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Wenn Familien auswandern: In den USA gibt es keine Rabenmütter

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im zweiten Teil unserer Serie erzählt Tina Busch von ihrem Familienleben in den Südstaaten der USA.

Von Viktoria Meinholz

Tina Busch mit ihrer Familie beim Ballspielen

Tina Busch mit ihrem Mann und den zwei Kindern beim Ballspielen 

Vor vier Jahren verschlug es Familie Busch aus München nach Chattanooga im Süden Tennessees. Dort leben sie heute zusammen mit ihren zwei Kindern inmitten von Countrymusikern, Waffennarren und Whiskeytrinkern - soweit zumindest das Klischee. Wie ihr Leben in den USA wirklich aussieht, erzählt Tina Busch im zweiten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern"

Was unterscheidet Elternsein in den USA vom Familienleben in Deutschland?

Jeder arbeitet so, wie er will
Der größte Unterschied zwischen dem Elternsein besteht meiner Meinung nach darin, dass Eltern in den USA viel freier sind und weniger bewertet und kritisiert werden. Jeder muss sein eigenes Leben meistern und dafür stehen ihm hier auch viele Wege offen. Aus dem Kindergarten habe ich ganz unterschiedliche Lebens- und Arbeitskonzepte mitbekommen: Du gibst dein acht Wochen altes Baby in die Krippe, weil du wieder an deinen Arbeitsplatz zurückkehren willst (bzw. musst) - kein Problem. Du entscheidest dich dafür, mit deinen vier Kindern zu Hause zu bleiben, bis auch die Jüngste mit der Schule fertig ist? - Es ist schön, dass ihr euch das leisten könnt. Die Mama arbeitet, der Papa bleibt zu Hause? Na klar! Auch guckt mich niemand komisch an, wenn ich meine Kinder mal später aus dem Kindergarten abhole, zur Halloween-Party gekaufte Cupcakes mitbringe oder zum dritten Mal in diesem Jahr in den Urlaub fahre. Als Rabenmutter muss sich hier niemand fühlen. Weder das Konzept noch der Begriff existieren nämlich im Englischen.

Restaurantbesuche sind ein Kinderspiel
Mit Kindern essen zu gehen, ist hier überhaupt kein Problem. Es gibt immer genügend Hochstühle, dazu ein Kinder-Menü und Malzeug, um die Wartezeit zu überbrücken. Und dass man in der Regel nicht ewig auf sein Essen warten muss, macht den Restaurantbesuch natürlich noch einfacher. Überhaupt gehen die Amerikaner - zumindest hier in Tennessee - mit Kindern viel freundlicher und respektvoller um als viele Deutsche.

Angst vor Hebammentricks
Ich werde nie die erstaunten Augen der Kinderärztin vergessen, als ich ihr erzählt habe, dass man Babys verstopfte Nase doch auch mit Muttermilch behandeln kann. So was hatte sie noch nie gehört. Also habe ich alle weiteren Empfehlungen meiner deutschen Hebamme in Zukunft lieber verschwiegen. Auch Stillen ohne Stilltuch oder Wickeln in der Öffentlichkeit sorgt hier für hochgezogene Augenbrauen.

Was die Amerikaner an mir seltsam finden
Dass meine Kinder oft viel dicker angezogen sind als die amerikanischen Kinder. Aber doch lieber draußen ein bisschen schwitzen als sich im klimatisierten Kindergarten eine Lungenentzündung holen, oder? Ach ja, kritische Blicke gibt es bestimmt auch dafür, dass wir so gut wie nie unsere Hände bzw. den Einkaufswagen, Sportgeräte beim Fitness, Picknicktische etc. desinfizieren.

In Deutschland könnte es in Zukunft kritische Blicke für den Komplett-Disney-Princess-Look meiner Tochter geben - egal ob Rucksack, Trinkflasche, Handtuch, T-Shirt, Schuhe, Snack-Verpackungen, Badeanzug - an Cinderella, Arielle, Anna und Elsa führt kein Weg vorbei. Meine Kinder können außerdem schon relativ gut mit Smartphones und Tablets umgehen. Oder ist das in Deutschland auch schon der Normalfall?

