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Wenn Familien auswandern: Alleinerziehend in Dubai? Kein Problem!

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im vierten Teil unserer Serie erzählt Anne Harenberg von ihrem Familienleben in Dubai.

Anne Harenberg, ihre Töchter und der Hund der Familie

Anne Harenberg, ihre Töchter und der Hund der Familie - nur die Katze wollte nicht mit aufs Bild

Paris, London, Singapur, Wien, Dubai: Mehr als ein Jahrzehnt lebt Anne Harenberg bereits im Ausland. Dubai ist dabei die längste Station - und auch die prägendste. Seit 2007 lebt die Journalistin und Autorin in dem Wüstenstaat. Nach Dubai gegangen ist sie wegen ihres Mannes, inzwischen lebt sie dort zusammen mit ihren zwei Töchtern, einem Hund und einem dicken Kater. Im vierten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern" erzählt Anne Harenberg von ihrem Familienleben in der Wüste.

Was unterscheidet Elternsein in Dubai vom Familienleben in Deutschland?

Toleranz made in Dubai
Meine Kinder wachsen in Dubai extrem weltoffen auf. Sie empfinden es als normal, dass in ihrer Klasse Kinder aller Nationalitäten, Hautfarben und Religionen gemeinsam lernen. Wenn zu Beginn des Schuljahres Kinder neu in die Klasse kommen, die gerade erst nach Dubai gezogen sind und kein Wort Englisch sprechen, wird das nicht als Problem gesehen, sondern die Kinder werden durch ein spezielles Sprachprogramm so gefördert, dass sie meist lange vor Ende des Schuljahres sehr gut Englisch sprechen und voll in die Klasse integriert sind.

"Und what about ich?"
Bei uns zu Hause sind Sätze wie "Ich gehe nach dem Dinner mal schnell zu den neighbours" oder "Ich like das überhaupt nicht", wobei das "like" nicht englisch, sondern schön deutsch ("leike") ausgesprochen wird, Alltag. Ein Klassiker, den wir immer wieder gerne zitieren, stammt von meiner jüngeren Tochter, die als Dreijährige am Tisch saß und zuhörte, wie die Pläne für den Tag gemacht wurden - ohne dass ihr Name erwähnt wurde. Empört schrie sie los: "Und what about ich?" Wann immer sich jemand in unserer Familie vernachlässigt fühlt, heißt es seitdem: "Und what about ich?" 

Ärztliche Betreuung an Schulen und Kindergärten
Es gibt eine Sache, die ich in Dubai sehr zu schätzen gelernt habe: Es ist vom Staat vorgeschrieben, dass jeder Kindergarten und jede Schule mindestens eine Krankenschwester anstellen muss. Meine jüngere Tochter ist mit vier Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt und ich kann sie bedenkenlos in die Schule schicken, da ich weiß, dass immer jemand vor Ort ist, der ihren Blutzucker messen und sie im Notfall behandeln kann. Das ist eine unglaubliche Erleichterung für mich und für alle anderen Eltern, deren Kinder medizinische Unterstützung im Schulalltag brauchen.

Familienausflug in die Wüste

Familienausflug in die Wüste - nur möglich mit dem richtigen Gefährt

Erziehung zur Unselbstständigkeit?
Dubai ist keine über viele Jahre gewachsene Stadt, sondern wird ständig und sehr schnell größer. Daher gibt es kein "Zentrum" im traditionellen Sinne und die neugebauten Wohnanlagen, die teilweise die Größe einer deutschen Kleinstadt haben, beschränken sich auf Häuser und einen Supermarkt. Entsprechend müssen die Kinder von den Eltern oder dem Schulbus in die oftmals weit entfernten Schulen gebracht werden. Der öffentliche Nahverkehr steckt ebenfalls noch in den Kinderschuhen. Wenn die Kinder alt genug sind, um allein ins Kino zu gehen, muss man sie bringen oder sie müssen mit dem Taxi fahren. Daher fehlt den Kindern in Dubai ein wenig Selbstständigkeit, wenn sie älter werden und alleine etwas unternehmen könnten.

