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Kinder nach der Pubertät: Jetzt liegen sie nur noch herum

Da liegen sie. Und liegen. Und stehen auch nicht mehr auf. Über den Umgang mit Kindern, die noch zu Hause wohnen, die sich aber zu erwachsen fühlen, um sich noch etwas sagen zu lassen.

Von Kester Schlenz

Meine Söhne haben mir vor einigen Jahren gesagt, dass ich nicht mehr über sie schreiben soll. Früher sei das lustig gewesen, zu lesen, was sie als kleine Kinder alles so angestellt hätten. Aber nun sei es mal gut mit den alten Geschichten. Sie hätten ein Recht auf Privatsphäre. Ich hatte verständnisvoll zugestimmt. Jetzt muss ich diese Zusage brechen und doch noch was erzählen.

Ich will es möglichst unpeinlich machen, Männer. Aber ich will berichten, wie anstrengend es manchmal war (und gelegentlich noch ist), mit jungen Erwachsenen zusammenzuleben. Ich sage nicht, wer von euch beiden unter Ächzen und Stöhnen einen (!) Teller vom Tisch zur Spülmaschine trug und annahm, dass dies tatkräftige Unterstützung im Haushalt sei. Ich sage nicht, wer von euch mir nach dem Wochenende unser Auto ohne Benzin zurückgab, wer wieder vergessen hat, dass sich versiffte Badezimmer nicht von selbst reinigen. Und ich erwähne nur kurz die Rotweinflecken auf dem Teppich, den nicht richtig geschlossenen Gefrierschrank im Keller und die ständig offenen Fenster und Türen, wenn ihr das Haus verlassen habt. Einbrecher sieht man ja nur im Fernsehen.

Der geliebte Alien

Aber ich muss einfach von diesen Dingen erzählen, weil ich ein Buch gelesen habe. Es hat mich begeistert, weil es meinen eigenen Gedanken und Gefühlen als Vater auf grandiose Weise Ausdruck verleiht. Ich würde dem Autor gern zurufen: So war es bei uns sehr oft auch, aber so schön hätte ich es selbst nie sagen können. Das Buch heißt "Die Liegenden" und stammt von dem italienischen Autor Michele Serra. Der Mann ist in seiner Heimat ein bekannter Journalist und hat einen 18-jährigen Sohn. Und er liebt diesen Sohn über alles, aber irgendwie kommt er nicht mehr ran an ihn. Der junge Mann, so empfindet es Serra, ist ein Alien, der in seinem Haus lebt. Ein Angehöriger eines fremden Volkes mit anderen, sonderbaren Empfindungen, einer anderen Sprache und anderen Rezeptoren zur Wahrnehmung der Umwelt. Sein Sohn gehört zum Volk der "Liegenden".

Diesen Namen hat Serra gewählt, weil er seinen Sohn vor allem liegend antrifft. Auf dem Sofa, auf dem Fußboden, im Garten. Der Vater kann nicht sprechen mit dem Sohn. Denn der trägt ständig Kopfhörer. Außer wenn er telefoniert oder auf der Fernbedienung des Fernsehers herumdrückt. Auch das allgegenwärtige Handy ist mit dem Kopf des Sohnes verkabelt. Dann redet er mit Freunden in einer befremdlichen Hack- und Morsesyntax und verabredet sich mit ihnen - meist zum gemeinschaftlichen Liegen.

Macht doch keinen Stress!

Neu sind derartige Beschreibungen nicht. Doch Serra berichtet direkt und offen aus dem wirklichen Leben. Und er schont sich nicht. Er weiß, dass wir modernen Eltern mit unserer Unsicherheit Teil des Problems sind. In diesem Buch fand ich mich wieder. Und nicht nur ich. Bei einem Essen mit Freunden erzählte ich ein paar Anekdoten aus den "Liegenden", und die Geschichten der anderen über ihre mehr oder weniger erwachsenen Kinder brachen nur so aus ihnen heraus. Von Markus, 23, der nach sieben Semestern elternfinanzierten Studiums merkte, dass Jura "irgendwie doch nicht so sein Ding" sei und er nun was anderes machen wolle. Was? Keine Ahnung.

