kundgebung: "Rettet den STERN".

  22.00 Uhr: Redakteurinnen und Redakteure informieren die inzwischen eingetroffene Spätschicht der Setzer über den Stand der Dinge im Haus. Die Besetzung geht weiter.

Montag, 16. Mai 1983:

  7.00 Uhr. Redakteure und andere STERN-Mitarbeiter verteilen an die Belegschaft Flugblätter mit Informationen über die Ergebnisse.

  9.30 Uhr: Beginn der Abteilungsversammlung der Redaktion mit dem Betriebsrat. Um den Ursachen der Störung des Betriebsfriedens auf den Grund zu gehen, wird ausführlich über den Skandal um die "Hitler-Tagebücher" gesprochen. Bislang noch nicht bekannte Einzelheiten über die Rolle des Verlages, der damaligen Chefredaktion und der wenigen mit den "Tagebüchern" befaßten Redakteure, die nun ans Licht kommen, steigern die Empörung genauso wie die ausweichenden Antworten von Vorstandsmitglied Dr. Jan Hensmann.

  12.15 Uhr: Im Büro des Betriebsrats häufen sich die Anträge auf weitere Abteilungsversammlungen in anderen Redaktionen und Verlagsbereichen. Die Unruhe hat jetzt das ganze Haus ergriffen.

  16.00 Uhr: Reinhard Mohn empfängt eine Delegation der STERN-Redaktion zu einem Gespräch.

  19.20 Uhr: Das Gespräch ist beendet. Die Kollegen berichten der Versammlung: Der Konzernchef rückt nicht von der Personal-Entscheidung ab. Die Abteilungsversammlung wird unterbrochen. sie soll am Mittwoch. 9.00 Uhr. fortgesetzt werden.

  Die Besetzung geht weiter.

Dienstag, 17. Mai 1983:

  9.00 Uhr. Außerordentliche Betriebsversammlung im Auditorium Maximum der Hamburger Universität. Nach mehr als vier Stunden heftiger Attacken gegen die Verlagsleitung gibt der Vorstandsvorsitzende erstmals zu erkennen. daß er doch zu Verhandlungen bereit ist. Er bietet dem Beirat für 15.00 Uhr ein Gespräch an.

  14.00 Uhr: Der Termin für das angebotene Gespräch wird vom Vorstand auf 18.00 Uhr verschoben.

  15.30 Uhr: Die außerordentliche Betriebsversammlung wird im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof fortgesetzt. Hauptthema: Die Glaubwürdigkeit des STERN muß wiederhergestellt werden.

  17.30 Uhr: Die G + J-Betriebsversammlung wird unterbrochen. Der Betriebsrat beschließt. die Versammlung am Donnerstag 9.00 Uhr im gleichen Saal fortzusetzen.

  18.00 Uhr: Das Gespräch des Beirats mit der Verlagsseite wird von Schulte-Hillen auf 20.00 Uhr verschoben.

  20.00 Uhr: Das Gespräch wird noch einmal verschoben. ein genauer Termin nicht bekannt gegeben.

  21.30 Uhr: Der Beirat teilt dem Vorstandsvorsitzenden mit, daß er nicht mehr lange warten wird.

  21.45 Uhr: Beginn des Gesprächs zwischen dem Beirat und der Konzernspitze in der Vorstandsetage im 9. Stock. Anwesend: Mehrheitsaktionär Reinhard Mohn. Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Dr. Mark Wössner. der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr Gerd Schulte-Hillen und die neunköpfige Verhandlungskommission des STERN im Beisein des Betriebsratsvorsitzenden Rudolf Herbers. Nach etwa einer Stunde zeichnet sich ab. daß beide Seiten zu einem Kompromiß bereit sind. Die Konzernspitze fragt. ob die Redaktionsvertreter bevollmächtigt sind, eine Vereinbarung mit der Verlagsseite abzuschließen. Das Mandat hierfür ist ihnen bislang nicht erteilt. Mohn schlägt vor. daß sich der Beirat von der in der Kantine wartenden Vollversammlung der Redaktion dieses Mandat gehen lassen soll.

Mittwoch, 18. Mai:

  0.15 Uhr. Die Beiratsmitglieder tragen der Redaktion vor. wie sie die Lage einschätzen. welche Zugeständnisse denkbar wären, welches Bauchweh sie dabei haben und fragen, ob sie weiter verhandeln sollen. Es kommt zu heftigen Diskussionen.

  2.00 Uhr nachts: 70 Prozent der anwesenden 127 Redakteure sprechen sich dafür aus, daß der Beirat weiter verhandeln und für die Redaktion abschließen soll. Die STERN-Mitarbeiter. die dagegen waren, kritisieren die Entscheidung. Es gäbe keinen Anlaß. sich unter solchen Zeitdruck setzen zu lassen.

