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Wenn Familien auswandern: In Rom sind Bambini das Wichtigste

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im dritten Teil unserer Serie erzählt Miriam Covi von ihrem Familienleben in Rom.

Miriam Covi mit ihrem Mann und den zwei Töchtern

Miriam Covi mit ihrem Mann und den zwei Töchtern

Der Umzug vor vier Jahren nach Rom wird für Miriam Covi und ihre Familie nicht der letzte Neuanfang in einem fremden Land gewesen sein: Sie und ihr Mann arbeiten für die deutsche Botschaft. Schon bald müssen sie  sich zusammen mit ihren zwei Töchtern von Rom verabschieden, die Reise der Familie geht weiter nach Bangladesch. Doch bevor es so weit ist, verrät Miriam Covi im dritten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern", wie ihr Leben mit zwei kleinen Kindern in Italiens Hauptstadt aussieht und wie ein paar ältere Damen dafür sorgten, dass ihre Tochter in den ersten Monaten nur Beige trug.

Was unterscheidet Elternsein in Rom vom Familienleben in Deutschland?


Der Straßenverkehr treibt mich in den Wahnsinn
Was mich am Elternsein in Rom nervt, sind die schlechte Infrastruktur und der chaotische Verkehr. Wenn ich mit unserem langen Geschwisterkinderwagen auf den hiesigen Gehwegen unterwegs bin, habe ich das Gefühl, dass diese schon von den alten Römern gebaut wurden. Ein Schlagloch nach dem nächsten und selten eine abgesenkte Bordsteinkante. Ins Fitness-Studio brauche ich nicht mehr zu gehen, wenn ich einen Spaziergang zum Kindergarten und zurück hinter mir habe! Schlimm ist auch der Straßenverkehr. Selbst ein Kinderwagen ist kein Grund für einen römischen Autofahrer, am Zebrastreifen zu halten. Bleibt man stehen und wartet, steht man lange dort. Man muss seinen Kinderwagen schon wagemutig auf die Fahrbahn schieben - dann halten die Autos wohl oder übel. Wenn sie nicht einen Schlenker um einen herum fahren. Im Deutschlandurlaub warten wir immer wieder zögernd an Zebrastreifen und sind völlig überrascht, wenn Autofahrer tatsächlich scharf abbremsen, um uns passieren zu lassen.

Italienische Familienpolitik
Ich kenne mich mit dem italienischen Sozialsystem nicht gut aus, da ich weiterhin Teil des deutschen Systems mit Kindergeld und Co bin. Von unseren römischen Freunden weiß ich allerdings, dass auch italienische Eltern Elternzeit nehmen dürfen - aber maximal zehn Monate, die bis zum 8. Lebensjahr des Kindes zwischen den Eltern aufgeteilt werden können. Während einer Dauer von 6 Monaten bekommt das Elternteil, das in Elternzeit ist, 30 % seines Gehalts. Man kann also eindeutig sagen, dass die deutsche Elternzeit sowohl vom Zeitrahmen als auch finanziell weitaus besser geregelt ist - eine Tatsache, die immer wieder Staunen und auch Neid bei Italienern hervorruft.

Mamma ist immer dabei
Hier ist es üblich, dass Frauen spätestens ein Jahr nach der Geburt in ihren Beruf zurückkehren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert in vielen Fällen nur dadurch, dass die Großeltern ein fester Teil des Betreuungssystems sind. Wenn ich unsere Ältere nachmittags vom Kindergarten abhole, sind außer mir fast nur Omas und Opas da. Auch auf den Spielplätzen sieht man überall Großeltern, die ihre Enkel betreuen. Ein tolles System - solange es nonni (Großeltern) gibt und sie fit genug sind, um diesen Job zu übernehmen. Immer wieder wurde ich in den vergangenen Jahren gefragt, ob ich denn tagsüber wirklich ganz allein mit den Kindern sei, ob ich denn keine Hilfe meiner Mutter hätte?
Italienerinnen und ihre Mütter haben in der Regel ein sehr enges Verhältnis. Man telefoniert mindestens einmal am Tag mit Mamma und die schwangere Italienerin geht völlig selbstverständlich in Begleitung ihrer Mutter zum Ultraschalltermin. Auf der Straße begegnen sie einem überall, die Mutter-Tochter-Duos - auch, wenn die Tochter bereits in den Fünfzigern und die Mutter in den Achtzigern ist. Es ist ganz normal, dass man gemeinsam einkauft, gemeinsam zum Essen ins Restaurant geht, gemeinsam die Kinder von der Schule abholt. Kein Wunder also, dass ich mich in römischen Wartezimmern oder zur Abholzeit im Kindergarten oft "mutterseelenallein" fühle… Und ebenfalls kein Wunder, dass Italiener nur ungern ihre Heimatstadt verlassen, in eine andere Region umziehen - denn ein Familienleben ohne die nonni, ohne Tanten, Onkel, Cousinen, Cousins? Impossibile!

