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Fachtagung zu Kindesmissbrauch: Wenn das Zuhause zum Ort des Schreckens wird

Nirgendwo gibt es so viel Gewalt wie im häuslichen Raum - Kinder sind dem besonders schutzlos ausgesetzt. Sie erfahren häufig Gewalt statt Geborgenheit. Anlässlich einer Fachtagung zeichnen Experten ein drastisches Bild.

Der Schatten von einem Mann und einem schaukelnden Kind fallen am 27.08.2014 auf Sand auf einem Spielplatz

Kinder erleben in ihrem Zuhause häufig Gewalt

Für manche Kinder und Jugendliche in Deutschland ist es trauriger Alltag: Sie werden von ihren eigenen Eltern geschlagen oder seelisch gequält. "Das Ideal, dass Kinder ohne Gewalt aufwachsen sollen, ist in der Bevölkerung angekommen - die tatsächliche Realität in den Familien sieht aber anders aus", sagte die stellvertretende Geschäftsführerin beim Deutschen Kinderschutzbund, Cordula Lasner-Tietze. "Es ist erschreckend, dass wir keinerlei Indizien haben, dass die Zahl der unter Gewalterfahrungen leidenden Kinder im Sinken ist."

Genaue Statistiken gibt es nicht. Nach den bereits 2008 abgeschlossenen Studien des Kriminologen Kai Bussmann sind bundesweit 2,5 Millionen Kinder mindestens einmal in ihrem Leben von Misshandlungen betroffen gewesen. Inzwischen müsste man neue Studien machen, sagte Bussmann. Das Ausmaß sei sicherlich nach wie vor viel zu hoch. "Nirgendwo gibt es so viel Gewalt wie im häuslichen Raum." Wenn das Verhältnis zwischen Partnern von Gewalt bestimmt sei, würden auch Kinder geschlagen.

Traumatisierte Eltern und leidende Kinder

Aller Aufklärung zum Trotz bleibt häusliche Gewalt auch für kommende Generationen ein Problem. Beziehungstraumatische Ereignisse wie Misshandlung in der Kindheit werden oft von Generation zu Generation weitergetragen, erklärt der Münchner Traumaforscher Markos Maragkos. "Je schwerer die Mütter traumatisiert sind, desto eher erfahren die Kinder Gewalt." 

Wie dieser Kreislauf durchbrochen werden kann, war am Donnerstag das Thema einer Fachtagung mit rund 200 Sozialarbeitern, Beratern, Wissenschaftlern und Polizisten in Mainz. 

Sozial- und psychotherapeutische Angebote sollen Auswege aus scheinbar ausweglosen Situationen und von Gewalt geprägten Beziehungskonstellationen schaffen. Mit Blick auf die Veranstalter der Tagung, die in der sogenannten Täterarbeit aktiven Beratungseinrichtungen der Initiative "Contra häusliche Gewalt", sagte Kern, auch in Zeiten der Schuldenbremse werde das Land Rheinland-Pfalz Mittel für weitere Unterstützung bereitstellen.

Eltern als Kinder oft selbst traumatisiert

"Gewalt in der Kindheit zerstört die Art und Weise, wie Grundbedürfnisse wahrgenommen werden, etwa das Bedürfnis nach Nähe", erklärte der Traumaforscher Maragkos. Wenn diese Bedürfnisse später bei den eigenen Kindern erlebt würden, fehlten den Eltern dann die Möglichkeiten, so darauf einzugehen, dass es gut für die Kinder sei - nicht weil sie es nicht besser machen wollten, sondern weil sie es nicht könnten. "Wenn Eltern in der eigenen Kindheit traumatisiert wurden, haben sie in der Regel keine guten Strategien, mit Stress umzugehen", sagte Maragkos. "Dadurch haben sie eingeschränkte Erziehungskompetenzen." Die Kinder wiederum müssten so ohne ein Vorbild aufwachsen, wie Stress sinnvoll verarbeitet werden könne. 

Der 55-jährige Manfred R. sagt in einem Video der Initiative "Contra häusliche Gewalt": "Wenn man mit Gewalt groß geworden ist und nur noch das im Kopf hat, reagiert man selbst nur noch mit Gewalt." Als Kind seien er und seine Mutter von seinem Vater geschlagen, mit Worten beleidigt und eingesperrt worden. Als Ziel für seine Mitwirkung in der Beratungsarbeit nannte er: "Dass ich brav bin, dass ich einfach nicht mehr aggressiv reagiere" in Situationen, "wo ich sonst beherzt zugeschlagen hätte".