Das Frauenbild in Dubai
Das Bild der Frau in der arabischen Welt ist oder zumindest war sicher ein anderes als in Deutschland, aber im Alltag spürt man dies kaum. Dies liegt zum einen daran, dass viele moderne arabische Frauen sich dem konservativen Bild nicht mehr unterordnen, die gleiche Ausbildung erhalten wie die Männer und eine Karriere anstreben. Zum anderen gibt es zu den sehr konservativen arabischen Familien wenig Kontakte, da die Lebensstile in diesem Fall einfach zu unterschiedlich sind und man sich schlicht nicht "trifft".


Den Kindern gegenüber gibt es bislang wenig Grund, das traditionell andere Frauenbild in den arabischen Ländern zu thematisieren, da die arabischen Familien, die wir kennen, sich kaum von uns unterscheiden. Unsere beiden Nachbarfamilien sind Muslime (die eine Familie kommt aus Saudi-Arabien, die andere aus England mit pakistanischen Wurzeln) und die Kinder spielen genauso auf der Straße wie meine beiden. Die Mädchen gehen in die gleichen Schulen wie ihre Brüder, es gibt Kindergeburtstage, man trifft sich auf der Straße zu einem Nachbarschaftsplausch. Wenn die eine Mutter nicht Abaya (ein traditionelles islamisches Gewand, Anm. d. Red.) tragen würde, würde man keinerlei Unterschied bemerken - und ach ja, in beiden Familien gibt es nur eine einzige Ehefrau …

Was ich vermisse
Theoretisch muss man in Dubai auf nichts verzichten, praktisch ist es aber so, dass man natürlich gewisse Produkte aus Deutschland nicht bekommt. Manche Dinge möchte man einfach nur, weil man sie nicht haben kann: So war Duplo nie die Schöpfung der Pralinen-Kunst für mich, als ich noch in Deutschland gelebt habe. Jetzt kaufe ich mir immer sofort eins, wenn ich nach Deutschland komme.

Anne Harenbergs Töchter am Strand

Geschwisterliebe am Strand


Narrenfreiheit für die Kinder
Dubai ist sehr kinderfreundlich. Sie werden in jedem Restaurant oder Geschäft willkommen geheißen und bekommen oft kleine Geschenke zugesteckt. Ich war vor einigen Jahren mit meinen beiden Töchtern, damals zwei und fünf Jahre alt, in einem Modegeschäft in einem der großen Einkaufszentren. Die beiden rissen mit so großer Begeisterung Kleidung aus den Regalen, dass ich mit dem Aufräumen gar nicht hinterherkam. Ich wollte gerade fluchtartig das Geschäft verlassen, als eine Verkäuferin mit ein paar Ketten hinter uns auftauchte und erklärte, die würden doch ganz wunderbar zu dem Outfit passen, das meine Kinder da gerade ausgesucht hätten. Wenige Minuten später waren beide Mädchen in Frauenkleider gehüllt und stiefelten in Erwachsenenschuhen durch den Laden, während ich in Ruhe anprobieren konnte.

Schulgeld muss sein
In Dubai gibt es viele voll berufstätige Mütter und viele, die zu Hause bleiben. Durch meine freiberufliche Tätigkeit kann ich mir meine Zeit gut einteilen und arbeite, wenn die Kinder in der Schule sind. Wenn meine Töchter gegen 15 Uhr nach Hause kommen, versuche ich nach Möglichkeit, nicht mehr zu arbeiten. Als die Kinder kleiner waren, hatten wir eine Live-in-Maid - eine Hausangestellte, die bei uns gewohnt hat und sich um den Haushalt und gelegentlich die Kinder gekümmert hat. Die Kinderbetreuung in Dubai ist erstklassig, muss allerdings von den Eltern eigenständig organisiert und bezahlt werden, staatliche Hilfen oder Unterstützung existieren für die Ausländer, die hier leben, nicht. Es gibt Kindergärten, die Babys bereits ab sechs Monaten ganztägig betreuen sowie die Möglichkeit, eine Live-in-Maid anzustellen, die ganztägig auf die Kinder aufpassen kann und im Haushalt hilft. Sie gehört bei vielen mit zur Familie und ist eine feste Bezugsperson für die Kinder. Ab zwei Jahren gibt es für alle Kinder die Möglichkeit, in einen privaten Kindergarten zu gehen.
Wenn die Kinder in die Schule kommen, zahlen viele Unternehmen Teile oder das ganze Schulgeld für die Kinder, da die staatlichen, kostenlosen Schulen in Dubai nicht für Ausländer geöffnet sind und der Unterricht auch auf Arabisch erfolgt. Die Kinder der Expats müssen auf Privatschulen gehen, die meist am Nachmittag zwischen 14 und 16 Uhr schließen.

