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Pubertät: Aufbruch in ein neues Leben

Kaum etwas beschäftigt Jugendliche in der Pubertät mehr als der eigene Körper, das erwachende Verlangen. Doch was bedeutet es für sie, dass sie heutzutage ihr Sexualwissen aus dem Internet beziehen und jederzeit auf härteste Pornografie zugreifen können?

Von Jana Hauschild und Rainer Harf

Eine Gruppe Teenager, Arm in Arm

Die Anerkennung durch Freunde hilft, die eigene Kindheit loszulassen

Der größte Wandel, den ein Menschenkörper im Laufe seines Lebens vollzieht, kündigt sich zunächst fast unmerklich an: Bei Mädchen beginnen Brüste und Hüften zu wachsen, Jungen beobachten, wie sich Bartstoppeln vereinzelt durch die Gesichtshaut schieben, Muskeln und Geschlechtsorgane größer werden.
Doch die körperlichen Veränderungen sind nur die äußeren Zeichen der Pubertät. Gleichzeitig beginnt ein turbulenter Prozess, der Teenager ebenso neugierig macht wie irritiert, der sie wagemutig auf andere Menschen zugehen lässt und sie bisweilen in die Isolation treibt, der sie in Euphorie versetzt oder auch in tiefe Verunsicherung stürzt – die Entdeckung der eigenen Sexualität.

Premieren meistern

Denn nun müssen die Heranwachsenden lauter Premieren meistern: den ersten Kuss, den ersten Samenerguss, die erste Monatsblutung, Liebe, Sex, Beziehung. Seit jeher ringen Jugendliche mit den Irritationen, die das Erwachen der Triebe in ihnen auslöst.
Doch anders als früher leben Mädchen und Jungen heute in einer Zeit dauernder Verfügbarkeit erotischer Reize, einer Zeit, in der Nacktbilder, Sexfilme und selbst Pornografie leicht verfügbar sind.

Längst stillen die meisten Jugendlichen ihre Neugier nicht mehr nur am Computer hinter verschlossener Kinderzimmertür. Per Smartphone tragen sie ihre neuesten Erkenntnisse und Fundstücke auf Schulhöfe, in Umkleidekabinen, zu Treffen mit Gleichaltrigen.
Manche der Filme scheinen eher skurril als erregend: der Schimpanse, der sich einen Frosch über seinen Penis stülpt und dann masturbiert; die Frau, die Sex mit einem Pferd hat; die Pornodarstellerin, die sich Sperma durch die Nase zieht.

Bildschirm-Wissen kommt vor der eigenen Erfahrung

Gut 40 Prozent der Elf-bis 13-Jährigen haben sich bereits pornografische Bilder oder Videofilme angesehen. Bis zum 18. Lebensjahr sind dann die meisten Heranwachsenden mit derartigen Inhalten in Kontakt gekommen. Auch Cybersex und Sexting, also der Austausch von Kurznachrichten oder Fotos, Videos und Webcam-Aufnahmen des eigenen mehr oder weniger nackten Körpers haben viele Jugendliche schon ausprobiert.
Wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ist damit eine Generation Jugendlicher herangewachsen, die vieles von dem, was an Sex vorstellbar und erlebbar ist, auf Bildschirmen gesehen haben, noch ehe sie einem nackten Körper nahe kommen. Ein Umstand, der auch für Forscher Neuland bedeutet: "Wohl erstmals in der Kulturgeschichte der Menschheit wird Sexualität durch Zuschauen gelernt", sagt Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité. Eltern fragen sich besorgt, ob ihre Kinder durch das Internet immer früher sexualisiert werden, ob sie mancher Film gar traumatisieren könnte.

Doch richtet der Konsum von Sexfilmen tatsächlich Schaden in der jugendlichen Psyche an? Stumpfen die Gefühle minderjähriger Porno-Surfer ab, halten sie das, was sie auf dem Bildschirm sehen, für alltäglich? Wie verändert sich ihre Wahrnehmung von Intimität und Körperlichkeit? Und ist wirklich zu befürchten, dass Heranwachsende heute keine integre Sexualität mehr entwickeln?

Forscher haben gerade erst begonnen, die Folgen dieses Wandels zu untersuchen. Bislang fällt es ihnen schwer, eine einheitliche Haltung zu vertreten. Während die einen vor allem alarmieren, vor Gefahren warnen, blicken andere weitaus gelassener auf die Veränderungen.
In einem allerdings sind sich die Sexualwissenschaftler einig: Die körperlichen Veränderungen, die Teenager durchleben, wenn sie nach und nach ihre Sexualität entfalten, laufen heute nicht anders ab als Generationen zuvor.

