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Eine deutsche Familie in London: "Mama, I need to kotz"

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im elften Teil unserer Serie erzählt Tanya Neufeldt von ihrem Familienleben in Großbritannien.

Tanya Neufeldt

Mutter und Sohn – gemeinsam auf großer Fahrt

Eigentlich waren es nur sieben Monate – doch die haben einen gewaltigen Eindruck bei Tanya Neufeldt und ihrer Familie hinterlassen. Sie und ihr Mann verließen ihre Heimat in Berlin und wagten mit ihrem damals vier Jahre alten Sohn Noah den Sprung nach London. "Wir sind mit einem lachenden und einem weinenden Auge wieder zurück nach Berlin gezogen", sagt die Schauspielerin und Autorin.

Sie erzählt im elften Teil der stern-Reihe "Wenn Familien auswandern" von ihrem Familienleben in London – und verrät, wie verrückt die Planung eines Kindergeburtstages in der britischen Metropole sein kann.

Was unterscheidet Elternsein in England vom Familienleben in Deutschland?

Wie bei einer Katalog-Ehe
Unser Aufenthalt war nicht lange im Voraus geplant. Anfang Dezember hieß es plötzlich, dass es die Möglichkeit gibt, die Familie mitzunehmen – und zwar ab Januar. Das heißt, wir haben innerhalb von ein paar Tagen alles online regeln müssen. Weder mein Mann noch ich hatten Zeit nach London zu fliegen, um uns vor Ort Immobilien anzusehen und in den Wohnungen Probe zu stehen. Es war ein bisschen wie bei einer Katalog-Ehe. Aber dank Google Street View konnten wir uns wenigsten grob vorstellen, wo wir landen würden. Und die Fotos vom Apartment waren so schön, dass wir es gewagt haben, auch ohne vorher alles genau unter die Lupe zu nehmen. Es gab auch ehrlich gesagt nicht viel Auswahl. Aber das Glück war uns hold.

Britische Kindergärten – die Qual beginnt
Noah ist in einen englischen Kindergarten gegangen. Ich spreche mit ihm seit seiner Geburt Englisch, also war die Sprache für ihn keine große Hürde. Ich bin auch zweisprachig aufgewachsen. Die Kindergärten sind allerdings eine komplett andere Hausnummer als bei uns. Vor allem, weil man Kinder in England zwischen dem 4. und 5. Lebensjahr einschult. Das bedeutet auch, dass es dort im Kindergarten wesentlich verschulter zugeht als bei uns. Ich hatte nach sechs Wochen ein Gespräch mit der Lehrerin, die mir mit Sorgenfalten auf der Stirn offenbarte, dass Noah richtig viel aufzuholen hätte, weil er noch Buchstaben und Zahlen vertausche. Das hat mich damals ziemlich erschüttert, dass mein Sohn so etwas schon können sollte. Ich fand seine Entwicklung vollkommen altersgerecht, er war ja erst vier!

Verkürzte Kindheit
Ich war immer der Ansicht, dass wir Eltern in Deutschland einem ziemlich großen Druck ausgesetzt sind. Aber mittlerweile finde ich es hier im Vergleich zu London tatsächlich wesentlich entspannter. Allerdings ertappe ich mich schon oft bei dem Gedanken: Oh Gott, wo treiben wir unsere Kinder bloß hin? Warum diese Hektik? Wieso immer schneller, weiter, höher? Aber das wird durch das Schulsystem in Großbritannien noch potenziert und die Kindheit dadurch massiv verkürzt. Wenn du mit vier Jahren schon ruhig sitzen musst und richtig lange "Arbeitstage" hast, dann ist deine Kindheit ziemlich früh vorbei.

Die richtige Kita entscheidet übers weitere Leben
Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber wir haben in Deutschland tatsächlich mehr Mitspracherecht und mehr Gestaltungsfreiheit in Bezug auf die Ausbildung unserer Kinder.

Noah ist Ende November geboren und sehr verspielt. "Ich bin eher so der Lego-Bauer, nicht so in Mathe", sagt er immer. Mein Mann und ich waren uns einig, dass wir ihm noch ein weiteres Jahr im Kindergarten gönnen wollen und er dann erst mit fast sieben Jahren eingeschult wird. Ich weiß, dass es von Bundesland zu Bundesland verschieden ist, aber auch hier in Berlin musste ich darauf bestehen, dass er zurückgestellt wird. Aber wenigstens haben wir diese Möglichkeit.

In London gibt es einen Stichtag und damit ist die Debatte beendet. Die Option einer Rückstellung existiert nicht. Wenn das Kind nicht hinterherkommt, bekommt es eben Nachhilfe. Es ist alles starrer, das Gerüst viel enger. Denn, wenn das Kind in der falschen Kita war, entstehen massive Probleme, auf die richtige Grundschule zu kommen, und dann ist das Leben praktisch schon auf die schiefe Bahn geraten.