  2.15 Uhr: Der Beirat zieht sich zur Beratung zurück.

  4.00 Uhr: Der Beirat spricht noch einmal mit der Redaktion. Dann ruft der Beirat in der Chefetage an und erfährt, daß Mohn und Schulte-Hillen schlafen gegangen sind und das Gespräch am nächsten Morgen wieder aufgenommen werden soll.

  5.45 Uhr: Todmüde verläßt der Beirat das Haus. Die Besetzung geht weiter.

  9.30 Uhr: Beirat und Verlagsspitze treten wieder in Verhandlungen ein. Gleichzeitig beginnt in der Kantine die Fortsetzung der STERN-Abteilungsversammlung vom Montag. Fast alle Abteilungen des Hauses Gruner + Jahr haben inzwischen Versammlungen einberufen und tagen.

  13.00 Uhr: In der Vorstandsetage liegt ein Kompromiß auf dem Tisch. auf den sich Beirat und Unternehmerseite einigen konnten: Gross wird weder Chefredakteur noch Herausgeber des STERN. Scholl-Latour übernimmt zusammen mit Rolf Gillhausen die Chefredaktion. wird wie Henri Nannen Herausgeber und Vorstandsmitglied. Mit dem neuen Beirat soll über ein Redaktionsstatut verhandelt werden. Der Kompromiß soll am Nachmittag. wenn der Aufsichtsrat tagt, unterschrieben werden.

  16.15 Uhr: Die Abteilungsversammlung des STERN beschließt. geschlossen an der Solidaritätsdemonstration der IG Druck und Papier teilzunehmen. die um 17.00 Uhr beginnt.

  18.15 Uhr: Der Demonstrationszug. etwa 2000 Menschen. erreicht das Redaktionsgebäude in der Warburgstraße 50. Ein schweres Gewitter zieht auf, es beginnt zu regnen.

  18.30 Uhr: Die rund 40 leitenden Angestellten des Hauses Gruner + Jahr haben sich mit den Forderungen der STERN-Redaktion solidarisch erklärt, kommen in die STERN-Versammlung und fordern die Kollegen auf, sich nicht unter Druck setzen zu lassen.

  19.00 Uhr: Johannes Gross erklärt vor den Fernsehkameras, daß er auf die Positionen des Herausgebers und Chefredakteurs beim STERN wegen des „drastischen Widerstandes" der Redaktion verzichtet, seinen Posten als Vorstandsmitglied im Haus Gruner + Jahr aber antritt.

  20.00 Uhr: Die Redaktion des STERN beschließt hei zwei Gegenstimmen und drei Enthaltungen folgende Erklärung: Das Verhandlungsergebnis wird als "heute erreichbare Kompromißlösung" zur Kenntnis genommen. Die STERN-Redakteure halten an ihrer Forderung fest. verlegerische und redaktionelle Kompetenzen voneinander zu trennen.

  Die Besetzung wird aufgehoben.

Donnerstag, 19. Mai 1983:

  9.00 Uhr. Fortsetzung der außerordentlichen Betriebsversammlung im Gewerkschaftshaus. Die Mitglieder des Beirats informieren die Belegschaft über das Verhandlungsergebnis. Obwohl die Meinungen über den ausgehandelten Kompromiß unterschiedlich sind, betonen alle Sprecher, daß die in den vergangenen Tagen im ganzen Haus gewonnene Solidarität erhalten bleiben muß. Auch an diesem Vormittag wird erneut der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Rillen gefordert.

  12.30 Uhr: Ende der Betriebsversammlung.

  14.30 Uhr: Vollversammlung des STERN. Die Redaktion beschließt einen Brief an Peter Scholl-Latour. in dem er aufgefordert wird. von sich aus auf den Vorstandsposten zu verzichten.

  15.30 Uhr: Die Produktion dieses Heftes beginnt.

Freitag, 20. Mai:

   Vorstandsvorsitzender Gerd Schulte-Hillen teilt dem G + J-Betriebsrat schriftlich mit: Die Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter soll nicht um die für die gefälschten Tagebücherausgegebenen 9.34 Millionen Mark geschmälert werden. Auch den anderen Redaktionen des Hauses werden Verhandlungen über Redaktionstatute angeboten.


Der schwarze Freitag

Wie dem STERN eine neue Chefredaktion aufgezwungen werden sollte

  Freitag. 11 Uhr. Zur Redaktionskonferenz des STERN drängten achtzig Redakteure in den Konferenzraum, nachdem sich im Verlagshaus an der Alster herumgesprochen hatte, daß Herausgeber Henri Nannen und der Gruner + Jahr- Vorstandsvorsitzende Gerd Schulte-Hillen eine Erklärung abgeben wollen. meisten STERN-Journalisten erwarteten. daß der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden bekanntgegeben würde, der durch seine Millionen-Geschäfte um die gefälschten Hitler-Tagebücher ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war.

  Statt dessen griff Henri Nannen zum Mikrofon am Kopfende des Konferenztisches und sagte: "Heute ist Freitag, der 13., aber ich bin nicht abergläubisch und dies ist kein Unglückstag für den STERN."

  Es wurde eine Unglückswoche für den STERN.