Was ich vermisse
Spielplätze gibt es in Rom natürlich, aber sie sind nicht immer schön und selten sauber. Sogar unser hauseigener kleiner Spielplatz wird von den vierbeinigen Hausbewohnern ganz selbstverständlich als Toilette benutzt, was mich immer wieder zur Weißglut treibt. Dies ist wohl auch der Grund, warum man hier auf keinem Spielplatz einen Sandkasten findet: Vermutlich wäre er voller Hundehaufen. Aber dafür haben wir in Rom natürlich einen anderen großen Vorteil: Die ganz große Sandkiste, der Strand, ist nur eine knappe Stunde mit dem Auto entfernt.
Ich vermisse DM und Co: Drogeriemarktketten wie in Deutschland, mit riesigem Sortiment zu meist günstigen Preisen, gibt es hier leider nicht. Brauchen wir eine neue Baby-Bodylotion oder eine Kinderzahnbürste, sind wir entweder auf die eingeschränkte Auswahl unseres Supermarkts angewiesen oder auf die meist viel zu teuren Produkte in den Apotheken. Windeln bestellen wir grundsätzlich in Deutschland, weil sie - trotz 7 Euro Liefergebühr - günstiger sind als hier in Italien.

Miriam Covis Töchter am Strand

Ein großer Vorteil an Rom: Der Strand und das Meer sind nicht weit weg

Kinderliebe ohne Grenzen …
Zwar ist Rom in puncto Infrastruktur überhaupt nicht auf Kinder eingestellt, doch die Römer sind es sehr wohl. Italiener lieben bambini - dieses Klischee kann ich nach zweieinhalb Jahren Muttersein in der Ewigen Stadt absolut bestätigen! Selbst junge Männer, die ja meistens hauptsächlich mit Coolsein beschäftigt sind, schauen hier regelmäßig mit einem verzückten Lächeln in unseren Geschwisterkinderwagen und schäkern hemmungslos mit unseren Töchtern. Es mag daran liegen, dass unsere Mädchen hellblaue Augen haben, dass Fremde auf der Straße, im Bus oder Supermarkt bei ihrem Anblick regelmäßig in lautes Entzücken ausbrechen und mit Komplimenten wie "Che bella!", "Was für Augen!", "Du hast ja zwei Seen gestohlen!" um sich schmeißen. Wenn wir dann in meiner Heimatstadt Gütersloh unterwegs sind und niemand, aber auch wirklich niemand einen längeren Blick auf unsere Kinder wirft, bin ich fast immer ein bisschen gekränkt.

… neugierige Fragen inklusive
Italiener freuen sich nicht nur über den Anblick von bambini, sondern auch über den dicker Bäuche. Während meiner zwei Schwangerschaften wurde ich am laufenden Band begeistert von Fremden auf das in mir wachsende Wesen angesprochen. "Wann wird es geboren? Junge oder Mädchen?" Sogar fremde Leute im Bus und auf der Straße wollten wissen, wie mein Baby heißen solle - in Italien ist es üblich, den Namen vor der Geburt bekanntzugeben. Im Geburtsvorbereitungskurs war mein Bauch der einzige mit einem anonymen Bewohner.

Einer italienischen Nonna widerspricht man nicht
Besonders neugierig im Hinblick auf den Bewohner meines Bauchs waren meistens ältere Damen, die sich vermutlich sehnlichst Enkelkinder wünschten. Als unsere erste Tochter unterwegs war, sprach mich eine dieser älteren Damen im Supermarkt an. Ich beantwortete ihre Frage nach dem Geschlecht des Babys und bekam prompt im Brustton der Überzeugung zu hören, dass die Form meines Bauches aber ganz eindeutig auf einen Jungen hinweise. Ich war verunsichert. Ältere italienische Damen können sehr resolut auftreten und man möchte ihnen sofort alles glauben, was sie verkünden - sei es zum Wetter, zur besten Tomatensorte für Insalata Caprese oder eben zum Geschlecht seines Kindes. Meine Verunsicherung wuchs, als ich zwei weitere Male von fremden älteren Damen belehrt wurde, dass mein spitzer Bauch ganz sicher einen Jungen und kein Mädchen beherberge. Hatte sich meine Gynäkologin womöglich verguckt? Schließlich passiert es durchaus, dass ein Ultraschallbild täuscht (und bei meiner Gynäkologin gab es kein modernes 3D-Gerät, wo man alles, aber auch wirklich alles erkennen kann!). Um auf Nummer sicher zu gehen, kaufte ich fortan hauptsächlich Babyklamotten in neutralem Beige. Im Kreißsaal rief die Kinderärztin nach einer endlosen Entbindung schließlich enthusiastisch: "Che bel figlio!" Figlio? Also tatsächlich ein Junge? Aber nein, ein prüfender Blick reichte und wir wussten: Die Kinderärztin hatte mit "figlio" nicht "Junge", sondern geschlechtsneutral "Kind" gemeint. Und die älteren Damen hatten meine Bauchform fehlinterpretiert. Unsere Tochter trug während der ersten Wochen ihres Lebens würdevoll Beige.

