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Tipps von Martin Rütter: Was tun gegen Zerstörungswut beim Hund?

Es gibt Hunde, die kommen auf lustige Einfälle: Tapeten abreißen, Filzstifte verputzen, das Körbchen auffressen. Auch die Hündin Dina hatte solche Ideen - bis Hunde-Profi Martin Rütter ihre wahre Not erkannte und das Training begann.

Von Martin Rütter

Tipps von Martin Rütter: Was tun gegen Zerstörungswut beim Hund?

Manche Hunde hinterlassen eine Spur der Zerstörung, wenn sie allein gelassen werden. 

Getty Images

Wenn Dina allein gelassen wird und ihr Frauchen bei der Arbeit ist, frisst die anderthalbjährige Mischlingshündin alles auf, was sie kriegen kann. Das kann der Müll sein oder alles, was auf der Arbeitsfläche der Küche liegt. Auch die Mäntel und Jacken an der Garderobe scheinen ihr zu schmecken oder die Filzstifte, die auf dem Schreibtisch liegen, mit dem Ergebnis, dass die Fliesen, ihre Zunge und Zähne blau gefärbt waren. Dina beißt das Telefon tot, wenn es klingelt, und hat inzwischen fünf Hundekörbchen auf dem Gewissen. Sie hat Kerzen samt Docht verputzt, die Kabel in Frauchens Wohnung sowieso. Sogar der tiefgefrorene Brotlaib auf dem Küchentisch war eine Herausforderung für Dinas Gebiss. Weil die Hündin auch Holzfiguren im Ganzen herunterschluckt, ist sie Dauerpatientin beim Tierarzt.

Der Fall Dina ist ein Klassiker. Immer wieder kommen Menschen zu mir, weil ihr Hund das Mobiliar zerstört, den Mülleimer plündert oder alles zerkaut, was in der Wohnung liegt, sobald er allein gelassen wird. Leider wird sehr häufig zunächst an der Symptomatik gearbeitet, meist ohne Erfolg. Um so wichtiger ist es, immer die Ursache eines Problems zu analysieren. Bei Dina war das Zerstören, das Mülleimer plündern weder gesteigerter Hunger noch Trennungsangst, erst recht nicht "Zerstörungswut". Sie war schlichtweg unterfordert - übrigens in etwa 95 Prozent meiner "Felle" der Auslöser für dieses Verhalten. Häufig haben die Hunde zu wenig Bewegung. Noch viel häufiger bekommen sie zu wenig geistige Beschäftigung.

Ein Training gegen die vermeintliche Zerstörungswut

Bei Dina war es leider die besondere Variante aus beidem. Der Beagle-Labrador-Mix ist eine temperamentvolle junge Hündin, die überdurchschnittlich bewegungsaktiv und überdurchschnittlich lernbegierig ist. Die Folge: Ihr Frauchen, Frau Odendahl, traute sich draußen nur selten, Dina frei laufen zu lassen, weil sie ihren Hund "nicht gut genug unter Kontrolle hat". Abgesehen davon hatte sie mit ihrer Hündin bisher noch nichts Kreatives, Geistiges und Forderndes trainiert.

Mein erster Gedanke war: Es wird gut ein halbes Jahr dauern, bis Hündin Dina so sicher abrufbar ist, dass man sie getrost frei laufen lassen kann. Also wollte ich die Hündin so schnell wie möglich an das Fahrradfahren gewöhnen, quasi als Erste-Hilfe-Maßnahme. Zum einen lernt Dina etwas Neues, sprich: Sie muss sich auch mal geistig anstrengen. Zum anderen kann Frauchen ihre Hündin angeleint körperlich auslasten. Aber genau hier begann eigentlich schon das nächste Problem. Frau Odendahl hatte vor einiger Zeit schon einmal mit Dina den Versuch unternommen, Fahrrad zu fahren. Der Ausflug endete wegen einer zu stürmischen Dina mit körperlichen Verletzungen und der Angst beim Frauchen, diesen Versuch ein zweites Mal zu wagen. Also hieß es für mich, mit Dina und ihrem Frauchen in sehr kleinen Trainingsschritten vorzugehen. Dabei sollte die Sicherheit von Frau Odendahl natürlich an erster Stelle stehen.

Wie Dina lernte, am Fahrrad zu laufen
Schritt 1

Es bot sich an, dem Hund von Anfang an beizubringen, auf der rechten Seite zu bleiben. Der Grund: Wenn man sich mit einem Hund im Straßenverkehr bewegt, ist es schlichtweg für alle weniger gefährlich, den Hund an der zum Verkehr abgewandten Seite zu führen. Ich empfahl Frau Odendahl, die Leine nie um das eigene Handgelenk zu wickeln. Bei einer spontanen und temperamentvollen Hündin wie Dina muss sie jeden Moment damit rechnen, dass ihr Hund einem Reiz folgt und spontan losrennt.

Schritt 2

Um Dina das Begleiten von Fahrrädern beizubringen, war es nötig, zunächst die Leinenführigkeit ohne Fahrrad zu üben und sie auf ein Signal zu konditionieren. Dina wurde innerhalb von Minuten beigebracht, dass ein Blick von ihr zu Frauchen, wenn dieses ein Schnalzgeräusch macht, sofort zu einem Leckerchen führt.

Schritt 3

Jetzt gingen wir mit Dina und Fahrrad spazieren. Frau Odendahl schob dafür das Fahrrad auf ihrer linken Seite, während sie Dina an der Leine zu ihrer Rechten gehen ließ. Vorteil: Der Mensch kann durch eine Lenkbewegung des vorderen Rades seinem Hund den Weg abschneiden, sobald der überholen möchte.

Schritt 4

Das Fahrrad wird wie ein Roller benutzt: ein Fuß auf das Pedal stellen und mit dem anderen Schwung geben. So erreicht Frauchen ein zügigeres Tempo, kann aber abspringen, wenn es die Situation erfordert. Was Dina darüber denkt? Aus Hundesicht ist Rollern das Gleiche wie Radfahren.

Schritt 5

Jetzt können erste kurze Radfahreinheiten beginnen. Bei täglichem Training kommt die Sicherheit ganz von selbst.

Die Freude kehrt zurück

Und heute? Aus Dina ist ein freudiger Hund geworden, der kontrollierbar am Rad mitläuft. Sie ist nicht mehr frustriert und gelangweilt, lässt die Wohnung heil und schläft abends zufrieden und entspannt ein.

Was Hundehalter am häufigsten falsch machen

Leider ist es im Hundetraining immer noch weit verbreitet, sich keine Gedanken über die Ursachen eines Problems zu machen, sondern nur stumpf die Symptome zu dämpfen. Nicht selten wird bei einem Hund wie Dina mit einer "anonymen Strafe" gearbeitet.

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