  Sie begann, als Nannen diese Erklärung verlas: "Der Vorstand von Gruner + Jahr hat beschlossen, die Redaktionsleitung des STERN neu zu besetzen. Herausgeber des STERN werden Henri Nannen, Johannes Gross und Dr. Peter Scholl-Latour. Chefredakteure werden Rolf Gillhausen, Johannes Gross und Dr. Peter Scholl-Latour. Der Vorstand wird dem Aufsichtsrat vorschlagen. die Herren Johannes Gross und Dr. Peter Scholl-Latour zusätzlich zu Vorstandsmitgliedern der Gruner + Jahr AG zu bestellen."

  Es dauerte nur Sekunden. bis die Versammlung begriffen hatte, was geschehen war: "Das ist ein Putsch von oben!"

 Dann überschlugen sich Stimmen. Reden und Widerreden. Der Zorn der STERN-Leute entlud sich. Arnim v. Manikowsky. besonnener Chef vom Dienst des Blattes, griff zum Tisch-Mikrofon und sagte: "Es tut mir leid. nach allem, was in den letzten Tagen geschehen ist. diesen Vergleich wählen zu müssen — aber das, was wir hier erleben, ist ein Stück Zeitgeschichte, so etwas wie die Machtergreifung 1933 — und das sogar noch ohne Ermächtigungsgesetz."

  Ressortleiter Erhard Kortmann erregt zu Nannen: „Ich habe 30 Jahre lang mit ihnen und manchmal gegen Sie gerungen! Sie haben den STERN nicht alleine großgemacht! Wir alle haben daran mitgearbeitet — ich will meinen Anteil, meine Mitarbeit von Ihnen zurückhaben!"

  Nannen und Schulte-Hillen versuchten die Entscheidung, die über die Köpfe der Redakteure hinweg gefällt worden war, zu begründen. Nannen: "Ich habe in den letzten Tagen das Vertrauen der Redaktion nicht mehr gespürt." Ressortleiter Michael Jürgs: "Eine Unverschämtheit - wer hat denn trotz aller Ereignisse mit ihnen in den letzten Tagen und Nächten das Blatt gemacht - doch wohl die Redaktion." Zuruf an Nannen: "Jetzt erst haben sie das Vertrauen der Redaktion verloren,"

  Vorstands-Chef Schulte-Hillen: "Wir mußten eine schnelle Entscheidung fällen, um das Ansehen des Blattes wiederherzustellen. deshalb sind wir froh, diese beiden angesehenen Journalisten für den STERN kurzfristig gewonnen zu haben."

  Zwischenruf: "Da haben sie wohl wieder den Geldkoffer aufgemacht!"

  Ressortleiter Heiner Bremer nannte die Vorstands-Entscheidung _eine offenbar schon lange geplante, noch brutalere politische Wende für den STERN als die von Genscher und Kohl für die Bundesrepublik." Und: _Dies wird für den STERN, für das Selbstverständnis und für die Arbeit der Redakteure und für die Leser eine größere Katastrophe als die gefälschten Hitler-Tagebücher."

  Schulte-Hillen: „Ich verstehe ihre Erregung nicht, das sind doch zwei ganz renommierte Journalisten."

  Reporter Jürgen Petschull: "Darum geht es nicht. Sie können die Erregung nicht verstehen, weil sie keine Ahnung haben, was in dieser Redaktion vorgeht!"

  Redakteurin Almut Hielscher zu Nannen und Schulte-Hillen: "Ich bitte Sie, jetzt diesen Raum zu verlassen." Als die Herren noch zögerten, stieß Redakteur Niklas Frank nach: "Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie verlassen jetzt den Raum oder wir alle gehen.

  Nannen und Schulte-Hillen gingen. Die Redakteure beschlossen. für 18 Uhr eine Vollversammlung des STERN einzuberufen. Alle erreichbaren Redakteure und Reporter wurden herbeitelefoniert. Auf den Gängen und in den Räumen wurde über legalen Widerstand und Streik diskutiert. Redakteure und Reporter formulierten Kündigungsschreiben — und wurden von Kollegen bedrängt, sie nicht abzuschicken.


»Der STERN ist in Gefahr«

Die Rede des STERN-Autors Emanuel Eckardt beim Fackelzug vorm Redaktionshaus

  Der STERN ist in Gefahr! Nicht die Illustrierte. in der wir die Wahrheit über Herbert von Karajan und Hildegard Knef erfahren. Die wird überleben. Nicht der STERN, der auf bunten Anzeigenseiten den Geschmack von Freiheit und Abenteuer verspricht.

  Nein, in Gefahr ist der STERN. der früher als alle anderen zum Risiko einer neuen Ostpolitik aufrief. Der früher und entschiedener als alle anderen, die Gefahren der Kern-Energie einer Millionen-Leserschaft offenbarte.

