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Wenn Familien auswandern: In Südafrika ist die Angst immer mit dabei

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im siebten Teil unserer Serie erzählt Anna Seidel von ihrem Familienleben in Südafrika.

Die ganze Familie Seidel bei einem Ausfllug in die Karoo-Wüste

Die ganze Familie Seidel bei einem Ausfllug in die Karoo-Wüste

Für viele Menschen ist eine neue Sprache das größte Hindernis am Abenteuer Auswandern. Nicht so bei Anna Seidel und ihrer Familie: "Die Mutter meines Mannes ist Engländerin und ich selber bin eine in Deutschland aufgewachsene US-Amerikanerin. Unsere Kinder wurden von Beginn an zweisprachig erzogen", erklärt sie. Die Familie lebt in Südafrika und erzählt im siebten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern" von ihrem Alltag in East London.

Wie unterscheidet sich Elternsein in Südafrika vom Familienleben in Deutschland?

 

Die Angst ist immer dabei
In Südafrika ist eine ständige, unterschwellige Sorge um die Sicherheit immer dabei. Wir leben hinter Mauern, ziehen nachts das Gitter zum Schlafbereich zu und machen die Alarmanlage an. Die Kinder können nirgends alleine hin, auch im Supermarkt lasse ich sie nicht aus den Augen. Die drei können hier nicht so eigenständig sein, wie sie es in Deutschland wären. Selber zum Bäcker zum Brötchen holen gehen, alleine Fahrradfahren oder zur Schule laufen, diese in Deutschland alltäglichen Erlebnisse sind hier aus Sicherheitsgründen nicht möglich.

Leben unter wilden Tieren
Bei einer kleinen Wanderung in den Zuurburg Mountains (Nähe Addo Elephant Park) sind wir unerwartet einer Cape-Cobra-Schlange begegnet. Sie hat sich aufgerichtet und uns angezischt, ist dann aber doch in den Busch geflüchtet. Unser Glück, es ist eine der giftigsten Schlangen Südafrikas.
Wir haben eine Truppe Cape-Vervet-Affen, die uns regelmäßig besucht. Wenn wir die Balkontür zur Küche offen lassen, kommen sie auch ins Haus und klauen aus der Obstschale die Bananen. Aber nur die Bananen. Äpfel, Mangos, Mandarinen, alles andere lassen sie liegen. Was für ein Klischee!

100 Kilometer bis zum nächsten Arzt
Wir mussten schon zweimal bei Urlauben im "Busch" mehr als 100 Kilometer zum nächsten Arzt fahren, um kranke Kinder behandeln zu lassen. Und dann wieder 100 Kilometer zurück - einmal sind wir dabei durch ein so tiefes Schlagloch gefahren, dass uns danach eine lange Fahrt zum nächsten Autohändler bevorstand. Die Saga um die Autoreparaturen ist aber eine andere Geschichte - das Kind war auf jeden Fall schneller wieder gesund als das Auto.

Ihr habt Uhren, wir haben Zeit
Es gibt einen afrikanischen Spruch: "You have watches, we have time." Hier ist alles entspannter und es herrscht ein Gefühl von Gemeinschaftsverantwortung für die Kinder. Wenn ich mich stresse, dass ich nicht pünktlich zum Kinderabholen komme, ist das verschwendete Energie. Die Kinder werden immer von irgendwem versorgt und keiner ist böse, wenn man mal zu spät kommt. Andersherum schaue ich natürlich auch, dass andere Kinder nicht alleine stehen bleiben.

Die Südafrikaner haben ein Herz für Kinder. Ihr Umgang mit ihnen ist ungezwungen und entspannt, die Kinder werden überall - egal ob im Restaurant, Supermarkt oder beim Arzt - geherzt, hochgehoben und angefasst. Daran muss man sich aber auch erst gewöhnen. Im sicheren Umfeld (z. B. im Lieblingscafé) lässt man die Kinder auch einfach laufen. Dann nimmt die Bedienung das Baby auch mal mit, um mit ihm eine Runde durch die Küche zu drehen.

Familie Seidel trifft einen Elefanten

Einen Elefanten streicheln - welches Kind träumt nicht davon?

Gesunde Ernährung? Fehlanzeige!
Viele Südafrikaner sind bei den Themen Ernährungsbewusstsein und gesunde Ernährung noch nicht gut informiert. Manche Kinder bekommen Chips, Cookies und süße Getränke in die Frühstücksdosen. Eine Erzieherin hat mir mal - nur halb im Scherz - vorgeschlagen, ein Info-Seminar über gesundes Kinderfrühstück zu halten.
Wenn die Kinder nicht essen, was ich koche, habe ich bis vor Kurzem damit gedroht, ihnen Umngqusho vorzusetzten. Das ist ein traditionelles Xhosa-Gericht aus zerstoßenem Mais und Bohnen (Xhosa sind ein südafrikanisches Volk, Anm. d. R.). Unser Sohn hat aber jetzt in der Schule Umngqusho probiert und fand es so lecker, dass er alle Reste mit nach Hause gebracht hat!

