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Wenn Familien auswandern: In Mexiko haben wir die Armut immer vor Augen

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im neunten Teil unserer Serie erzählt Sina Willmann von ihrem Familienleben in Mexiko.

Familie Willmann vor dem Eingang zu ihrer Wohnanlage

Familie Willmann vor dem Eingang zu ihrer Wohnanlage in Pueblo

Vor einem Jahr tauschte Familie Willmann ihre Heimat Wolfsburg gegen Puebla, eine Großstadt in Zentralmexiko, ein. Für drei Jahre ist dort nun ihr neues Zuhause. Gerade für die neunjährige Tochter der Familie war das am Anfang nicht einfach. Doch inzwischen hat sich die Familie eingelebt - und Sina Willmann erkennt neben dem guten Wetter weitere Vorteile an ihrem neuen Leben in Mexiko, wie die junge Mutter im neunten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern" erzählt.

Wie unterscheidet sich Elternsein in Mexiko vom Familienleben in Deutschland?


Zweifel bei Mutter und Tochter
Der Abschied aus Deutschland fiel unserer Tochter Sophia nicht leicht. Mit neun Jahren hat man schon seinen eigenen Kopf. Jedes Mal, wenn wir über den Umzug oder über Mexiko sprechen wollten, hat sie sich verweigert, wurde wütend oder hat geweint. Das Thema wurde somit eine Zeit lang totgeschwiegen. Ganz unbewusst kamen aus dem Umfeld kurz vor der Ausreise noch Kommentare wie "Das letzte Mal eine Freibadkarte kaufen", "Das letzte Mal deinen Geburtstag in Deutschland feiern", "Das letzte Mal zur Schule gehen", "Das letzte Mal deine Freundin in den Arm nehmen". Das sind Erlebnisse und Erinnerungen, die tief sitzen im Kinderherz. Und ehrlich, auch mir als Mutter sind diese Momente nahe gegangen. Es kamen Fragen und Zweifel in mir auf. Ist es richtig, ein Kind (gegen seinen Willen) aus der gewohnten Umgebung zu reißen und in ein fremdes Land zu ziehen? Damit nicht genug: Ein Expat-Leben ist kein Umzug für immer. Nach drei, vier oder fünf Jahren kommt die Rückkehr und die Entwurzelung findet erneut statt. Klar, tausende andere Familien machen das ebenfalls und ziehen noch viel häufiger von Kontinent zu Kontinent. Das bedeutet aber nicht, dass es für die Kinder ebenso spannend und gewinnbringend ist, wie für die Eltern. Jetzt, nach einem Jahr und einem Heimaturlaub zwischendurch, kann ich sagen, wir sind alle drei angekommen und das große Heimweh ist ausgeblieben.

Die Familie als wichtigster Bezugspunkt
Familie wird in Mexiko noch sehr konservativ verstanden und entsprechend gelebt. So prägt die Familie den einzelnen Menschen mehr, als dies in europäischen Ländern üblich ist. In Deutschland ziehen die Kinder spätestens zum Studium oder danach aus dem elterlichen Haus aus. In Mexiko leben dagegen fast 90 Prozent der Menschen weiterhin mit ihrer Familie zusammen oder zumindest räumlich sehr nah beieinander. Die Großfamilie fungiert hier als die wichtigste Sozialversicherung und gleicht soziale Not aus. Wird ein Familienangehöriger arbeitslos, arbeitsunfähig oder krank, kann er sich auf seine Familie - nicht dagegen auf Zahlungen seines Arbeitgebers oder des Staates - verlassen. Das Leben in der Gemeinschaft steht hier an erster Stelle - für mich der größte Unterschied zum Elternsein in Deutschland. 

Spontaner Schulschluss
Mir fehlt die Verlässlichkeit der Schulen in Deutschland. In Mexiko bekomme ich häufiger eine E-Mail von der Schule mit der Information, dass der Unterricht heute spontan schon nach der fünften Stunde endet: "Bitte holen Sie Ihr Kind von der Schule ab." Wer berufstätig ist oder nicht ständig seine E-Mails liest, hat mit dieser spontanen und kurzfristigen Änderung ein Problem.
Meine Tochter wird nach unserer Zeit hier sicherlich den Fahrservice zur Schule vermissen. In Deutschland wird sie nämlich wieder mit dem Fahrrad zur Schule fahren müssen.