  Der früher und eindeutiger als alle anderen auf die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen hinwies. Der die Verursacher von Umweltkatastrophen auch dann beim Namen nennt, wenn es Anzeigenkunden sind. Der STERN ist in Gefahr, der ohne Angst Skandalen nachgeht, auch wenn ihre Aufklärung sehr viel Geld kostet.

  Rettet den STERN, der nicht locker ließ bei der Flick-Affäre. der Millionen über die Probleme der Nachrüstung informierte.

  Und wenn wir über Hitler reden müssen: Der STERN ist in Gefahr, der die verbrannten Dichter aus der Vergessenheit hervorholte. Der STERN, der nie einen Zweifel ließ an seiner antifaschistischen Grundhaltung. Der Verbrechen und Verbrecher der Nazizeit heim Namen nannte, die Mörder und die Richter, die unter uns weiterleben. Der die Wurzeln des Neofaschismus aufzeigt und bekämpft.

  Rettet den STERN, der den Ärzten auf den Zahn fühlt und der sich von keiner Interessengruppe einschüchtern läßt, der von keiner Partei und keinem Eigentümer Weisungen entgegen nimmt, dessen Geist auch für Geld nicht zu haben ist.

  Wir sind eine stolze Redaktion. Wir kennen auch unsere Fehler. Wir wissen, daß wir es nicht allen recht machen. Aber das muß so bleiben.

  Wir haben es nie zugelassen, daß der STERN zwischen die Leitplanken einer Ideologie gepreßt wird. Wir lassen uns aber auch nicht von zwei im Handstreichverfahren eingesetzten konservativen Blattleitern vorschreiben, welchen Kurs wir zu steuern haben.

  Wir sind nicht verfügbares Eigentum einer kleinen Handvoll Eigentümer, sondern unabhängige kritische Journalisten. Wir haben in diesen Tagen erfahren, daß der Kampf um die Wiederherstellung unserer Glaubwürdigkeit und unserer Unabhängigkeit nicht allein unsere Sache ist, sondern auch die Sache der Gewerkschaften, der Friedensbewegung. der Ökologiebewegung, der Reformbewegung des Paragraphen 218 und schließlich der Ausländer in unserem Land. Tausende von Zuschriften und Solidaritätsbekundungen der Leser haben uns tief berührt und machen uns Mut. Wir wissen, daß wir einen schweren Kampf vor uns haben. Wir wissen auch, daß wir Hilfe brauchen.

  Deshalb rufen wir aus: Rettet den STERN, wenn die politische Wende nicht zu einer Wende ins Schweigen werden soll.


»Warum nicht gleich J. R.?«

Die turbulenteste Betriebsversammlung, die Gruner + Jahr je erlebte

  Das Auditorium Maximum, der große Hörsaal der Hamburger Universität, ist zum Bersten voll. Mindestens 2000 G + J-Mitarbeiter sind versammelt. Die STERN-Redaktion, deretwegen diese Betriebsversammlung stattfindet, hat 321 Mitglieder. Für diese 321 Redaktionsmitglieder, die in den anderen Abteilungen des Verlags oft als arrogant gelten, geht hier ein ganzes Pressehaus auf die Barrikaden: Pförtner. Fahrer. Kantinenhilfen, Buchhalter, Anzeigenvertreter, Leitende Angestellte, Redakteure anderer Zeitschriften wie Geo, Schöner Wohnen, Brigitte, art, Essen & Trinken. Wer keinen Sitzplatz hat, hockt auf Fußböden und Treppenstufen. Ein Lkw hat von der Druckerei in Itzehoe vorab STERN-Exemplare herbeigeschafft, damit jeder im eigenen Blatt lesen kann, wie Top-Manager des Verlages 9.34 Millionen Mark für gefälschte Hitler-Tagebücher ausgegeben haben.

  „Niemand", so schreibt tags darauf die "Süddeutsche Zeitung", „hat wohl bisher rund um deutsche Zeitungshäuser sich Szenen vorstellen können, wie sie sich sechs Stunden lang auf der Betriebsversammlung zugetragen haben, wo die Redaktion einer Zeitschrift vor jubelnden Mitarbeitern des ganzen Verlags dem Herausgeber dieses Blattes. dem Vorstandsvorsitzenden und dessen Stellvertreter erklärten, daß von ihnen nun wirklich nichts mehr zu halten sei."

  Gerd Schulte-Hillen, der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, hat im Verlauf des Hitler-Desasters mehrfach mitgeteilt, daß er gute Nerven habe. Das sagt er auch an diesem Morgen. Doch was der 42jährige Westfale mit dem dynamischen Manager-Habitus dann einstecken muß, geht an die Grenze seiner Nehmer-Qualitäten. Er, der zwar verbal die volle Verantwortung übernommen hat, sich aber subjektiv noch immer unschuldig und selbst betrogen fühlt — beginnt er im empörten Gejohle und Gepfeife seiner 2000 Untergebenen zu begreifen, daß er „absolute Scheiße gebaut" hat? Der Reporter Emanuel Eckardt nennt ihn einen „Stümper".