Welche Schule ist die richtige?
Die Schulwahl für die Kinder habe ich als Herausforderung gesehen. In Dubai gibt es diverse Schulsysteme (britisch, amerikanisch, kanadisch, australisch, Internationales Baccalaureat und auch eine deutsche Schule), die Schülern aller Nationalitäten offen stehen. Für mich hat sich die Frage gestellt, ob ich die Kinder in eine internationale Schule gebe, damit sie zweisprachig aufwachsen, oder in die deutsche Schule, wo Englisch nur eines von vielen Unterrichtsfächern ist, sie aber ihre Muttersprache perfekt erlernen. Ich habe mich am Ende für eine internationale Schule entschieden, da einer der Vorteile des Lebens im Ausland sicher ist, dass die Kinder zweisprachig aufwachsen. Der Nachteil ist natürlich, dass meine Kinder zwar fließend Deutsch sprechen, aber ihre Muttersprache nicht perfekt lesen und schreiben können. Hier muss ich mit beiden Extraarbeit leisten, damit sie, wenn wir nach Deutschland zurückkehren, in einer deutschen Schule gut mitkommen.

Porträt von Anne Harenberg

Anne Harenberg lebt seit mehr als zehn Jahren im Ausland


Ihr Leben ist anders als meins
Am Ende wollen alle Eltern das Beste für ihre Kinder, unabhängig von der geographischen Lage ihrer Heimat. Doch dadurch, dass ich meine Kinder nicht in Deutschland großziehe, kann ich die Erfahrungen meiner eigenen Kindheit nicht auf meine Kinder und ihr Leben hier in Dubai übertragen. Ich bin zum Beispiel in eine ganz normale deutsche Schule gegangen, die um die Ecke lag, meine Kinder gehen in eine internationale Privatschule und ich fahre jeden Tag ungefähr 100 Kilometer, um sie zur Schule zu bringen und wieder abzuholen. Ich bin mit einigen meiner Freundinnen eingeschult worden und bis zum Abitur in der gleichen Klasse gewesen. Die Freunde meiner Kinder wechseln öfter, da in Dubai die Klassen jedes Jahr neu gemischt werden, die Schulen generell deutlich größer sind und viele Kinder nach ein paar Jahren wieder wegziehen.

Als alleinerziehende Mutter in Dubai
Nachdem mein Ex-Mann zurück nach Deutschland gezogen ist, war ich plötzlich als alleinerziehende Mutter in einem muslimischen Land. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon fünf Jahre in Dubai war, habe ich mir doch Sorgen gemacht, wie ich in der muslimischen Gesellschaft, in der Männer oft immer noch mehr zählen als Frauen, zurecht kommen würde. Ich war sehr positiv überrascht, dass es nie auch nur das geringste Problem oder Nachfragen gab, weil ich allein als Frau mit meinen Kindern hier war und bin.

Warum ich geblieben bin
Zunächst bin ich vor allem in Dubai geblieben, um die Kinder zusätzlich zu der Trennung ihrer Eltern nicht auch noch aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Dubai ist das einzige Zuhause, das die beiden kennen, auch wenn sie einen deutschen Pass haben. Meine Familie in Deutschland, vor allem mein Vater, haben mich während der Trennung fantastisch unterstützt, aber ich hatte das Gefühl, dass es für uns alle wichtig war, unser Leben nicht einfach "abzubrechen", nur weil mein Ex-Mann nach Deutschland zurückgekehrt ist. Ich habe ein großes Netzwerk an guten Freunden in Dubai, dies wäre in Deutschland nicht gegeben gewesen. Dazu kommt, dass wir uns alle in Dubai sehr wohl fühlen und meine Kinder eine sehr glückliche Kindheit mit vielen Freunden, einer guten Schule und vielen Möglichkeiten verleben. Ich persönlich bin auch nach acht Jahren immer noch fasziniert von dem ständigen Wechsel in dieser Stadt, die täglich größer wird und keine Grenzen zu kennen scheint. In Dubai ist alles möglich - vor allem Dinge, die man am Vortag noch für unmöglich gehalten hat.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in Istanbul, Rom und den Südstaaten der USA aussieht.

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