Erst lange nach dem Sandmann ins Bett
Wenn wir zu Besuch in Deutschland sind, fällt mir immer wieder auf, wie spät unsere Kinder im Vergleich zu deutschen Kindern ins Bett müssen. Hier in Italien ist es üblich, dass auch kleine Kinder erst gegen 21.30 Uhr oder noch später schlafen gehen - auch wenn am nächsten Morgen der Kindergarten ruft. Ganz so italienisch handhaben wir die Schlafenszeit nicht, aber vor 20.30 Uhr wird im Kinderzimmer selten das Licht gelöscht. Besonders im Sommer toben die Kinder noch lange draußen herum - vor 19 Uhr gehen die meisten nicht nach Hause. Schließlich gibt es in italienischen Familien frühestens um 19.30 Uhr Abendessen. Und möchte man mit seinen Kindern abends eine Pizza essen gehen, lodert vor 19.30 Uhr auch kein Feuer im Pizzaofen - also wird es zwangsläufig ein langer Abend in einem Restaurant, durch das auch zu später Stunde noch kleine Kinder toben.
Ich finde das sehr schön und denke oft, dass sich deutsche Eltern von italienischen abgucken könnten, wie gelassen man mit Kindern auch mal abends im Restaurant sitzen kann. Schließlich ist es nicht schlimm, wenn die Kleinen hin und wieder etwas später ins Bett kommen. In Deutschland wirkt alles immer sehr reglementiert und dadurch manchmal etwas freudlos. Hier ist es ganz normal, wenn Kinder im Restaurant Unruhe verbreiten - schließlich unterhalten sich Erwachsene im Lokal auch laut und temperamentvoll. Wenn gleichzeitig am Nachbartisch unsere Zweieinhalbjährige einen Wutausbruch bekommt - wen stört's? Laut ist es sowieso.

Miriam Covi und ihr Mann vor dem Kolosseum

Zeit zu zweit: Miriam Covi und ihr Mann vor dem Kolosseum

Für Mama wird übersetzt
Ich bin sehr froh, dass unsere Kinder mit verschiedenen Sprachen aufwachsen. Unsere ältere Tochter besucht zurzeit einen bilingualen Kindergarten, wo sie mit einer Erzieherin auf Italienisch kommuniziert, mit der anderen auf Englisch. Ich finde es erstaunlich, wie gut sie Italienisch und Deutsch auseinander hält: Erst neulich übersetzte sie "Bambola stanca!" schnell in "Puppe müde!". Vermutlich dachte sie, ihre deutsche Mutter würde sie sonst nicht verstehen …

In Deutschland ganz normal, in Rom ein Skandal
Babys nur in Socken oder im Sommer gar barfuß im Kinderwagen auszufahren - undenkbar. Hier trägt schon der modebewusste Säugling schicke Schühchen, selbst wenn er noch Monate vom ersten Krabbelversuch entfernt ist. Italienern ist bella figura - das gute Aussehen - nun einmal extrem wichtig. Das ist auch der Grund, warum man in Rom so viele teure Kinderboutiquen findet, in denen das rote Samtkleidchen für Babys erstes Weihnachtsfest 300 Euro kostet. Secondhand-Läden für Kinderklamotten sind hingegen sehr selten … Während der ersten Lebensmonate meiner Töchter wurde ich beim Blick in den Kinderwagen einige Male gefragt, ob die Mädchen denn keine Schuhe hätten und ich kam mir regelmäßig wie eine deutsche Rabenmutter vor, die von Mode keinen blassen Schimmer hat.

In Rom ganz normal, in Deutschland ein Skandal
Leider sieht man hier tagtäglich, dass Kinder im Auto nicht angeschnallt sind. Auch bei Tempo 130 auf der Autobahn turnen sie auf der Rückbank oder sogar auf dem Beifahrersitz herum. Selbst kleine Kinder fahren schon bei Vater oder Mutter auf dem Motorroller mit. Wenn ich sehe, wie sie sich trotz ihrer kleinen Mitfahrer waghalsig durch den dichten Verkehr schlängeln, bekomme ich es jedes Mal mit der Angst zu tun - vor allem, wenn ich an die vielen Kreuze denke, die man überall in Rom an Straßenrändern und Kreuzungen sieht. Dolce Vita hin oder her - in puncto Verkehr sollte die italienische Gelassenheit ihre Grenzen kennen.

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