Günstige Kinderbetreuung
Kinderbetreuung wird hier oft "outgesourct". Viele südafrikanische Familien haben zwei Nannys, die sich neben dem Haushalt ganztags um die kleineren Kinder und nachmittags um die größeren kümmern. Daneben finden für Schulkinder an der Schule nachmittags viele Aktivitäten statt - großes Sportangebot, Hausaufgabenhilfe und ein Hort. Das große Angebot an günstiger Kinderbetreuung kann vieles für die Eltern erleichtern, die Qualität der Betreuung entspricht aber nicht immer der in Deutschland. Ich beziehe mich natürlich auf Familien mit ähnlichen Lebensverhältnissen. Es gibt hier auch sehr viele Familien, die unter erheblich einfacheren Verhältnissen ihre Kinder erziehen.

Was die Kinder in Südafrika lernen
Sie erleben täglich, dass unsere Welt aus vielen verschiedenen Menschen besteht. In vielen Farben und mit vielen Sprachen und Bräuchen. Und das es gut so ist.
Sie lernen den Umgang mit Veränderung und Andersartigkeit - tagtäglich an der Schule (wo auch die verschiedenen südafrikanischen Kulturen aufeinandertreffen), durch unsere Umzüge, aber auch durch den Wechsel und das Einstellen auf die unterschiedlichen Kulturen aus denen sie kommen und mit denen sie leben - USA, England, Deutschland, Südafrika.
Sie werden hoffentlich nie vergessen, dass Wohlstand - und den hat nach südafrikanischem Standard fast jeder in Deutschland - keine Selbstverständlichkeit ist. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist hier so groß und sichtbar.

Die drei Kinder am Strand

Zwei Schwestern und ihr Bruder an der Wildcoast

Ein geplanter Kaiserschnitt ist ganz normal
Ich finde es schön, wie sehr deutsche Eltern zum Teil in das Leben ihrer Kinder involviert sind und überhaupt die Möglichkeit haben, es zu sein. Elternzeit sei Dank! Der Mutterschutz dauert in Südafrika drei Monate, danach wird das Arbeitsverhältnis fortgesetzt. Das führt dazu, dass Mütter bis zum letzten Tag vor der Entbindung arbeiten, um danach so viel Zeit wie möglich zu haben. Nebenbei bemerkt ist hier der geplante Kaiserschnitt auch sehr üblich (ungefähr 70 Prozent der Frauen entschließen sich dazu) und absolut akzeptiert.
Unternehmen bieten selten flexible Arbeitszeitmodelle an. Interessanterweise wird das hingenommen. Die Kinderbetreuung durch Nannys ist so in der Kultur verankert, dass sich die wenigsten darüber Gedanken machen, dass es auch anders sein könnte. Spitz gesagt: Am Anfang der Schwangerschaft wird der Geburtstermin festgelegt und zeitgleich schon die Nanny für das Kind gesucht.

Unternehmerischer Mut
Es gibt aber auch Eltern, die ihr Angestelltenverhältnis kündigen und andere Beschäftigungsmodelle suchen. Durch die entspannte, unternehmerische Denkweise der Südafrikaner und die Furchtlosigkeit, mit der sie Neues ausprobieren, ist vieles möglich. Und wenn die erste Idee nicht funktioniert, wird sich halt wieder etwas anderes ausgedacht. Das heißt hier "We make a plan" und trifft auf sehr vieles zu, es ist eine regelrechte Lebensphilosophie. So bietet eine Freundin jetzt von zu Hause Kochkurse für Domestic Workers (Nannys) an. Eine andere macht Kinder-Kunstkurse. Eine dritte hat ein Guesthouse eröffnet.

Familie Seidel vor dem Tafelberg

Ein Ausflug zum Tafelberg


Der Nachteil einer Haushälterin
Unsere Kinder sind es inzwischen leider auch gewohnt, jemanden zu haben, der aufräumt und sauber macht. Wir erwarten, dass sie selber in ihren Zimmern Ordnung halten, aber wenn doch mal was liegen bleibt, wird es am nächsten Tag von unserer Maid aufgeräumt. Den Spruch "Ist doch egal, dass ich gekleckert habe, Chenai macht es doch sauber" haben wir leider auch schon ein paar Mal gehört. So fällt es schwer, Eigenverantwortung zu entwickeln. (Ehrlich gesagt, genieße ich es aber natürlich auch, nicht die Wäsche machen zu müssen.)

In Deutschland ganz normal, in Südafrika ein Skandal?
Als Eltern auch mal streng zu sein. Hier ist es unüblich, dass Kinder früh lernen, selber für sich zu sorgen - Eigenverantwortung zu übernehmen, aufzuräumen und im Haushalt mitzuhelfen. Südafrikaner sind zum Teil verwundert, wie ordentlich und hilfreich unsere Kinder sind - und dass sie im Haus ihre Schuhe ausziehen. Dass wir mit drei Kindern keine Vollzeit-Nanny haben, überrascht viele.

In Südafrika ganz normal, in Deutschland ein Skandal?
Kinder werden in Südafrika leider sehr häufig nicht angeschnallt. Von Babyschale und Kindersitz ganz zu schweigen. Seit Mai 2015 gibt es ein Gesetz, dass Kinder angeschnallt in Kindersitzen sitzen müssen, was aber nur langsam umgesetzt wird, eben in "African time."
Südafrikanische Kinder gehen gerne überall barfuß - und essen dabei viele Süßigkeiten und Chips, um dann die Verpackungen einfach fallen zu lassen. Es ist traurig, wie viele Menschen hier kein Umweltbewusstsein haben.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in FrankreichIstanbulRomDubaiBangkok, und den Südstaaten der USA aussieht.

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