  Neben Schulte-Hillen ringt noch einer um seine Fassung: Henri Nannen, Erfinder, Macher, Vater und Großvater des STERN, fast 70 Jahre alt. Über ihn, seine Verdienste und sein Versagen sagt STERN-Reporter Jürgen Petschull. nachdem Redner und Zwischenrufer immer wieder nach Rücktritt verlangt haben. diesen Satz: "Henri Nannen ist ein großer Mann, der von kleinen Leuten, die das große Geld haben. kleingekriegt worden ist."

  Er hängt lange in der stickigen Luft des großen Uni-Hörsaals, dieser Satz. Und er ist schrecklich richtig. Nicht nur, daß sich auch Henri Nannen auf diese fürchterliche Hitler-Geschichte eingelassen hat: Nun trägt er auch noch den Vorstandsbeschluß mit, der STERN-Redaktion den erzkonservativen Johannes Gross und den Fernseh-Journalisten Peter Scholl-Latour aufs Auge zu drücken.

  "Wenn es schon Männer sein sollen, die man aus dem Fernsehen kennt - warum nicht gleich J. R.? - ruft STERN-Reporter Eckardt. Diese Personalpolitik, diese befürchtete Rechtswende des fortschrittlich-liberalen STERN - und nicht die Hitler-Pleite - ist der Grund, warum hier im Auditorium Maximum auch die Besonnensten des Verlages aufspringen und sieh erregen.

  "Wie kommt man", fragt ein STERN-Autor. „auf Johannes Gross als Chefredakteur des STERN? Ein Mann, der in seinen Kommentaren Gewerkschaften verhöhnt, illustrierte Publikationen verachtet?" Der Redner beantwortet die Frage selber: Der Vorstand setze diese beiden Männer „im Handstreichverfahren ein, ohne Prüfung - wie die gefälschten Hitler-Tagebücher!"

  Henri Nannen geht mit schweren Schritten zum Rednerpult. Er muß, die Regeln wollen es so. Vorstandsbeschlüsse verteidigen, auch wenn er dagegen ist. "Der STERN", sagt er, „ist mein Lebenswerk. Das laß' ich mir nicht kaputtmachen!" Großer, respektvoller Beifall. „Wir sind die Lokomotive, die nicht nur den Zug (damit meint er den STERN), sondern auch den ganzen Bahnhof (damit meint er den ganzen Verlag Gruner + Jahr mit seinen elf Zeitschriften) zieht." Orkanartiger Beifall.

  Er werde es nicht zulassen, daß sein Lebenswerk von Verlegern oder von rechtslastigen Chefredakteuren zerstört werde. Und dann verteidigt er Gerd Bucerius. Reinhard Mohn und John Jahr als „liberale Verleger" und mutet der STERN-Redaktion zu. mit den neuen Chefredakteuren einen Versuch „zu wagen". Nannen: „Die Redaktion ist selbstbewußt. wenn dieser Versuch scheitert, wird nicht die Redaktion scheitern."

  Der STERN als Teststrecke? Das Auditorium dröhnt: "Zurücktreten! Zurücktreten!" Henri Nannen ringt um seine Fassung. Er versucht auszuteilen, muß aber einstecken. Er wirkt wie ein Box-Champion in seinen letzten Kämpfen, die er besser nicht mehr bestritten hätte.


Die Nacht, die kein Ende nahm

Der Kampf um den Kompromiß, den der STERN-Beirat mit dem Verlag erstritt

  Der Aufruf zur Vollversamlung kam, unverhofft, kurz vor Mitternacht. Die sechs Stunden, die folgten, sind STERN-Geschichte. Nie standen die STERN-Redakteure so eng zusammen wie in dieser Nacht, nie waren sie so wütend, so traurig, so hoffnungsvoll, so verstört, so selbstbewußt. „Szenen aus einem Lehrbuch für Massenpsychologie". wie STERN-Autor Heinrich Jaenecke es anschließend formulierte. Was war passiert? Der Redaktionsbeirat des STERN, sieben Männer, zwei Frauen, hatten am Dienstagabend im Konferenzraum im neunten Stock des Hamburger „Affenfelsens- die Verhandlungen mit der Geschäftsleitung aufgenommen. Ziel der Gespräche mit den Bertelsmann-Chefs Reinhard Mohn und Mark Wössner und dem Gruner + Jahr-Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen: Die Berufung der neuen STERN-Chefredakteure Peter Scholl-Latour und Johannes Gross soll rückgängig gemacht werden.

  Die Startbedingungen sind ungünstig. Beirats-Sprecher Rainer Fabian: "Wir wußten, dies würden die entscheidenden Stunden der STERN-Krise werden. Wir ahnten. wir würden am Ende nicht als Helden vor der Redaktion stehen, sondern als Kompromißler, als Quislinge vielleicht." Hinzu kommt: Die Mitglieder der Kommission sind durch Vollversammlung und Redaktionsbesetzung übermüdet. Sie können zudem das Druckmittel eines illegalen Streiks nicht ausspielen.