Die Kindergeburtstags-Hysterie
London hat mir gezeigt, dass wir in Deutschland in diesem Fachbereich noch so einiges von unseren Nachbarn lernen können. Den überdrehten Kindergeburtstag-Hysterie-Himmel haben wir noch lange nicht erreicht!

Ein typischer Kindergeburtstag in London läuft wie folgt ab: Da wird die gesamte Wohnung dem Motto entsprechend dekoriert und umgeräumt, damit auch genug Platz für alle Eltern und den Kinderentertainer ist. Der führt durch die Party wie ein Animateur im Club Med: "Ooooooookay, lets get started!" Während die Erwachsenen mit Prosecco, Bier und Gemüsesticks verwöhnt werden, wartet auf das Geburtstagskind eine dreistöckige Schokoladentorte, deren Dekoration schon mehr gekostet hat als ein normaler Kindergeburtstag in Deutschland.

Die zuständige Mutter ist bereits eine Woche vor dem großen Tag am Rande eines saftigen Nervenzusammenbruchs. Zum Abschied verteilt sie Goodie Bags an die Kinder. Klassischerweise geht man mit mehr Geschenken nach Hause, als man gekommen ist. Gott sei Dank hatte Noah nicht während unserer Auswanderer-Zeit Geburtstag!

Doch einen riesigen Vorteil haben die Londoner Kindergeburtstage: Es gibt ein festes Ende, eine konkrete Uhrzeit, an die sich alle halten. Kommentarlos werden die Kinder eingepackt und alle verschwinden. Nicht wie bei uns in Deutschland, wo man irgendwann das Gefühl hat, dass man unhöflich werden muss, weil die Eltern sich beim Abholen festtrinken und man eigentlich nur noch ins Bett will.

Noah wird zu Batman

Noah wird zu Batman

It's really cloudy today
Ich mag, dass den Kindern in England durchaus früh bestimmte Dinge beigebracht  werden, wie zum Beispiel die Kunst des Smalltalks. Ich bin einmal in eine Stunde im Kindergarten hereingeplatzt und da saßen die Kinder vor einer Wetterkarte und man unterhielt sich über das Wetter: "Cloudy", "A little overcast" und so weiter. Die Engländer sind ja nun berühmt für ihren Wetter-Smalltalk. Das ist aber tatsächlich auch ein totaler Eisbrecher und man hat immer etwas zu sagen. Ich hatte mich schon gewundert, warum Noah sich im Park mit Hundebesitzern immer über das Wetter unterhielt. Wir Deutschen sind ja die schlechtesten Smalltalker der Welt. Auf Cocktailpartys starren wir auf die Eiswürfel im Glas, aber die Briten lernen das von klein auf mit dieser Leichtigkeit. Genauso wie die Kunst, sich zum Affen zu machen. Denn natürlich laufen am "National Book Day" nicht nur die Kinder als ihre Lieblingsbuch-Figuren verkleidet durch die Gegend, sondern auch die Lehrer. Solche Dinge sind sehr inspirierend, wenn das Maß gehalten wird und die Form nicht zu starr wird. Und da können wir uns bestimmt eine Scheibe von abschneiden.

"Welche Allagih habe ich denn, Mama?"
Eine Londoner Freundin erzählte mir, dass ihre Tochter bei einem Geburtstag war, wo alle Kinder Pappschilder um den Hals trugen. Dort stand drauf, was sie essen dürfen und was nicht: koscher, kein Schweinefleisch, Nussallergie, Erdbeerallergie. Sie kam sich vor wie auf einem Lebensmittelkongress.

Es sind tatsächlich völlig neue Dimensionen, wenn du auf die religiösen Essgewohnheiten U N D die Nahrungsunverträglichkeiten eingehen musst.

Ich hatte sowieso das Gefühl, dass in London überproportional viele Kinder allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel haben. Man durfte auch in den Kindergarten aus Sicherheitsgründen keine Nüsse mitbringen. Das Thema "Allergien" war so omnipräsent, dass Noah mich irgendwann zuversichtlich fragte: "Welche Allagih habe ich denn, Mama?" "Keine", antwortete ich und setze schnell noch ein "Tut mir leid, mein Schatz" hinterher, als ich in sein enttäuschtes Gesicht sah.

