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Wenn Familien auswandern: In Shanghai werden Kinder auf Händen getragen

Wenn man als Familie die Koffer packt und seine Zelte in Deutschland abbricht, steht man am Beginn eines großen Abenteuers. Im achten Teil unserer Serie erzählt Familie Kohleick von ihrem neuen Leben in Shanghai.

Verena und Hendrik Kohleick mit ihrer Tochter Holly

Verena und Hendrik Kohleick mit ihrer Tochter Holly

Seit Beginn des Jahres lebt Familie Kohleick in einer der größten Städte des Planeten: Shanghai. Hendrik Kohleick wurde von seinem Arbeitgeber von Düsseldorf aus ans andere Ende der Welt geschickt, seine Frau Verena hat ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen, um ihren Mann zu begleiten. Zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter Holly stellen sie sich ihrem neuen Leben in der 23-Millionen-Einwohner-Stadt und erzählen im achten Teil unserer stern-Reihe "Wenn Familien auswandern" von ihrem Alltag in Shanghai.

Wie unterscheidet sich Elternsein in Shanghai vom Familienleben in Deutschland?


Alles ist anders - auch der Friseurbesuch
Die Überraschungen passieren im Alltag, immer dann, wenn man sie nicht erwartet: Dass es Stunden dauert, ein Bankkonto zu eröffnen (drei Stunden in unserem Fall), der Besuch beim Friseur, wo man nicht gefragt wird, wie man die Haare geschnitten bekommen möchte, sondern ob man vom "Haircut Technician" oder vom "Director of Haircut" bedient werden möchte.

Wir staunen jedes Mal wieder über die lebenden Fische, Krebse, Frösche und sogar Ochsenfrösche in jedem einfachen Supermarkt. Und auf den Märkten die lebenden Tiere in Käfigen aus Bast, die man kaufen kann - als Abendessen und nicht als Haustier, versteht sich. Toll ist, dass es inzwischen auch eine Auswahl an deutschen Bäckern gibt. Und wir finden es auch klasse, dass man sonntags einkaufen kann.

Lautes Weinen wird belohnt
Die meisten Chinesen lieben Kinder und tragen sie auf Händen. Holly ist für ihre vier Jahre ein sehr unabhängiges Mädchen. Sie fährt Fahrrad, schon seit einem Jahr ohne Stützräder, sie läuft vor und geht selten an unserer Hand. Häufig sorgen sich die Chinesen, dass Holly allein ist, weil sie einfach selbstständig vorneweg läuft. Jeder kennt die Situationen an der Supermarktkasse, wenn die Kinder dieses oder jenes aus der Kassenzone haben möchten. Holly bricht manchmal in Tränen aus, wenn sie etwas nicht bekommt. Und sie weint nicht still, sondern lässt ihr Umfeld großzügig an ihrem Unmut teilhaben. In Deutschland bekommt man als Mutter meist das Signal "Das kennen wir alle, es hört gleich wieder auf". In China hat Holly in Sekunden eine Traube von Menschen um sich, die sie trösten möchten und ihr Süßigkeiten in die Hand drücken. Dass ich sie einfach wüten lasse, können viele Chinesen nicht verstehen. Zum Glück ist Holly diese Aufmerksamkeit so unangenehm, dass sie schnell aufhört zu weinen.

Der Yuyuan Bazar in Shanghai

Der Yuyuan Bazar in Shanghai

"Hello Kitty" wohin man sieht
Eine weitere Herausforderung als Eltern eines kleinen Kindes in Shanghai: die Verkehrssicherheit. Durch das hohe Verkehrsaufkommen und die zum Teil recht offensive Fahrweise ist es immer wieder ein Abenteuer, wenn wir mit Holly unterwegs sind. Auch werden die Kinder hier überall mit Verführungen konfrontiert. An jeder Ecke lockt ein Straßenstand mit Spielzeug, Luftballons, Stickern und allem möglichen aus dem Hello-Kitty- und My-little-Pony-Sortiment. Als Eltern sind wir immer wieder in der Situation, nein sagen zu müssen.

Bereits mit vier Jahren ein Schulkind
Holly besucht hier eine internationale Schule. Im Dezember konnte sie noch kein Wort Englisch, mittlerweile spricht sie sehr flüssig. Außerdem singt sie bereits das eine oder andere Lied in Mandarin und es klingt richtig chinesisch! Wir sind sehr glücklich mit Hollys Schule und auch sie fühlt sich sehr wohl. Schon die Gestaltung der Lernumgebung ist nicht zu vergleichen mit unserer Schulzeit - vom Betreuungsschlüssel ganz zu schweigen! Die internationale Schule folgt dem britischen Modell: Unsere Tochter kommt bereits mit viereinhalb Jahren ins erste Schuljahr. Der Übergang zwischen Kindergarten und Schule ist fließend.