  Nach zweieinhalb Stunden ergebnisloser Gespräche drängt Mohn, die Zeit verrinne. Sein Schlußtermin sei die Sitzung des Aufsichtsrats. Am Mittwoch, 16 Uhr, sollen die Journalisten Peter Scholl-Latour und Johannes Gross in die Vorstandsetage und auf die Chefredakteurssessel des STERN berufen werden.

  STERN-Autor und Beiratsmitglied Emanuel Eckardt berichtet über die Konfrontation in der Chefetage: ",Haben Sie ein Mandat, eine Vereinbarung abzuschließen?', fragte uns Gerd Schulte-Hillen irgendwann in der Nacht. Der Raum ist still, die Luft merkwürdig kalt und klar, denn der Tisch, an dem wir sitzen, ist klimatisiert. Aus sternförmigen Düsen fächelt kalte Luft um meine schweißnassen Hände. Nein, verhandeln können wir, aber dieses Mandat haben wir nicht. Wir sollen es uns holen, sofort, in einer Vollversammlung, damit wir einen Kompromiß mit dem Verlag abschließen können. Als mögliche Lösung wird uns signalisiert: Ein STERN ohne Gross, aber mit Peter Scholl-Latour.

  Bevor wir aus dem neunten Stock in die Kantine gehen, wird uns gesagt: Darüber dürfe nichts nach draußen dringen, kein Name. kein Posten. Wir dürfen den möglichen Kompromiß in der Vollversammlung nur andeuten. Andernfalls wäre das Angebot vom Tisch."

  Der Beirat sagt die Diskretion zu. Das wird in der Vollversammlung wenig später als Fehler empfunden. Die Beiratsmitglieder werden von den drei Chefs gefragt: „Wie lange wird es dauern, bis Sie das Mandat bekommen?" Zwei Stunden schätzen sie.

  Die Vollversammlung ist in aller Eile einberufen worden. Viele STERN-Redakteure sind noch im Haus, debattieren oder machen Schichtdienst hei der Redaktionsbesetzung. Andere wurden von zu Hause, aus Kneipen, von Freunden herbeitelefoniert. Binnen einer halben Stunde sind 127 STERN-Redakteure im Verhandlungsraum. Jetzt sollen sie entscheiden. Aber was?

  Sie haben bisher keine konkreten Informationen, und sie bekommen auch keine von den Beiräten. Emanuel Eckardt: "Vor uns eine Redaktionsversammlung mit grauen Gesichtern. Wir sagen, daß wir nichts Konkretes sagen dürfen. Daß wir einen Kompromiß sehen. Daß wir heute nacht vielleicht noch zu einer Lösung kommen. wenn die Redaktion uns ein Verhandlungsmandat gibt."

  Der Beirat gibt den Druck, den er oben verspürt hat, nach unten weiter - so jedenfalls empfanden es die Redakteure der Vollversammlung. Von einem "eisernen Vorhang", der runterginge, wenn man jetzt zu keinem Abschluß komme, ist die Rede. Vom Hund, der eine kleine Kröte fressen müsse, eine grosse aber nicht. Die meisten begreifen trotz der verklausulierten Sätze, worum es geht, andere nicht. Beiratssprecher Rainer Fabian äußert seine Zweifel, ob man überhaupt weitermachen solle.

  Die Zweifel stecken an. Jeder will jetzt was sagen, seine Emotionen loswerden, seine Vorschläge, seine Hoffnungen, seine Aggressionen, seine Verzweiflung. Es gibt Redakteure, die jetzt ein Ende der Debatte wollen. Sie sind aus Überzeugung oder aus Übermüdung, aus Angst vor einer weiteren Eskalation, die den Arbeitsplatz gefährden könnte, oder aus Furcht vor einer Nulllösung bereit zu einem Kornpromiß. Sie wollen dem Beirat die Abschluß-Vollmacht erteilen. Andere wollen den Beirat nicht wieder nach oben schicken, nicht unter diesem Druck mit Blankovollmacht weiter verhandeln lassen.

  Um zwei Uhr morgens wird abgestimmt. 89 Redakteure erteilen dem Beirat das Mandat für einen Abschluß, 38 sind dagegen.

  Nach der Abstimmung zieht sich der Beirat zur Beratung zurück, Beiratsmitglied Emanuel Eckardt: „Wir gingen betroffen aus dem Raum. Jemand faßte im Dunkel meine Jacke, seine Hand zitterte. Laßt Euch nicht verrückt machen, Ihr müßt da durch`".

  Stunden diskutieren die neun Unterhändler über den Kompromißvorschlag des Vorstandes, dem sie nicht zustimmen wollen. In ihrem Büro türmen sich Kaffeetassen. Aschenbecher quellen über, die Verlagsleitung muß warten. Konfliktstress: das Gefühl, daß eine Uhr tickt. Die ewige Politiker-Frage: Ist es durchsetzbar? Was ist durchsetzbar? Wie ist es durchsetzbar? Und eins kriegt niemand aus dem Kopf: Hast du wirklich das Vertrauen der Redaktion?