Fakten zur Pubertät
Mädchen entwickeln eine rundlichere Figur, ausladendere Hüften

Zwischen dem elften und 15. Lebensjahr wölbt sich die Brust eines Mädchens hervor, Vagina und Uterus vergrößern sich, Hüfte, Bauch und Oberschenkel setzen Fett an, das Becken wird breiter, Achsel- und Schamhaare sprießen. Zur ersten Menstruation kommt es mit etwa zwölf Jahren. Mit rund 17 Jahren sind die Wachstumsprozesse abgeschlossen. 

Jungen werden kräftiger und schießen in die Höhe

Vom elften Lebensjahr an wachsen bei Jungen verstärkt Hoden, Penis und Schamhaare, später Achselhaare. Körpergröße und Muskelmasse nehmen zu. Mit 15 sprießt der Bart, der Kehlkopf vergrößert sich, der Stimmbruch setzt ein. Zwischen dem neunten und 15. Lebensjahr kommt es zur ersten Ejakulation. Das Längenwachstum endet mit etwa 19. 

Die Pubertät setzt beim weiblichen Geschlecht heute früher ein

Noch vor 150 Jahren kamen Mädchen erst mit 17 Jahren in die Pubertät, heute schon mit zwölf bis 13 Jahren. Die Hauptursache: bessere Ernährung. Denn Frauen werden erst ab einem Körperfettanteil von 17 Prozent fruchtbar. Aus diesem Grund setzt bei Untergewichtigen die Regel erst später ein. Für Jungen liegen keine entsprechenden Vergleichsdaten vor. 

Das Gehirn organisiert sich um, neue Verknüpfungen entstehen

Bis zu 30.000 nicht benötigte Nervenverbindungen sterben während der Pubertät pro Sekunde ab. Dafür vernetzen sich die übrigen Neurone umso stärker. Vor allem im vorderen Gehirnbereich, der Entscheidungen, planvolles Verhalten und Motivation koordiniert, sowie im Gefühlszentrum. Zusammen mit der Hormonumstellung kann diese Veränderung zu Stimmungsschwankungen, Risikofreude oder geringem Elan führen. 

Mit rund 14 Jahren erfolgt gleichsam ein Kreativitätsschub

Der massive Umbau des Gehirns in der Pubertät steigert zugleich Gedächtnis-, Denk- und Sinnesleistung: In keiner anderen Lebensphase schneiden Probanden in vielen Tests besser ab, lassen sich Talente nachhaltiger fördern. Zudem sind Teenager origineller, kreativer und idealistischer als Erwachsene und eher bereit, zu diskutieren und Neues auszuprobieren.


Fest steht zudem: Die Eindrücke aus Pornofilmen, die Nacktporträts und aufreizenden Chats, sind nur einige Faktoren, die die Vorstellung davon prägen, was Intimität und Nähe ausmacht. Eine weitaus wichtigere Rolle spielen die Eltern und das soziale Umfeld. Denn Heranwachsende entwickeln von früh auf ein Gespür dafür, wie Erwachsene ihre Beziehungen gestalten, wie sie Nähe und Liebe zeigen, Zärtlichkeiten austauschen.
Noch bevor sie zum ersten Mal in Kontakt mit pornografischen Inhalten aus dem Netz kommen, hat sich somit in den Köpfen vieler Jugendlicher schon ein recht festes Konzept von Bindung und Nähe geformt. Und daher wird keineswegs jeder, der Pornofilme auf seinem Mobiltelefon speichert, automatisch zum jugendlichen Frühreifen, triebgesteuert, auf Hardcore-Sex fokussiert.

Das hat Auswirkungen

Und dennoch: Es wäre naiv, zu glauben, so der Sexualforscher Beier, dass sich die pornografischen Darstellungen überhaupt nicht auf das sexuelle Selbstbild von Jugendlichen auswirken könnten. Die Filme, so befürchten andere Wissenschaftler, vermögen womöglich – zumindest bei manchen Jugendlichen – individuelle Sexfantasien aus dem Gehirn zu verdrängen, zu überschreiben.
Schließlich zeichnen Internet-Pornos fast ausnahmslos ein realitätsfernes Bild von Sexualität: ein Bild, in dem Frauen, unterwürfig und dauergeil, begierig jeder nächsten Penetration entgegensehen; in dem Männer ausdauernd und machtvoll am liebsten mit mehreren Partnerinnen gleichzeitig Sex haben.
Gerade in der turbulenten Zeit der Pubertät, in der Jugendliche besonders sensibel auf sexuelle Signale reagieren, ist es nach jetzigem Stand des Wissens durchaus denkbar, dass solche Bilder und Szenen manche Heranwachsenden tatsächlich nachhaltig verändern und unter anderem ihre sexuellen Vorlieben färben.

