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Wenn Familien auswandern: Was wir von französischen Eltern lernen können

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im sechsten Teil unserer Serie erzählt Susan Salzbrenner von ihrem Familienleben in Frankreich.

Susan Salzbrenner mit ihrem Mann Eduardo und den Kindern Vanessa und Victor

Susan Salzbrenner zusammen mit ihrem Mann Eduardo und den gemeinsamen Kindern Vanessa und Victor bei einem Ausflug vor ein paar Jahren

Vier Personen, vier Sprachen: Wenn Susan Salzbrenner sich mit ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Kindern unterhält, erklingt eine Mischung aus Deutsch, Portugiesisch, Französisch und Englisch. Sie selbst ist Deutsche, ihr Mann Brasilianer, die Kinder sind zwar in Kopenhagen geboren, wachsen aber nun in Frankreich auf. Wie ihr Familienleben in der Grande Nation aussieht und was "Third Culture Kids" sind, erklärt Susan Salzbrenner im sechsten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern".

Was unterscheidet Elternsein in Frankreich vom Familienleben in Deutschland?


Benehmen ist wichtig - auch bei Kleinkindern
Obwohl es in Frankreich gefühlt viel mehr Familien mit mehr als drei Kindern gibt, finde ich Deutschland kinderfreundlicher. Zumindest was Kleinkinder angeht. Es gibt moderne Spielplätze, Hochstühle, Wickeltische; Stillmöglichkeiten sind fast überall zu finden, und auch sonst sind viele Einrichtungen auf Eltern ausgerichtet. In Frankreich hat man oft das Gefühl, man kann Kinder erst mit in die Öffentlichkeit nehmen, wenn sie sich perfekt benehmen. Das war für uns nach zwei Jahren China, wo Kinder angehimmelt und verwöhnt werden, ein riesengroßer Unterschied. Silberbesteck, Gläser und Erwachsenenstühle bei eng besetzten Tischen waren der Horror. Unsere Kinder haben das komplette Restaurant unterhalten. Wir wollten aber auch nicht nur bei McDonalds essen.
Wenn ich meinen französischen Freunden vom mehrjährigen bezahlten Mutterschutz erzähle, fällt denen regelmäßig die Kinnlade runter. In Frankreich gibt es nur drei Monate Mutterschutz, danach geht es wieder zurück - in die Vollzeitstelle, wohlgemerkt.

Kinderbetreuung à la française
Da ich für meine Beratungstätigkeit viel reise, bin ich dankbar für die öffentliche kostenlose französische Vollzeitschule, die bereits mit drei Jahren als Vorschule (École Maternelle) beginnt. Vor dem Schulalter waren beide Kinder in einem Montessori-geprägten französischen Kindergarten. Mein Mann arbeitet vor Ort und hilft viel bei der Kinderbetreuung. Trotz fehlender Familie stemmen wir das gut gemeinsam, dank dem unterstützenden System und der Hilfe von Freunden am Ort.

Erst Frau, dann Mutter
Die Mutterrolle wird von französischen Frauen ganz anders definiert als von deutschen. Französische Mütter sehen sich zuallererst als Frau und dann als Mutter. Ich wage zu behaupten, dass deutsche Mütter sich meist erst als Mutter und dann als Frau definieren. Das heißt aber nicht, dass französische Mütter ihre Kinder weniger lieben oder wertschätzen, sondern dass sie  andere Prioritäten für ihr Leben und ihr Wohlergehen setzen.

Mutter und Tochter bei einer Reise nach Rio de Janeiro

Mutter und Tochter in Rio de Janeiro

Eingewöhnungsphase im Kindergarten? Zeitverschwendung!
Das französische System ist für Zweiverdienerhaushalte gemacht. Die kurze Mutterzeit von drei Monaten bedeutet auch, dass die Kinderbetreuung ab diesem Zeitpunkt gewährleistet ist. Egal ob durch Krippenplätze, Tagesmütter oder Einzelbetreuungsmaßnahmen; mit genügend Recherche findet man eine Möglichkeit. Lange Eingewöhnungsphasen gibt es nicht: Einen Tag lang zeigt man dem Kind alles, am nächsten Tag geht es los. Eine ganz andere Philosophie und Perspektive. Viele deutsche Mütter sind darüber schockiert, hier ist das Alltag. Was in einer Kultur normal ist, ist in der anderen schlichtweg undenkbar. Und trotz allem wachsen die Kinder behütet auf, beeindruckend, wie ich finde.

Strenge Eltern
Ich beobachte fasziniert, wie Franzosen ihren Kindern auf einfache Weise durch Gesten oder kurze Ansagen deutlich machen, dass sie nicht die erste Geige in der Familie spielen. Die Eltern geben den Ton an, es herrscht viel Disziplin und die Kinder halten sich überraschenderweise an die Regeln der Eltern. Ich finde es wichtig, dass Kinder Kinder bleiben und sich nicht wie kleine Erwachsene benehmen. Trotz alledem habe ich die Einstellung der Franzosen übernommen, die Kinder nicht wie kleine Könige zu behandeln und gerade im Kleinkindalter nicht jede Anweisung zu erklären. Respekt und Höflichkeit sind hier sehr wichtig und ich finde es schön zu sehen, wie unsere Kinder diese Sitten übernehmen.
Doch kann diese Strenge natürlich auch eine schlechte Seite haben: Kinder anzuschreien, am Arm zu zerren oder ihnen sogar eine Backpfeife zu geben, sieht man hier noch in der Öffentlichkeit. Interessieren tut das keinen. Auch wenn das Kind sich mal länger schreiend vor der Supermarktkasse wälzt, hilft keiner. Diese zum Teil brutale Art einzelner Eltern schockiert mich sehr.