  Die Nacht wird zum Alptraum. Immer wieder geht die Tür auf, die Kollegen bedrängen die Beiräte, das Mandat wieder zurückzugeben. Die STERN-Redakteure wollen vor allem keine Personalunion von Chefredakteur und Vorstandsmitglied. Darin sehen sie eine gefährliche Verquickung von Verlag und Redaktion und eine Bedrohung der inneren Pressefreiheit.

  „Das war mein schlimmster Tag im STERN". sagt Autorin Uta König. "Ich dachte: jetzt ist alles gelaufen. Der Beirat hat sich unter Druck setzen lassen, wir sind darauf reingefallen." Die Mehrheit der Redakteure meint, der Blankoscheck sei zu recht ausgestellt: Man müsse zum Beirat Vertrauen haben. Ein gutes Gefühl hat niemand. Ein paar von denen, die glauben, nun sei alles aus, weinen.

  Obwohl die Abstimmung hingst vorbei ist, treffen noch immer STERN-Mitarbeiter im Redaktionshaus in der Warburgstraße ein. In der Versammlung warnt Betriebsrat Wolfgang Vietsch, daß dem Druck von oben voreilig nachgegeben worden sei. Es wird beschlossen, die Beiratsmitglieder wieder nach unten zu holen. Haben sie schon verhandelt, ist etwa schon abgeschlossen worden?

  Der Beirat kommt wieder nach unten in die Kantine, in eine "Gruft, in der sich die Trauergäste versammelt haben" (Eckardt).

  Eine neue Abstimmung, ein Votum über das Votum, hängt in der Luft und kommt dann doch nicht zustande. Beirat Rainer Fabian will das Mandat nicht länger tragen, weil er zuviel Zweifel hat. Gerd Krug will zurücktreten, wenn erneut abgestimmt wird. Noch einmal wird diskutiert, wird den Beiratsmitgliedern die Angst der Vollversammlung vor einem falschen Abschluß deutlich gemacht. Abgestimmt wird nicht mehr, aber die große Mehrheit klatscht dann doch Beifall, als die Beiräte sagen, daß sie weitermachen.

  Als sie wieder in den neunten Stock gehen wollen, hören sie auf der Chefetage: "Herr Mohn hat das Haus gerade verlassen."

  Draußen wird es hell, die Vögel zwitschern. Noch höchstens drei Stunden Schlaf. Der Taxifahrer fragt: „Ihr seid vom STERN?" Er stellt das Taxameter ab.

  Kurz nach sechs Uhr verbreiten Nachrichtenagenturen unter Berufung auf den Vorstandssprecher von G + J die Falschmeldung, die STERN-Redaktion habe dem Beirat ihr Vertrauen entzogen.

  Mittwoch früh, 9.30 Uhr, wieder im 9. Stock. Der Countdown läuft, bis zur Aufsichtsratssitzung sind es noch sechs Stunden. Jetzt gibt der Vorstand in einem Punkt nach: Johannes Gross ist nun weder Chefredakteur noch Herausgeber des STERN, was er nach dem ersten Vorschlag noch bleiben sollte. Letzte Beratungen der Redaktionsvertretung: Was würde geschehen, wenn wir abbrechen? Ist der Kompromiß nicht doch noch zu verbessern? Würde die Redaktion das akzeptieren?

  Im Haus brodelt es. Im sechsten Stock treffen sich die Leitenden Angestellten aus allen Abteilungen und solidarisieren sich mit der Redaktion. Sie bitten Chefredakteur Gillhausen, den Kompromiß nicht mitzutragen. Redakteure des STERN kommen in den sechsten Stock und verlangen Abbruch der Verhandlungen. Chefredakteur Rolf Gillhausen versichert sich dreimal bei den Beiräten, ob sie wirklich mit ihrem Votum für die gesamte STERN-Redaktion sprechen. Er will nur zustimmen, wenn eine überwältigende Mehrheit ihn als Chefredakteur akzeptiert. Die Beiräte bestätigen das.

  Nach 24 Stunden ist der Kompromiß unterschrieben, und eines steht fest: Damit wurde bereits ein Teil des geforderten Redaktionsstatuts praktiziert.


»Verhindert die Wende nach rechts!«

Wie STERN-Leser auf die Krise ihres Blattes reagierten

  „Bitte bleiben Sie standhaft und verhindern noch eine Wende nach rechts - nun auch heim STERN-. beschwor Privatdozent Dr. med. Klaus-Werner Wenzel aus Berlin die "sehr geehrte Redaktionsmannschaft", denn "ich möchte nämlich nicht mein 15jähriges STERN-Abonnement abbestellen." STERN-Leser Wenzel ist einer von Tausenden, die mit Briefen, Telegrammen, Fernschreiben und Anrufen den Journalisten in der Hamburger Warburgstraße 50 den Rücken stärkten.