Gründe zum Feiern sind in Mexiko schnell gefunden

Gründe zum Feiern sind in Mexiko schnell gefunden

Picknick neben dem Grabstein
Mexikaner lieben Feiern, Musik, Tanz und laute, ausgelassene Stimmung. Es gibt hier eine enorme Menge an Festen und Feiern, irgendwo findet sich immer ein Anlass, auch wenn es nur der "Tag der Maurer" ist. Diese Feiern sind eine Möglichkeit, die Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben. Dabei finden auch Kinder Spaß an Kultur, Tradition und Werten. Ein ganz besonderer Feiertag findet Ende Oktober statt: der "Día de los muertos". Am "Tag der Toten" trifft man sich zum Familienpicknick am Grab der Verstorbenen.

Kindergeburtstag mit DJ und Hüpfburg
Typisch mexikanische Kindergeburtstage sind für mich nach wie vor eine Besonderheit. Ich kann mich noch an den ersten erinnern: Meine Tochter war zu 14 Uhr eingeladen. Wir waren natürlich auch um 14 Uhr im Fiesta Garden. Das ist ein extra angemietetes Areal mit Spielfläche und Bewirtungsbereich. Meine Vorstellung war eigentlich, dass meine Tochter feiert, ich in der Zwischenzeit etwas erledige und sie am Ende wieder abhole. Wir waren die ersten Gäste, als wir ankamen dekorierten die Gastgeber noch die Tische und wir schauten uns überrascht um. Es gab etliche Spielmöglichkeiten, Spielgeräte, eine Hüpfburg, sogar einen DJ, festlich eingedeckte Tische, einen Buffetbereich und Personal für die Bedienung. Gegen 14.30 Uhr trudelten langsam mehr und mehr Gäste ein, am Ende waren mindestens 30 Kinder auf der Geburtstagsfeier. Und nicht nur das, auch die Eltern waren anwesend und feierten mit. Meine Pläne, in der Zwischenzeit etwas zu erledigen, musste ich über Bord werfen. Ich gesellte mich zu der Runde mexikanischer Eltern. So richtige Partylaune stellte sich bei mir jedoch nicht ein. Die Lautstärke vom DJ und den feiernden Kindern ließ nur schwer eine Unterhaltung zu.

Der Elternabend ist erst der Anfang
Schulisches Engagement wird in Mexiko sehr ernst genommen - auch das der Eltern. Von den Müttern wird erwartet, dass sie sich bei Feiern, Schulveranstaltungen oder sonstigen schulischen Aktivitäten stark einbringen. Es gibt eine Elternvertretung, die jeden Feiertag für die Kinder mit Überraschungen vorbereitet. Manchmal organisieren sie ein gemeinsames Frühstück oder dekorieren den Klassenraum passend zum jeweiligen Feiertag. Da unsere Tochter auf eine deutsche Schule geht, werden zusätzlich zu den mexikanischen Festen auch die deutschen Feiertage bedacht. Zurückhaltung oder fehlendes Engagement wird stark beobachtet und nicht besonders positiv bewertet.

Mutter und Tochter im Urwald

Mutter und Tochter im Urwald

Mexikaner bleiben lieber unter sich
An Sophias Schule wird Deutsch als erste Fremdsprache gelehrt und es gibt auch Klassen, in denen der gesamte Unterricht auf Deutsch ist. In diesen integrierten Klassen sind mexikanische Kinder mit sehr guten Deutschkenntnissen und eben alle Deutschen. Durch diese Konstellation bilden sich Freundschaften auch eher zu Deutschen oder "Deutsch-Mexikanern". Der Vorteil ist, dass der Übergang und die Integration in die neue Klasse problemlos ohne Sprachkenntnisse funktioniert. Für das Lernen der neuen Sprache ist diese Konstellation natürlich nachteilig. Wir versuchen das durch Aktivitäten am Nachmittag auszugleichen. Dort suchen wir uns bewusst meist sportliche Angebote, die von Mexikanern besucht werden und entsprechend auf Spanisch sind. Unsere Tochter geht Reiten und mein Mann und ich nutzen die Wochenenden, um mit Einheimischen Mountainbike zu fahren. Regelmäßige Kontakte zu pflegen und Freundschaften zu Mexikanern aufzubauen, gestaltet sich aber schwierig. Am Anfang waren es die Sprachprobleme, jetzt nehme ich immer mehr wahr, dass für Mexikaner die Familie an erster Stelle bei der Freizeitgestaltung kommt. Man wird schnell als "Freund" bezeichnet und jeder ist auch mit jedem befreundet, aber da liegt auch der kulturelle Unterschied: Jemanden Freund nennen und die Freundschaft pflegen ist ein himmelweiter Unterschied.

