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Wenn Familien auswandern: In Bangkok sind wir die Exoten

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im fünften Teil unserer Serie erzählt Michèle Morell von ihrem Familienleben in Bangkok.

Michèle Morell zusammen mit ihrem Mann David und der vierjährigen Emily

Michèle Morell zusammen mit ihrem Mann David und der vierjährigen Emily: Die Familie hat schon an verschiedenen Orten in Asien gelebt

Michèle Morell und ihr Mann David trauten sich, wovon viele Familien in Deutschland nur träumen: Sie packten ihre Koffer und begannen ein neues Leben am anderen Ende der Welt. Seit acht Jahren leben sie nun an wechselnden Orten in Asien. Im fünften Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern" erzählt Michèle Morell von ihrem Leben mit Mann und Tochter in Bangkok.

Was unterscheidet Elternsein in Bangkok vom Familienleben in Deutschland?


Der Schritt ins Ausland
Wir wollten gerne mal etwas Anderes sehen und erleben. Und plötzlich ging alles recht schnell: Mein Mann ist Koch und hat sich in Bangkok ein Praktikum in einem bekannten Hotel gesucht, befristet für neun Monate. Ohne Plan, was wir danach machen, haben wir unsere Wohnung und unsere Jobs gekündigt und sind losgezogen, jeder mit einem Koffer in der Hand. Alles danach hat sich ergeben, weitere Jobs kamen und mein Mann hat Karriere gemacht. Bis zur Schwangerschaft habe ich die Zeit und das Leben in fremden Kulturen genossen. Nun geht unsere Tochter in einen internationalen Kindergarten und ich engagiere mich ehrenamtlich für die Drehscheibe Bangkok, Dreh- und Angelpunkt deutschsprachiger Frauen, wo ich unter anderem auch die wöchentliche Spielgruppe organisiere. Ich bin gelernte Buchhändlerin und vermisse meinen Beruf schon sehr, allerdings bezweifle ich, dass ich da mal wieder reinkommen werde. Der Branche geht es nicht wirklich gut, ich bin seit acht Jahren raus und in Thailand bekomme ich so und so keine Arbeitserlaubnis für diesen Beruf.

Was ich vermisse
Ganz allgemein fehlt uns natürlich unsere Familie. Es wäre toll, Großeltern in der Nähe zu haben, sie auch mal spontan zu besuchen und natürlich auch mal jemanden zu haben, der einem das Kind kurz abnehmen kann. Wie wahrscheinlich bei den meisten Expats hat mein Mann einen tollen Job, verdient gutes Geld, aber dafür sehen wir ihn auch kaum. Da genieße ich die Unterstützung im Alltag immer sehr, wenn ich in Deutschland bin. Auch habe ich in unserer Zeit in Asien angefangen, mir mehr Gedanken über Ernährung zu machen, natürlich auch noch verstärkt seit der Geburt unserer Tochter. Mir fehlt die Auswahl an gesunden zucker- und glutamatfreien Lebensmitteln, wie es sie in Deutschland gibt.

Zu teuer für ein zweites Kind
Viele günstige Dienstleister machen das Leben in Bangkok angenehm. Wir haben zwar nur eine Maid die einmal in der Woche kommt, aber eigentlich ist es ganz normal, dass man täglich jemanden im Haus hat. Dazu gibt es dann noch eine Nanny, auch ein eigener Fahrer, der immer parat steht, ist nichts Ungewöhnliches. Doch gleichzeitig ist Bangkok in anderen Bereichen unglaublich teuer. Ob es die Internationalen Schulen sind oder die Sportvereine. In Deutschland werde ich immer ganz ungläubig angesehen, wenn ich erzähle, was wir da auf den Tisch legen müssen. Die Frage nach einem zweiten Kind ist eigentlich schon alleine dadurch beantwortet.

Leistungsdruck ab dem Kindergarten
Man lässt den Kindern in Deutschland viel mehr Freiräume, dort dürfen sie einfach Kind sein. Der Kindergarten ist noch ein richtiger Kindergarten und nicht wie hier eine Art Vorschule, in der die Kinder schon mit 19 Monaten auf Leistung getrimmt werden. In Deutschland herrscht nicht so ein enormer Leistungsdruck, in Asien ist es ganz normal, dass die Tage der Kids vollgeknallt sind mit Ballett, Tennis, Piano, Mandarin und so weiter. Zeit, um frei zu spielen oder Freunde zu treffen, haben viele Kinder gar nicht.

Michèle Morell zusammen mit ihrem Mann David und der vierjährigen Emily

Familie Morell bei einem gemeinsamen Ausflug

Unsere exotische Tochter
Die Thais sind sehr kinderfreundlich und wir waren auch mit Kleinkind überall willkommen. Selbst wenn man abends nett essen gegangen ist, kamen keine genervten Blicke, sondern die Bedienungen haben sich sogar noch mit um Emily gekümmert und sich gefreut, wenn sie mit ihr spielen oder durchs Restaurant laufen durften. In unserem Lieblingsrestaurant gleich um die Ecke laufen die Hühner frei rum. Sobald die Besitzerin für uns gekocht hat, schnappt sie sich Emily und geht mit ihr zu den Hühnern, pflückt mit ihr Mangos vom Baum oder zeigt ihr andere spannende Dinge. Aber da die Asiaten aufgrund ihrer blonden Haare und blauen Augen sehr auf sie stehen, kann es auch zu viel werden. Gerade in China haben wir einige Negativerfahrungen gemacht. Nicht nur die ständigen Fotos nervten irgendwann sehr, sie wurde von begeisterten Chinesen sogar ungefragt aus dem Kinderwagen genommen.