Die Kinder von Susan Salzbrenner sitzen am Strand

Ein Tag am Strand

Das deutsche Problem
In Deutschland wird Elternsein für Mütter oft gleichgesetzt mit der Berufsaufgabe - zumindest für gewisse Zeit. In Frankreich sieht das ganz anders aus, das zeigt sich auch in den Geburtenraten. Franzosen erwarten, dass der Staat bei der Erziehung der Kinder mithilft, wohingegen das in Deutschland meines Erachtens oftmals eine private Angelegenheit ist, die bei den Eltern den Druck erzeugt, alles zu stemmen.
Ich denke, dass die Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland nicht in den Maßnahmen der Regierung liegen, sondern viel systemischer in der Kultur stecken. Solange es ein Stigma gibt oder nur eine Entweder-oder-Entscheidung zwischen Karriere und Familie, werden sich viele Familien für andere Lebenswege entscheiden.  Auf der anderen Seite sind sich vielleicht viele Deutsche auch gar nicht über den Luxus an Möglichkeiten für das Elternsein bewusst, den sie in Deutschland haben und den es in anderen Ländern nicht gibt.


Die Diskussion über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie  existiert wahrscheinlich in jedem Land, in dem Frauen berufstätig sind, ist aber überall eine andere. Was ich in allen Ländern als roten Faden sehe, ist die schlechtere Bezahlung von Frauen. Da kann nur Skandinavien fast gleichziehen, während in allen anderen Ländern die Frauen - manchmal sogar deutlich - hinterherhinken.

"Third Culture Kids"
Unsere Kinder wachsen als "Third Culture Kids" auf, das heißt sie kreieren sich ihre Identität aus dem Mischmasch der vielen Kulturen und Werte, die sie dank ihrer Eltern und der wechselnden Wohnorte erleben. Sie gewinnen einen erweiterten Horizont, können sich in die Perspektive anderer hineinversetzten, da sie viele verschiedene Kulturpraktiken erlebt und gelebt haben. Diese Kompetenz wird meiner Meinung nach in den kommenden Jahren wegen immer stärkerer Globalisierung in Wirtschaft, Politik und vielen anderen Bereichen eine hohe Nachfrage haben.
Man darf nicht vergessen, dass die Erlebnisse weit über den Erwerb verschiedener Sprachen hinausgehen. Unsere Kinder verhalten sich schlicht und einfach anders, wenn sie Französisch sprechen als in dem Moment, wenn sie sich zu mir wenden und auf Deutsch antworten. Mimik, Gestik und Verhalten passt sich dem Sprecher an. Ich glaube, solche Kenntnisse sind im Erwachsenenalter schwerer zu lernen.

Victor und Vanessa beim Spielen

Victor und Vanessa, die "Third Culture Kids" 

In Frankreich ganz normal, in Deutschland ein Skandal
Ein Glas Rotwein und eine Zigarette - das lassen sich die Französinnen auch während der Schwangerschaft nicht verbieten. 

In Deutschland ganz normal, in Frankreich ein Skandal
Durch die kurze Mutterzeit ist es in Frankreich nicht üblich, voll zu stillen. Öffentlich stillende Frauen sind daher eine Seltenheit. Da ich wenig Gefallen an dem Gedanken fand, nur zu Hause zu sitzen oder auf einer öffentlichen Toilette zu stillen, habe ich viele neugierige, teils kritische Blicke kassiert, wenn ich in der Öffentlichkeit stillte.

Wir sind anders
Für mich ist es eine große Herausforderung, meinen Kindern deutsche Werte, Traditionen und Geschichte zu vermitteln. Ich bin die einzige, die mit den Kindern Deutsch spricht. Für sie ist Deutschland gleich Mama. Da lastet ein großer Druck auf jedem Elternteil, dem Nachwuchs die jeweilige Kultur nahezubringen. Am Anfang hatte ich oft das Gefühl, dass ich da etwas komplett Künstliches erschaffe, da wir ja in Frankreich leben. Aber auf lange Sicht ist es mir wichtig, dass die Kinder auch mein Herkunftsland verstehen. Wir besuchen oft die Groß- und Urgroßeltern in Deutschland, um andere deutsche Bezugspunkte auszubauen, und natürlich das Verhältnis aller zu vertiefen.
Oftmals kommen die Kinder auch mit Fragen von Mitschülern oder Freunden, warum das bei uns nicht so ist. Oder es wird gekichert, wenn ich wieder vor der Schule Deutsch mit den Kindern rede. Hier ist es uns als Eltern wichtig, den Kindern das Gefühl zu geben dazuzugehören. Aber sie merken natürlich, dass sie "anders" sind und brauchen viel Unterstützung und Selbstvertrauen, wenn die anderen Kinder sie auslachen oder ausfragen.
Wir versuchen aber, das positiv zu sehen. So war ich zum Beispiel für eine Stunde im Musikunterricht der Kinder zu Gast und habe ihnen Bruder Jakob auf Deutsch und Englisch beigebracht. Da hatten die anderen Kinder dann ganz viel Zeit, mir ihre neugierigen Fragen zu stellen, die ihre Eltern sich nicht zu stellen trauen.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in IstanbulRomDubai, Bangkok und den Südstaaten der USA aussieht.

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