Von Veronika, 18, die sich beinahe wöchentlich neue Piercings an den schlanken Leib tackern lässt und die elterlichen Ermahnungen, dies sei für die anstehenden Bewerbungen eher hinderlich, für spießig hält. Mona, 20, wiederum hat die Kommunikation mit den Eltern eingestellt. Ihr Freund, den sie in einem Auslandssemester kennengelernt hat, ist für einen Monat zu Besuch im Haus der Eltern. Und die sehen sich mit einem verliebten jungen Paar konfrontiert, das gegen Mittag erwacht, gegen 15 Uhr frühstückt, sich neckt und durchs Haus jagt und alle anderen ignoriert. Monas Eltern sind Fremde im eigenen Haus. Sie sind freundlich, machen Angebote (die sämtlich abgelehnt werden), kochen innerlich - und natürlich in der Küche. Die Kinder müssen schließlich was essen. Allerdings werden die angebotenen Gerichte erst mitten in der Nacht kichernd und mit Geschirr rumpelnd in der Küche vertilgt.

Sollte man da nicht etwas sagen? Muss es sein, dass Eltern nachts wach im Bett liegen und mit Befremden den Aliens in ihrem Haus lauschen? Ist es spießig, den 25-jährigen Sohn zu bitten, sich ernsthaft um die Berufswahl zu kümmern? Wo der Junge doch so gern in seiner Band Schlagzeug spielt? Man freut sich, dass er endlich bei irgendwas mit Begeisterung dabei ist, sein Ding gefunden hat. Aber die Band kostet hauptsächlich Geld. Eltern-Geld. Muss man da nicht dazwischengehen? Oder sollte man sich doch besser raushalten? Man weiß es nicht.

Vitale Kerle. Strotzend selbstbewusst

Heute ist das Verhältnis zu meinen erwachsenen Söhnen bilateral entspannt, aber ich kenne das Gefühl noch gut, als Vater hin- und hergerissen zu werden zwischen dem Gefühl, jetzt klare Kante zeigen zu müssen, und dem Wunsch, bloß keinen Stress zu machen. Geliebt zu werden. Ein cooler Vater zu sein. Wie oft haben meine Frau und ich zusammengesessen und abends diskutiert, ob etwa der PC nun aus dem Zimmer fliegt, weil einer der Burschen wieder die Nacht hindurch ein wüstes Game gespielt hatte.

"Jetzt ist Schluss", sagte man sich, haute auf den Tisch - und hat es doch nicht fertiggebracht, den Computer zu beschlagnahmen. Oft waren es schlicht Konfliktscheu und Müdigkeit. Wer hat schon Lust, nach einem anstrengenden Tag noch zu Hause Grundsatzdiskussionen zu führen?

Und kaum war die anstrengende Pubertät vorbei, da hatte man auf einmal junge Erwachsene vor sich, die zu Recht respektiert werden wollen. Vitale Kerle, strotzend vor Selbstbewusstsein. Man hatte sie ja so erzogen. Bloß nicht zu autoritär, aber auch nicht ohne Regeln. Doch die Regeln hatten meine Frau und ich - schließlich wollten wir ja keine repressiven Eltern sein - nie konsequent durchgesetzt. Irgendwann war es zu spät für grundsätzliche Korrekturen. Was sollte man zu gigantischen Haufen von Schmutzwäsche in Zimmern sagen, die aussehen, als wären sie soeben von sehr unsensiblen Sondereinsatzkräften durchsucht worden? Warum verstanden es die Söhne nicht, dass man sich Sorgen machte, wenn einer am Sonntagmorgen nicht in seinem Bett lag? Ist eine kurze SMS zu viel verlangt? Wo doch das Handy ansonsten im Dauerbetrieb ist?

Was Michele Serras Buch so hilfreich macht, ist, dass es so entlastend wirkt. Der Autor stellt sich die gleichen Fragen wie die meisten Eltern, beschreibt die gleichen Probleme. Vor allem diese sonderbare Hilflosigkeit, wenn die eigenen Kinder fordern, dass man ihnen als Erwachsene auf Augenhöhe begegnen soll, sie aber in unseren fürsorglichen, elterlichen Köpfen immer noch unsere Kinder sind, denen man sagen will, wie es laufen müsste. Man will sie bewahren, beschützen, beraten, formen. Und muss sie doch loslassen. Vielleicht ist das auch die Lösung. Loslassen. Sich einfach nicht mehr ärgern. Zugeben, dass man es auch selbst vergeigt hat. Und dann: Unrat vorbeischwimmen lassen. Oder, wie es meine Söhne formulieren würden: einfach mehr chillen. Und dann Serras Buch lesen und sich damit trösten, dass auch andere ihre Not mit dem Volk der "Liegenden" haben.

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