Das schlechte Gewissen der Mütter
In England sind die Voraussetzungen im Sinne von Elterngeld oder Mutterschutz viel schlechter als in Deutschland. Die Absicherung ist dort um einiges wackeliger. Aber das Thema Vereinbarkeit ist genauso präsent wie überall. Ich glaube einfach, es ist ein universelles. Denn das schlechte Muttergewissen ist universell und Arbeitgeber, die angestellte Mütter als eine Zumutung empfinden, gibt es leider auch überall.

Selbstständigkeit – auch auf dem Spielplatz
Wir lassen Noah viel ausprobieren. Er kennt seine Grenzen und die Zeiten, in denen er sich kopfüber die Rutsche hinunterstürzte, sind zum Glück vorbei. Ich war immer geschockt, wie viele Eltern ihre Kinder auf den Spielplätzen kaum einen Meter aus den Augen ließen. Natürlich nicht alle, aber doch sehr viele haben ihren Kindern kaum Raum gelassen, um auszuprobieren, wie es ist, sich noch einen Schritt höher auf das Klettergerüst zu wagen. Ich wurde dafür einerseits kritisch taxiert nach dem Motto: "Na, die verletzt ja ihre Aufsichtspflicht", andererseits wurde Noah erstaunt angeschaut, wie fit er ist und was er alles kann.

Auswanderin

Mir mischen sich Eltern häufig viel zu sehr ein. Auch auf deutschen Spielplätzen. Da klaut Marie dem Josef ein Förmchen und sofort wird daraus ein Staatsakt gemacht, bei dem sich die Eltern untereinander in die Haare kriegen. Kinder können das meistens super alleine lösen. Und wenn nicht, dann kann man sie ja immer noch dabei unterstützen.

Die Deutsche in mir
Ich werde wahrscheinlich niemals die Renovierungsarbeiten auf unserer Londoner Terrasse vergessen. Während wir in Deutschland sofort den TÜV anrufen und das Gelände weiträumig absperren würden, werden in England mit Stricken tonnenschwere Planken völlig ungesichert in den 5. Stock hochgezogen. Ich habe gemerkt, wie deutsch ich bin, als ich Zeugin wurde, wie laienhaft und stümperhaft das erledigt wird. Aber eben auch lässig und unkompliziert!

Wie viel Förderung ist zu viel?
Während es für mich vor allem wichtig war, dass es meinem Sohn gut geht und er abends glücklich und dreckig in der Badewanne sitzt, haben die meisten Eltern den Fokus eher darauf gesetzt, dass die Kinder schulisch weitergebildet werden. Da gab es dann noch Französisch am Nachmittag oder Science oder was auch immer. Ich bin teilweise durchaus irritiert angesehen worden. Aber ich hatte ja auch das Glück, meinen Stiefel so fahren zu können, weil ich eben wusste, dass wir nur "zu Gast sind".

Das Piratenschiff, auf dem Noah gerne spielte

Das Piratenschiff, auf dem Noah gerne spielte

Die Rückkehr
Es gab ein weinendes und ein lachendes Auge. Die Ruhe in Berlin (wer hätte gedacht, dass ich das mal schreibe) hat uns unglaublich gut getan.

Noah hat allerdings seine Freunde in London vermisst und die tollen Spielplätze. Den Inder am Kiosk um die Ecke, seine Babysitterin, die mit ihm alle Museen von London besucht hat. Diese Museen, die übrigens alle kostenlos sind, sind einfach unglaublich toll und so kindgerecht. Das haben die wirklich raus: schwierige komplexe Themen verspielt und mit viel Spaß und Leichtigkeit aufzubereiten.

Was ich vermisse
Ich liebe die Supermärkte in London. Diese Vielfalt an Speisen aus aller Herren Länder. Das gibt es bei uns nur in der Gourmet-Abteilung. In London stehen selbst im stinknormalen Supermarkt indische Fertiggerichte neben japanischen oder französischen und es schmeckt auch noch richtig gut. Ich mag die Höflichkeit der Engländer. Natürlich ist die nicht immer authentisch, aber an der Stelle lasse ich mir gerne etwas vorspielen, weil es mir einfach bessere Laune macht.

Mir fehlt dieser Kulturen-Mischmasch unglaublich. Ich vermisse es, alle Nationalitäten mit so einer Selbstverständlichkeit auf einem Fleck zu haben. Ich vermisse die Vielfalt an Restaurants mit dieser unfassbaren Qualität. Ich vermisse den Humor an jeder Ecke. Die Nacktfahrrad-Parade hinterm Buckingham Palace, während die Queen auf der anderen Seite ihren Geburtstag feiert. Und ich vermisse diese Kostüm- und Verkleidungslust, die die Engländer haben.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in MexikoSüdafrikaFrankreichIstanbulShanghaiRom, Schweden,
DubaiBangkok, und den Südstaaten der USA aussieht.

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