Kinderbetreuung auf Mexikanisch
Familien sind in Deutschland meist gut abgesichert. Doch trotz dieser staatlichen Zuwendungen ist die Akzeptanz von Müttern und Familien nicht so hoch wie in Mexiko. In Deutschland wird es oft als "zu wenig" angesehen, wenn sich eine Mutter nur um die Familie kümmert. Vielleicht liegt es auch an der überschaubaren Größe der durchschnittlichen deutschen Familie. Eine traditionelle mexikanische Familie besteht aus den Eltern, den eigenen Kindern, Neffen und Nichten, den Großeltern und vielleicht noch weiteren Familienmitgliedern, deren Partner verstorben ist. So übernimmt auch meist ein Teil dieser Familienmitglieder die Betreuung der Kinder, oft sind es die Großeltern oder auch Tanten. Die öffentlichen Einrichtungen sind nicht auf die Betreuung der Kinder eingerichtet. Wenn die Familie nicht einspringt, passt bei wohlhabenderen Familien das Hausmädchen auf die Kinder auf. Kinder von ärmeren Familien helfen den Eltern bei der Arbeit. Das sieht dann leider oft so aus, dass Eltern mit ihren Kindern an Straßenkreuzungen Früchte verkaufen.

Leben hinter Zäunen
Es ist manchmal schwierig, meiner Tochter eine gewisse Freiheit zuzugestehen. Wir wohnen in einem eingezäunten Wohngebiet, das nur für Bewohner oder angemeldete Besucher passierbar ist und nur begrenzt Erkundungen auf eigene Faust zulässt. Mädchen im Alter unserer Tochter lieben es, mit Freundinnen loszuziehen und die "Welt" zu entdecken. In Deutschland hätte ich auch ohne weiteres mehr Erkundungstouren erlaubt. In Mexiko sehe ich das kritischer und muss unsere Tochter, aus Sicherheitsgründen, leider oft bremsen.

Andere Schlafenszeiten
Kurz nach dem Einzug gab es neugierige Kontaktaufnahmen von den Nachbarskindern. Die Mexikaner kamen und wollten mit Sophia spielen. Sie ist auch ein paar Mal mitgegangen, doch ich glaube, Mädchen müssen beim Spielen einfach kommunizieren. Nur den Ball hin und her kicken, wie das vielleicht bei Jungs funktioniert, ging dort nicht. Gescheitert ist es aber letztendlich an der Uhrzeit, zu der die mexikanischen Nachbarn klingeln kamen. Das war nämlich zur Zubettgehzeit unserer Tochter. Auch in der Woche, während der Schulzeit, wird der späte Abend gern zum Spielen genutzt. Da bin ich aber typisch deutsch und halte an dem gewohnten Schlafrhythmus fest.

Armut ist allgegenwärtig
So etwas wie unser bewachtes Wohngebiet können sich nur wenige Mexikaner leisten. Der Großteil lebt sehr einfach und beengt. Armut und auch die Tatsache, wie andere Kinder in diesem Land leben, thematisieren wir immer wieder, da es für Sophia täglich sichtbar ist. Wir haben eine Haushaltshilfe, die drei Kinder hat. Die Jüngste geht in den Kindergarten und ist fünf Jahre alt, die beiden Jungs sind etwas älter. Es gibt immer mal wieder Tage, wo der Kindergarten ausfällt oder sie die Betreuungskosten nicht bezahlen konnte, dann kommt ihre jüngste Tochter mit zu uns. Das sind genau die Momente, die ich für beide Mädchen sehr wertvoll finde.

Im Land der Drogenkriege
Ich fühle mich in Mexiko nicht bedroht oder stark eingeschränkt. Ich kann mich tagsüber frei bewegen und mit dem Auto überall hinfahren, wo ich hin muss. Mein Instinkt sagt mir aber auch, dass es Ecken gibt, wo ich mich besser nicht aufhalten sollte. Besonders wenn ich alleine bin oder es schon dunkel ist, höre ich auf mein Bauchgefühl. Fahrten in der Dunkelheit versuchen wir strikt zu meiden, da dann das Risiko eines Überfalls einfach höher ist. Das muss man nicht provozieren. Kleinkriminalität gibt es wie in jeder anderen Millionenstadt auch, das ist in Deutschland nicht anders. Was Drogenringe oder Themen betrifft, über die meist gesprochen, wenn es um Mexiko geht - davon bekommt man als Unbeteiligter nicht viel mit.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in SüdafrikaFrankreichIstanbulShanghaiRomDubaiBangkok, und den Südstaaten der USA aussieht.

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