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Jugendliche in der Krise "Wie geht es mir?" – auf diese Frage geben Berliner Schüler erschütternde Antworten

Trauriger Jugendlicher
Die Jugendlichen kommen mit der Gegenwart kaum zurecht – und fürchten um ihre Zukunft
© SolStock / Getty Images
An einer Berliner Schule haben Jugendliche ehrlich und anonym erzählt, wie sie sich in der Coronakrise gerade fühlen. Die Antworten zeigen, wie überfordert und verzweifelt viele von ihnen sind.

Die Pandemie stellt die allermeisten Menschen vor große Herausforderungen, doch Kinder und Jugendliche trifft sie womöglich am härtesten. Sie dürfen kaum noch Freunde treffen und können ihren Freiheitsdrang nicht mehr ausleben. Nach langen Wochen des Homeschoolings würden viele sogar gerne wieder in die Schule gehen, allein schon, um ihre Klassenkameraden wieder zu sehen.

Wie also erleben Jugendliche diese Zeit, die für sie so anders verläuft als bei den Generationen zuvor? Aufschluss darüber geben Aussagen von Schülern einer Oberschule im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Dort stellte ein Mädchen ihren Mitschülern zwei Fragen: "Wie geht es mir?" und "Was können die Schule, die Lehrer*innen oder auch wir verändern, damit es uns besser geht?". Auf einer digitalen Pinnwand kamen knapp hundert Antworten zusammen, schreiben die "Berliner Zeitung" und der "Tagesspiegel", denen die Texte vorliegen. Da die Aussagen anonym sind, ist nicht immer klar, ob es sich um Mädchen oder Jungen handelt, oder wie alt sie sind. Doch die Antworten erzählen viel über die Probleme, denen Schüler in der Corona-Zeit gegenüberstehen.

Schüler in der Corona-Zeit: "Panik, einfach Panik"

Ein Abiturient berichtet, dass seine Eltern "mehr und mehr Probleme durch Corona" bekämen und sich nicht mehr um seine Schwester, die Hilfe beim Homeschooling benötigt, kümmern könnten. "Meine andere Schwester hat einfach aufgegeben und sitzt nachts weinend im Bett und schläft tagsüber – sie nimmt einfach nicht mehr am Homeschooling teil, weil es ihr zu viel wird", schreibt er. Er selbst müsse nun teilweise die Elternrolle übernehmen: "Alle sind am Ende und keiner kann sich bei dem anderen abstützen."

Ein anderer Schüler empfindet "Panik, einfach nur Panik" angesichts der vielen Aufgaben im digitalen Unterricht. Offenbar fällt es ihm schwer, sich zu Hause zu organisieren. Andere klagen über Kopfschmerzen, Versagensängste und Herzrasen. "Wir müssen funktionieren wie Maschinen", beschwert sich ein Jugendlicher. Auch die Sorge um die Zukunft treibt die Schüler höherer Jahrgänge um. "KEIN einziger Arbeitgeber oder eine Uni wird später feststellen: 'Oh Abitur Jahrgang 21/22', da sind wir mal großzügiger. Ich habe einfach Angst, dass ich meine Zukunft in die Tonne schmeißen kann", schreibt jemand.

Den Antworten nach zu urteilen, haben viele Schüler große Probleme mit dem Digital-Unterricht. Einige verunsichert es, sich vor einer Bildschirmkamera zeigen zu müssen. "Videokonferenzen lösen in mir Panik aus und eine Meldung online ist für mich schwieriger als im Präsenzunterricht", erzählt jemand. Eine andere Antwort: "Viele (inklusive mir selbst) macht das Einschalten der Kamera viel unsicherer, ich sitze zum Teil 90 Minuten vor dem Computer und versuche mich nicht groß zu bewegen, nicht auszufallen, bloß keinen unbedachten Gesichtsausdrücke zu machen. Vor allem in großen Gruppen finde ich das schwierig, die Kamera kann doch einfach freiwillig bleiben."

Homeschooling

Depressionen unter Kindern und Jugendlichen haben zugenommen

Es seien "allesamt gute Schüler:innen, die sich hier zu Wort melden", betonen die Initiatorinnen der Umfrage. Laut "Berliner Zeitung" handelt es sich um eine "ganz normale und eher gut geführte Oberschule". Das spricht dafür, dass die Krise viele Jugendliche in einen Abgrund zu ziehen droht. Die alarmierenden Botschaften haben auch die Schulleitung aufgeschreckt – seitdem können sich die Schüler an einen von der Schule organisierten Psychologen wenden.

Eine Studie der Universitätsklinik Eppendorf in Hamburg, die kürzlich veröffentlicht wurde, geht davon aus, dass fast jedes dritte Kind Hinweise auf eine psychische Belastung zeige. Vor der Pandemie war es nur etwa jedes fünfte. "Unter Kindern und Jugendlichen hat die Zahl der von Stresssymptomen wie Angst, Depressionen, Ess- und- Schlafstörungen Betroffenen seit vergangenem Jahr stark zugenommen", sagte Julia Asbrand, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und -psychotherapie an der Humboldt-Universität dem stern. Und dabei lassen sich die Langzeitfolgen noch gar nicht absehen: ""Gut möglich, dass die erst in einigen Jahren auftreten. Angststörungen, Depressionen und Aufmerksamkeitsstörungen können weiter zunehmen."

Quellen: "Berliner Zeitung" / "Tagesspiegel" / UKE

epp

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