Gesellschaftlich verankertes Schwitzen
In China gibt es ein Sprichwort: "Babys haben keine Sommer", was so viel bedeutet wie kleine Kinder frieren immer. Also werden die Kleinen, selbst im Hochsommer, in richtig dicke, schneeanzugähnliche Kleidung gesteckt. Selbst wenn ihnen der Schweiß schon übers Gesicht läuft. Ich dagegen habe die Lütte während unserer Zeit in China bei über 30 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit lieber nur im Body oder in kurzer Hose und Top im Kinderwagen gehabt, was für die Chinesinnen ein absolutes Tabu war. Ich wurde auf offener Straße beschimpft, die kleine Wolldecke wurde aus dem Wagen genommen und mein Kind eingepackt. Auch im Freundeskreis, gerade in Mischfamilien, ist das ein sehr großes Streitthema.

Unterwegs in der Millionenstadt
In Bangkok benötige ich insgesamt vier Stunden, um Emily morgens in den Kindergarten zu bringen und nachmittags wieder abzuholen. Wir nutzen auf dem Weg dahin gleich drei verschiedene Verkehrsmittel: Vom Boot geht’s erst in die S-Bahn und dann in ein Tuk Tuk (ein kleines dreirädriges Auto, Anm. d. Red.). Für ihre 45 Minuten Fußball sind wir über drei Stunden unterwegs und auch das ganz normale Einkaufen ist immer ein Halbtagesausflug. Wir vermissen es sehr, uns einfach mal aufs Fahrrad zu setzen und schnell irgendwohin zu fahren. Frei bewegen, so wie wir es aus unserer Kindheit kennen, darf Emily sich hier nicht. Selbst im Grundschulalter wäre es mir mitten in Bangkok zu gefährlich, sie alleine gehen zu lassen.

Keine Hilfe vom Staat
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist hier eigentlich kein Thema. Deutsche Errungenschaften wie Mutterschutz und Elternzeit gibt es hier nicht. Die Frauen haben rund um die Geburt kaum frei und müssen ziemlich schnell wieder zurück in den Job. Das Familienleben ist aber auch ganz anders geregelt, meist lebt die ganze Familie unter einem Dach und das Einkommen aller Familienmitglieder geht in einen gemeinsamen Pott. So ist man finanziell nicht auf sich alleine gestellt und wird bei der Kinderbetreuung von Eltern, Geschwistern, Großeltern und dem Rest der Familie unterstützt.

Sonnenuntergang in Bangkok

Sonnenuntergang in Bangkok, aufgenommen vom Dach eines der Lieblingsrestaurants der Familie

In Deutschland ganz normal, in Bangkok ein Skandal
Es ist für die Thais immer wieder seltsam, dass wir feste Essenszeiten haben, in denen man zusammen am Tisch sitzt und ich nicht mit der Reisschale auf dem Spielplatz meinem Kind hinterherrenne - wie ich es bei vielen anderen Müttern beobachte. Auch ist es ungewöhnlich, dass unsere Kleine zu einer "normalen" Zeit ins Bett geht und nicht erst mit den Eltern. Und dann auch noch in ihr eigenes Bettchen, in ihrem eigenen Zimmer. Das ging in China auch schon gar nicht. In Asien schlafen viele Kinder ganz lange im Bett der Eltern, selbst im Grundschulalter ist das keine Seltenheit.

In Bangkok ganz normal, in Deutschland ein Skandal
Man steigt hier trotz fehlender Kindersitze oft einfach so in ein Taxi - und das, obwohl es meistens noch nicht mal einen Anschnallgurt gibt. Wenn die Bangkoker Taxifahrer dann mit 80 km/h durch die Stadt oder mit 130 km/h über den Highway fahren, fänden das wohl die wenigsten deutschen Mütter witzig.

Vorsicht mit den Füßen
Es gibt viele Dinge, die man im täglichen Leben in Asien beachten muss. Das Meiste hat man schnell verinnerlicht, aber was mir doch immer wieder mal passiert, ist, dass ich meine Füße irgendwo hochlege und nicht gleich darauf achte, wo sie hinzeigen. Wenn man jemandem die Füße entgegenstreckt, gilt das als Beleidigung. Und vor allem darf man diese auch keiner Buddha-Figur entgegenhalten. Auf einen Geldschein zu treten ist auch tabu. Denn dort ist der König abgebildet und somit tritt man den König mit Füßen. Das oder auch schlechtes Reden über den König hat schon einige ins Gefängnis gebracht. Es gibt tatsächlich Themen, über die man in Thailand einfach nicht reden darf. Das ist etwas, das man sich in Deutschland kaum vorstellen kann.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in IstanbulRom, Dubai und den Südstaaten der USA aussieht.

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