Vom Kreißsaal direkt zum Schreibtisch
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint mir hier selbstverständlicher und weniger problembelastet zu sein. Betreuungsplätze gibt es fast immer, für jeden Geldbeutel, für egal wie viele Stunden oder welches Alter. Und damit ist für die Frau auch der Wiedereinstieg in den Job einfacher. Obwohl "Wiedereinstieg" eigentlich nicht der passende Begriff ist, da viele Frauen schon kurz nach der Geburt wieder anfangen zu arbeiten bzw. oft auch erst damit aufhören, wenn sie schon fast in den Wehen liegen. Karriere machen ist also möglich, wenn man sich dafür entscheidet. Doch leider bedeutet diese Freiheit gleichzeitig auch, dass die Mütter, die auf einen Job angewiesen sind, unter enormem Druck stehen. Leidet die Arbeit, weil die Kinder zum Beispiel ständig krank sind und man keine Betreuung hat, ist man seinen Job buchstäblich über Nacht wieder los. Hingegen darf man in Deutschland wirklich Mutter sein und kann sich mit Unterstützung des Elterngelds zumindest im ersten Lebensjahr voll und ganz auf den Nachwuchs konzentrieren, ohne sich nach einer Nacht im Stillsessel vollkommen übermüdet ins Büro setzen oder sich Sorgen um Geld, Krankenversicherung oder Job machen zu müssen. 

Tina Busch

Tina Busch bloggt über ihr Leben als Mutter im Ausland

Was ich vermisse
Am meisten fehlt mir der persönliche Kontakt zu Familie und Freunden. Ich finde es schade, dass die Großeltern, Tanten und Onkel und auch unsere Freunde so wenig von unseren Kindern und unserem Leben als Familie mitbekommen. Was vermisse ich noch? Homöopathische Beratung! Um dem Antibiotika-Wahn zu entgehen, habe ich mir vor ein paar Jahren eine Globuli-Hausapotheke zusammenstellen lassen und kann mittlerweile das ein oder andere Zipperlein zum Glück selber behandeln.

Das Deutsche an meinen Kindern
Ich versuche meinen Kindern den German Way of Life trotz der Entfernung nahe zu bringen: Wir sind viel draußen, fahren Laufrad und Fahrrad, springen mit Matschhose und Gummistiefeln bei Regen in den Pfützen herum. Und natürlich lesen wir deutsche Bücher, hören Hörspiele und Musik und gucken "Die Sendung mit der Maus" oder "Prinzessin Lillifee". Gerne würden wir auch mal wieder Bundesliga-Fußball gucken oder mit dem Fahrrad zum Supermarkt oder Kindergarten fahren, aber darauf müssen wir wohl noch etwas warten.

In Deutschland ganz normal, in den USA ein Skandal?
Dass kleine Kinder auch mal nackt im Garten oder am Strand rumlaufen oder dass ältere Kinder draußen alleine spielen können, ohne ständige Aufsicht, ist für Amerikaner unbegreiflich.

In den USA ganz normal, in Deutschland ein Skandal?
Auf Kindergeburtstagen, zu denen in der Regel die ganze Klasse eingeladen wird, gibt es professionell dekorierte Torten mit sehr viel Glasur. Und dann essen die Kinder tatsächlich noch nicht mal den Kuchen, sondern nur die Glasur! Überhaupt ist das Thema gesunde Ernährung und Zuckerkonsum aus deutscher Perspektive ein großes Skandalthema.
In jedem Haus gibt es mehrere Fernseher, die von morgens bis abends laufen und als eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung für Kinder jeden Alters gelten. Außerdem ist es normal, dass auch schon Säuglinge in die Krippe gegeben werden, dass Babys generell viel Zeit im Autositz verbringen und dass Waffen zur Standard-Hauseinrichtung gehören, zumindest hier im Süden.

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