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Kindertagesstätte: Wenn Betreuer Gewalt anwenden - Wie weit dürfen Erzieher gehen?

Es ist die Horrorvorstellung für Eltern: Sie geben ihre Kinder in die Kita, verlassen sich auf gute Betreuung und Fürsorge. Doch dann wenden die Erzieher Gewalt an. Ein Augsburger Fall wirft die Frage auf: Was ist erlaubt?

Spielzeug liegt in einer Kindertagesstätte auf dem Boden

Wer sein Kind in einer Tagesstätte abgibt, muss den Betreuern vertrauen

Kinder schreien, Kinder toben, Kinder verweigern das Essen. Der gesunde Menschenverstand sagt: Das gehört dazu. Das muss man hinnehmen. Auch wenn es manchmal nervenraubend ist - Eltern und Erzieher können ein Lied davon singen. Doch wie verhält man sich, wenn die Kleinen nicht essen wollen? Eine 26 Jahre alte Kindergärtnerin stand jetzt vor dem Amtsgericht Augsburg, weil sie Kinder zum Essen gezwungen hat. Die Frau drückte bei sechs Ein- und Zweijährigen die Wangen zusammen, um die Münder zu öffnen. Sie schob das Essen hinein und hielt den Kindern den Mund zu, bis sie schluckten.

Das große Medieninteresse vor Gericht ist der jungen Frau am Dienstag sichtlich zu viel. Weinend und eingeschüchtert sitzt sie auf der Anklagebank. Schließlich nimmt sie den Einspruch gegen einen Strafbefehl über 3200 Euro zurück. "Es lastet ein extremer Druck auf ihr", sagt ihr Anwalt vor Gericht. "Das steht sie nicht durch."

Wo hört die Fürsorge auf, wo fängt Gewalt an?

Enttäuscht von der aus ihrer Sicht "lapidaren Strafe" zeigen sich die Eltern eines betroffenen Kindes. "Es geht mir um die Kinder, die sie künftig noch erziehen wird", sagt Björn Seifert. Sein Sohn sei 18 Monate alt gewesen, als er Paprika essen musste, obwohl er das Gemüse nicht mag. Ein Spaziergänger, der das Geschehen zufällig beobachtete, und ältere Kinder hätten den Fall ans Licht gebracht. "Unser Sohn konnte uns davon ja nicht erzählen, er konnte damals noch nicht sprechen", sagt Francesca Seifert. Bis heute dürfe sie ihm nicht den Mund abwischen. "Er lässt sich nicht im Gesicht anfassen."

Für die Kinder könne die Zwangsernährung ein traumatisches Erlebnis sein, sagt der psychologische Psychotherapeut Uwe Wetter. Er zieht Parallelen zu Fällen in Kinderheimen in den 1950er Jahren. "Heute weiß man ja, man sollte Kinder auch nicht zwingen, den Teller aufzuessen." Derart belastende Erlebnisse könnten - je nach Angstzustand und Wiederholung - sogar zu Essstörungen führen.

Für Eltern wiederum ist es eine Horrorvorstellung, wenn sie ihre Kinder guten Gewissens in die Obhut ausgebildeter Erzieher geben und am Ende so etwas passiert. Doch der Deutsche Städte- und Gemeindebund relativiert: Angesichts von rund 42.000 Kindertageseinrichtungen bundesweit und Tausenden Plätzen bei Tagesmüttern seien derartige Fälle die Ausnahme. "Das ist zwar ganz, ganz bedauerlich - spiegelt aber nicht die Regel wieder", sagt die zuständige Referatsleiterin Ursula Krickl. Generell stehe das Kindeswohl im Vordergrund und sei immer zu beachten. Aber sie betont: "Es ist ein schmaler Grat: Wo hört die wohlwollende Fürsorge auf, wo fängt rabiater Umgang an?"

Es gibt keine einheitlichen Regeln

Erzieher übernähmen neben der Fürsorge- auch die Aufsichtspflicht, macht Krickl deutlich. Bundeseinheitliche gesetzliche Grundlagen dazu gibt es nicht. "Selbstverständlich ist kein Recht gegeben, ein Kind zwanghaft zum Essen oder Schlaf zu bewegen", teilt das bayerische Sozialministerium mit. "Solch ein Vorgehen wird zum einen strafrechtlich verfolgt, zum anderen drohen ernsthafte arbeitsrechtliche Konsequenzen." Der Übergang der Pflichten von den Eltern auf die Erzieher ergebe sich aus dem jeweiligen Betreuungsvertrag, der mit dem Träger der Einrichtung geschlossen wird. "Im Übrigen ist die Reichweite der Fürsorge- und Aufsichtspflicht Sache der Auslegung und den Gerichten vorbehalten."

"Eltern" wird 50: Das beschäftigt Eltern heute - und früher

Erzieher sollten in der Ausbildung lernen, welche Maßnahmen erlaubt sind, sagt Krickl. Allerdings sei die Ausbildung von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. In Bayern sei sie mit fünf Jahren am längsten, in Baden-Württemberg dauere sie nur drei Jahre. Eine Sprecherin des Landratsamts Augsburg, das für den Kindergarten im konkreten Fall verantwortlich ist, sagt: "In der Ausbildung wird auch erklärt, was erlaubt ist und was nicht." Ist also eigentlich alles klar und unmissverständlich?

"So etwas darf nicht passieren", sagt Norbert Hocke, für Jugendhilfe und Sozialarbeit verantwortliches Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Bei knapp 600.000 Beschäftigten gebe es immer auch menschliches Versagen. "Die Rahmenbedingungen können ein Grund sein, aber sie dürfen keine Ausrede sein." Geklärt werden müsse, wie die Essenssituation im Einzelfall war, wie viele Kinder die Erzieherin vielleicht auch wegen kranker Kollegen betreuen musste und wie ernst Kinder genommen würden. Daher müsse nicht nur den Kindern, sondern auch der Erzieherin geholfen werden. Generell gelte aber: "Eltern geben Kinder in eine Institution und müssen die Gewähr haben, dass die Kinder unversehrt nach Hause kommen."

jen / DPA
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