Sexuelle Verhaltensstörungen

So berichtet Sexforscher Beier von 13-bis 14-jährigen Jungen, die mit sexuellen Verhaltensstörungen in seine Sprechstunde kommen: Sie fallen unter anderem dadurch auf, dass sie Mädchen bedrängen, masochistische Fantasien haben oder sich von Kindern angezogen fühlen. Und fast immer erzählen sie zugleich, dass sie durch pornografische Bilder im Netz erregt werden.
Auch bei Mädchen kann die Internet-Pornografie das sexuelle Selbstbild beeinflussen – obwohl sie sich von den Darstellungen häufig abgestoßen fühlen und sich nicht selten davor ekeln. Manche fühlen sich unter Druck gesetzt, weil sie befürchten, ihre Partner könnten von ihnen verlangen, was in den Filmen gezeigt wird. Oder sie fügen sich in die Rolle der Frauen in den Pornovideos, mit der Folge, dass sie eine eigentlich abgelehnte Verhaltensweise irgendwann als natürlich ansehen.

Porno-Sucht

Eine weitere Gefahr, vor der einige Experten warnen: Manche Jugendliche könnten die Darstellungen derart in den Bann ziehen, dass sie gleichsam süchtig werden. Tatsächlich gibt es Heranwachsende, die mehrere Stunden pro Woche Pornografie konsumieren. Mitunter reizt sie nur das Neue, und sie verlieren wieder das Interesse. Doch Studien zeigen, dass einige Betroffene mit dem digitalen Konsum in Wahrheit Selbstzweifel oder depressive Stimmungen zu kompensieren versuchen, psychisch eher labil und unsicher sind.
Wann und unter welchen Umständen Internet-Pornografie zum Problem wird, lässt sich jedoch kaum pauschal festlegen. Zu individuell sind die jeweiligen Faktoren, die eine jugendliche Psyche formen, zu komplex die Mechanismen, die das sexuelle Selbstbild und die in der Pubertät auftauchenden Sehnsüchte prägen.
Nicht wenige Forscher kommen letztlich zu dem Schluss: Die oft verbreitete Sorge, dass eine ganze Generation verdirbt, die Angst davor, dass Jugendliche im Zeitalter der Smartphones zwangsläufig sexuell verrohen, ist aller Wahrscheinlichkeit nach unbegründet. Denn die Pornovideos und -fotos sind offenbar nicht machtvoll genug, die Psyche aller Jugendlichen von Grund auf umzupolen, sodass deren reifende Sexualität nicht mehr zur gewohnten Lebenswelt, zu erlernten Werten passt.

Die Realitätsferne ist Teenagern bewusst

Solange Mädchen und Jungen eine Vorstellung davon haben, was eine Beziehung ausmacht, scheinen sie durch den Konsum von Pornofilmen nicht grundsätzlich infrage zu stellen, wie Intimität zwischen Menschen gelebt wird. Denn zumindest auf der bewussten Ebene erkennen die meisten Jugendlichen sehr wohl, dass Pornos kaum etwas mit der Realität zu tun haben, wie eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter Jugendlichen zeigt.
Ein weiteres Ergebnis: Die wenigsten Heranwachsenden stürzen sich kopflos und triebgesteuert ins Sexualleben. Die meisten Pubertierenden gehen im Gegenteil eher zaghaft vor, Schritt für Schritt. Sie lassen sich Zeit. Und sie machen ihre ersten sexuellen Erfahrungen nur selten auf Partys oder im Rahmen eines Sextreffens via Dating-App, sondern – nach wie vor – vor allem in einer festen Beziehung.

Nicht früher Sex als früher

Trotz der vielen Anreize aus den Medien haben die Jugendlichen heute nicht früher Sex als die Generationen zuvor. Mit 16 Jahren haben mehr als die Hälfte noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt, mit 17 Jahren immer noch rund ein Drittel. Viele Mädchen und Jungen sind bereits einen Monat oder länger zusammen, bevor sie miteinander schlafen.
Und das Verlangen nach Sexfilmen, die Lust, online nach immer neuen Stimuli zu suchen, nimmt mit Ende der Pubertät bei vielen Jungen wieder ab, so die Studie der BZgA. Ein häufiger Grund: Sie haben inzwischen eine Freundin und schöpfen ihre Fantasien offenbar aus den Zärtlichkeiten und Intimitäten innerhalb der Beziehung. Das Bedürfnis, im Internet nach nackter Haut von Fremden zu schauen, schwindet.
Und nach wie vor, darauf lassen aktuelle Studien schließen, ist für die Jugendlichen heute ein romantisches Ideal von großer Bedeutung, das sie meist mit ihren Eltern und Großeltern teilen: Treue.

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