Die saubere Seite der Millionenstadt …
Shanghai ist sehr sauber, unzählige Mitarbeiter der Stadtreinigung sammeln jeden Zigarettenstummel einzeln auf, und viele Gärtner pflegen die öffentlichen Grünflächen. Außerdem ist die Stadt recht sicher. Man hat nie das Gefühl, dass man auf sich aufpassen muss. Selbst in den Gässchen und Seitenstraßen, wo man quasi in den Küchen anderer Leute steht, wird man mitunter zwar neugierig beäugt, aber niemals feindselig.

… und die schmutzige
Ein großes Thema in den Großstädten in China ist die Luftqualität. Wir haben hier immer den Grad der Luftverschmutzung im Auge, um zu entscheiden, ob wir draußen spielen können oder nicht. Die guten alten Spielplätze aus Holz, die wir aus Deutschland kennen, und die Möglichkeit, im Wald zu spielen, fehlen eher uns als Holly. Sie ist sehr zufrieden mit Spielplätzen aus Plastik, solange ihre Freundinnen dort sind.

Holly trägt wegen der Luftverschmutzung eine Atemmaske

Holly trägt wegen der Luftverschmutzung eine Atemmaske

Danke, Ayi
In Shanghai ist es sehr einfach und günstig, eine Haushaltshilfe oder jemanden für die Kinderbetreuung anzustellen. Wir genießen die Unterstützung unserer Ayi (chinesisch für Hausangestellte) sehr, die uns den gesamten Haushalt abnimmt und die Familie jeden Tag mit chinesischer Kochkunst verwöhnt. Fast alle Familien in unserem Umfeld haben eine oder mehrere Ayis.

Kinderbetreuung in Shanghai
In unserem Umfeld zu Hause ist es eigentlich nicht (mehr) üblich, dass Frauen jahrelang zu Hause bleiben und dann auch noch eine Hausangestellte haben. Spätestens wenn das jüngste Kind in die Kita oder den Kindergarten geht, arbeitet auch die Mama wieder. Das ist hier unter den Expat-Familien anders, weil man als Partner nicht ohne weiteres eine Arbeitserlaubnis bekommt. Außerdem ist es bei den Gehältern, Urlaubstagen und den sonstigen Arbeitsbedingungen in China wenig attraktiv zu arbeiten. Selbst als qualifizierte Kraft kommt man in der Regel nicht an sein vorheriges Gehalt heran. Und dann ist da noch die Sache mit den Teilzeitstellen, die es hier fast nicht gibt.

In den chinesischen Familien ist es meist so, dass die Großeltern mit in der Familie leben und beide Elternteile gleich wieder in den Beruf einsteigen, die Aufgabenverteilung in den Familien ist einfach so. Gerade in Familien, wo die Mütter qualifizierte Fachkräfte sind, lohnt sich das finanziell. Das hat den Vorteil, dass kein Arbeitgeber die Schwangerschaft seiner Mitarbeiterin fürchten muss, denn er kann sich sicher sein, dass sie keine längeren Ausfallzeiten haben wird. Auch dass Eltern wegen eines kranken Kindes am Arbeitsplatz fehlen, kommt eigentlich nie vor - denn das Kind ist ja bei den Großeltern.

Reis mit Hühnerfuß

Chinesische Delikatessen ...

Netzprobleme sind an der Tagesordnung
Die Nutzung des Internets ist in China stark eingeschränkt, was im Alltag sehr anstrengend ist. So merkt man, wie sehr man auf funktionierendes Internet angewiesen ist, besonders in einer Stadt, wo die Verwendung von Apps (Straßenkarte, U-Bahn-Plan, Übersetzer etc.) lebenswichtig ist.

In Deutschland ganz normal, in Shanghai ein Skandal?
Wie schon erwähnt, ist es hier nicht üblich ein Kind auch mal laut heulen zu lassen. Außerdem ist es für die Chinesen ein Unding, sich laut die Nase zu putzen.

In Shanghai ganz normal, in Deutschland ein Skandal?
Es gibt einige Dinge, an die man sich erst gewöhnen muss: Für Chinesen ist es ganz normal, zu spucken oder auf der Toilette zu rauchen. In Restaurants herrscht eine extreme Lautstärke, außerdem kommen die Menschen einem sehr nah - was bei dem ständigen Knoblauchgeruch, den manche verströmen, sehr unangenehm sein kann.


Lesen Sie in den anderen Teilen unserer Reihe, wie das Leben deutscher Familien in SüdafrikaFrankreichIstanbulRomDubaiBangkok, und den Südstaaten der USA aussieht.

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