Gewalt führt zu noch mehr Gewalt

Der Neuropsychologe Thomas Elbert von der Universität Konstanz erklärt, Gewalt sei eine Reaktion des Gehirns auf äußere Reize. Untersuchungen zeigten, "dass mit zunehmender familiärer Gewalterfahrung nicht nur die Zahl der Straftaten steigt, sondern auch die Lust, diese Straftaten zu begehen".

Für die Faszination von Gewalt seien vor allem Jugendliche und junge Männer im Alter von 14 bis 20 Jahren anfällig, erklärt Elbert. Gestützt auf die Ergebnisse eigener Forschungen in Burundi und Tansania sagte Elbert: "Traumatische Erfahrungen im Krieg zusammen mit einer schwierigen Kindheit begünstigen die Lust, selbst gewalttätig zu werden."

Schon während der Schwangerschaft bleibe das sich entwickelnde Kind nicht unbeeinflusst von Gewalt- und Stresserfahrungen seiner Mutter. Bei dem werdenden Kind werde über neurochemische Signale dann ein anderer Entwicklungsschalter eingestellt. Dem Kind werde über das Stresshormon Cortisol signalisiert, dass es auf der Hut sein müsse, weil es in eine gefährliche Umwelt komme. "Wir werden zu anderen Wesen gemacht, wenn wir uns unter diesen Bedingungen entwickeln müssen." Auf dem Weg zu einer friedlichen Gesellschaft, so führte Elbert aus, habe die therapeutische Täterarbeit eine große Bedeutung - dazu gehöre auch Empathie für Täter.

Hohe Dunkelziffer ist wahrscheinlich

"Wir müssen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen", sagte Lasner-Tietze. Am größten sei das Ausmaß von Gewalt im frühen Kindesalter - in dieser Phase könnten sich Kinder später oft nicht mehr an diese Erfahrung erinnern. In früher Kindheit erlittenes Leid werde dann oft erst viel später in psychotherapeutischen Behandlungen bewusst.

Für Rheinland-Pfalz weist die Kriminalstatistik für das Jahr 2014 insgesamt 9571 Fälle von Gewalt "in engen sozialen Beziehungen" aus. "Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein", erklären die Veranstalter der Tagung. Bei Gewalt an Frauen durch ihre Partner seien "die Kinder immer mitbetroffen und oft schwer traumatisiert".

In der kommenden Woche veröffentlicht der Autor Markus Breitscheidel unter dem Titel "Nicht auf den Kopf!" ein Buch, in dem er persönliche Gewalterfahrungen während seiner Kindheit in der Nähe von Cochem an der Mosel darstellt. "Es gibt ein gesellschaftliches Umfeld, das Gewalt an Kindern einfach ignoriert", sagte Breitscheidel der Deutschen Presse-Agentur. Bei seinen Recherchen sei ihm klar geworden, dass sehr viele Kinder betroffen seien, dass aber kaum jemand ein Interesse habe, das Ausmaß öffentlich zu machen: "Das ist ein ungemeines Tabuthema." Kinder würden noch zu sehr als Besitz ihrer Eltern angesehen, ihre Situation als Privatangelegenheit betrachtet.

Geprügelt, gedemütigt, eingeschüchtert und verängstigt

"Unabhängig vom sozialen Umfeld wird geprügelt, verletzt, beherrscht, kontrolliert, gedemütigt, eingeschüchtert und verängstigt, was das Zeug hält", schreibt Breitscheidel in seinem Buch. Er zeigt auf, wie das Vertrauen in die Erwachsenenwelt überhaupt verloren gehe. Er kritisiert, dass es viel zu wenig gezielte Hilfsangebote für Kinder in solch verzweifelten Situationen gebe.

Die Beratungsstellen des Deutschen Kinderschutzbunds müssten bei gleich bleibender Ausstattung seit einigen Jahren immer mehr Familien beraten, sagt Lasner-Tietze. Die Folge sei eine Verkürzung der Beratungszeit. Insbesondere die Hilfen für Kinder im Alter bis drei Jahren müsse eine Pflichtleistung der Kinder- und Jugendhilfe werden.

"Wir brauchen gut ausgestattete, flächendeckende und niederschwellige Angebote zur Beratung von Kindern, Jugendlichen und Familien."

jen / DPA
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