  "In Trauer", schrieb Volker Stühlein aus Wilhermsdorf hei Stuttgart: „Ich lese Euer Blatt schon ewig. Wenn der Gross hei Euch Herausgeber wird, kaufe ich mir in Zukunft lieber gleich die ,Bild-Zeitung'."

  Fassungslos reagierten die Leser auf die Nachricht, wer in Zukunft an der Spitze des STERN stehen sollte. Ihr Protest deckte sich mit den Befürchtungen der STERN-Redakteure. "Ein rechter STERN ist kein STERN" - "Ein STERN mit Quick-Appeal - nein danke!`'

  Immer wieder wurde die vom Verlag aufgezwungene "Wende" mit dem Skandal der gefälschten Hitler-Tagebücher verknüpft. Edith Lüdicke aus Kassel war empört: "Was denken sich eigentlich Verlag und Herausgeber des STERN, wenn sie ihren ,lieben Lesern' nach den Hitler-Tagebüchern (egal ob echt oder gefälscht, geschmacklos allemal) nun die Herren Gross und Scholl-Latour als Chefredakteure anbieten? Ist der STERN so opportunistisch. daß er meint, nach der Bonner ‚Wende' nun rechts um, marsch, machen zu müssen? Blätter der schwarzen Couleur gibt's doch wahrlich genug in diesem unserem Land."

  Aus Tübingen meldete sich Professor Walter Jens, Rhetorik-Professor und STERN-Kolumnist, und erklärte, daß er nicht mehr als Schreiber zur Verfügung stehe.

  Die Nachricht vom Widerstand der STERN-Redaktion löste die Hoffnung aus, daß die Redakteure sich mit ihren Forderungen durchsetzen würden. Schriftsteller und Publizisten wie Martin Walser. Axel Eggebrecht, Günter Grass. Robert Jungk, Freimut Duve, Fritz Sänger, Susanne von Paczensky, Peter Härtling und viele andere fühlten sich auf seiten der Redaktion. appellierten an das Durchhaltevermögen der „Besetzer" und erklärten einmütig: "Es muß das Recht der STERN-Redaktion sein, über eine neue Besetzung der Chefredaktion mitzubestimmen."

  Reinhold Messner telegrafierte: "Soeben aus dem Himalaja zurückgekehrt, kann ich euch nur bitten, weiter zu kämpfen. damit der STERN der STERN bleibt."

  Rock-Sänger Udo Lindenberg, Kabarettist Dieter Hildebrandt und viele andere Künstler schrieben an STERN-Herausgeber Henri Nannen: „Der STERN war uns bisher wichtig wegen des fortschrittlichen Engagements seiner Redakteure."

  Mit Unterschriftenlisten meldeten sich aus München die Kollegen der „Süddeutschen Zeitung", der „Abendzeitung", der "tz". aus Köln Redakteure des WDR und des „Kölner Stadt-Anzeigers". aus Bremen Mitarbeiter des „Weser-Kuriers" und von Radio Bremen, aus Berlin Kollegen des SFB und der "taz", aus Wiesbaden Redakeure des ZDF. aus Frankfurt des Hessischen Rundfunks und der "Frankfurter Rundschau". Aus Hamburg die "Zeit", der NDR. die "Hamburger Rundschau" und die "Szene".

  Auch aus Holland. der Schweiz und aus Spanien kamen Grußadressen. Die „Arbeiterzeitung" und die "Kronen-Zeitung" aus Wien machten der Redaktion Mut. Der Gesamtbetriebsrat des Axel-Springer-Konzerns. der 12 000 Mitarbeiter vertritt, machte die Sache der STERN-Redaktion zu seiner Sache. Der Betriebsrat der Howaldt-Werke/Deutsche Werft (HDW) schickte zwei Kollegen in die Betriebsversammlung von Gruner + Jahr, die eine Solidaritätserklärung der Werftarbeiter verlasen.

  Der Kuchen einer Hamburger Wohngemeinschaft. die 41) Mark. die ein Leser für Bier spendete, Schnaps und Pasteten. die ein griechischer Gastwirt vorbeibrachte. wurden in den Vollversammlungen der STERN-Redakteure mit dem gleichen Beifall quittiert wie ein buntes Bild mit der Unterschrift: "Laßt Euch nicht zum Hampelmann machen:"

  Der „Putsch von oben" im STERN ist „eine Katastrophe für alle Journalisten in der Bundesrepublik", erklärte Spiegel-Reporter Gerhard Mauz für den Betriebsrat seines Verlages.

  P. S: Für die "andere Seite'` kam am schwarzen Freitag (13. Mai) auch ein Fernschreiben: „Lieber Johannes Gross, herzliche Glückwünsche, machen Sie es besser. Ihr Johannes K. Engel. Der Spiegel, Chefredaktion."


Lesen Sie auch die Leserbriefe zum Fälschungsskandal, die in Heft 22/1983 abgedruckt wurden.

Lesen Sie auch die internationalen Pressestimmen zum Fälschungsskandal, die in Heft 22/1983 gesammelt worden waren.