"Jazzlife" Eine musikalische Reise durch Amerika


Anfang der 60er Jahre reisten der Jazzpapst Joachim Ernst Behrendt und der Fotograf Will Claxton vier Monate lang durch die Vereinigten Staaten. Dabei ist eine einzigartige fotografische Dokumentation des Jazz entstanden.

"Guten Abend meine Damen und Herren." Deutschlands Jazzpapst Joachim Ernst Berendt begrüßt 1961 die Zuschauer seiner Sendereihe "Jazz - gesehen und gehört" und schildert ihnen die Rahmenbedingungen eines bis heute einzigartigen Projekts: "Auf den Spuren des Jazz sind wir einmal rundherum um die östliche Hälfte des nordamerikanischen Kontinents gefahren und zweimal quer durch die westliche. In einem alten Chevrolet, den wir uns in New York geborgt hatten. Wir, das ist Will Claxton, einer der großen Fotografen Amerikas, und ich selbst. Zweck der Reise: eine fotografische Dokumentation der Jazzmusik."

Der Burda Verlag war von Beginn an in das Projekt involviert und lockte den Fotomeister Claxton mit dem zu diesem Zeitpunkt üppigen Honorar von 7000 Dollar. 1961 wurden die Ergebnisse des anspruchsvollen Unternehmens in dem Fotobuch "Jazzlife" veröffentlicht. Der Band erschien mit einer Auflage von zwei Millionen, verkaufte sich rasend und ist heute ein Glanzstück in den Sammlungen von Jazzbegeisterten und Fotobuchliebhabern.

Neuausgabe in drei Sprachen

"Jazzlife" wurde damals allerdings nur in deutscher Sprache gedruckt. Jetzt bringt der "Taschen"-Verlag das Buch neu heraus. Dreisprachig, in einem wuchtigen Format - und inklusive einer limitierten CD mit den damals von Berendt dokumentierten Originalaufnahmen. Endlich kann nun auch der US-Amerikaner William Claxton nachlesen, welche Anekdoten und Beobachtungen Berendt auf ihrer gemeinsamen Reise festgehalten hat. Daneben hat der "Taschen"-Verlag gemeinsam mit Claxton monatelang in dessen visuellen Reisematerial gegraben und dabei einige Schätze gehoben. Viele damals nicht veröffentlichte Fotos erhalten einen wohlverdienten Platz im Nachdruck von Jazzlife. Neben Porträts von Jazzikonen wie Charlie Parker, Duke Ellington, Dave Brubeck, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Miles Davis und Charlie Mingus ist das Buch voll von Aufnahmen, die den Jazz beim Vibrieren im Alltag dokumentieren.

Als der Musikwissenschaftler Berendt und der Fotograf Claxton ihre viermonatige Reise begannen, waren sie bereits vorzüglich in die internationale Jazzszene eingebettet. Claxton war mit einem Foto des jungen Chet Baker berühmt geworden und hat ihn später fotografisch auf seinem Weg nach oben und unten begleitet. Gemeinsam mit Richard Bock gründete Claxton 1952 das legendäre Plattenlabel "Pacific Jazz" und fotografierte und gestaltete zahllose Albumcover. Auch aufgrund dieser Arbeit war er mit vielen Jazzgrößen befreundet.

Autor des "Jazzbuchs"

Joachim E. Berendt hatte im wortwörtlichen Sinne Jazzgeschichte geschrieben. Seine Funktion war ganz klar hinter den swingenden Kulissen - als großer Vermittler des Jazz. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gründete Berendt die erste Jazzredaktion einer deutschen Sendeanstalt. 1954 begann er mit der Fernsehsendung "Jazz - gesehen und gehört". In seiner Leidenschaft für den Swing entdeckte er etliche Jazztalente und sein 1953 erschienenes "Jazzbuch" wurde rasch zum internationalen Standardwerk des Jazz.

William Claxtons Fotos bieten einen bis dahin selten gesehenen Blick auf die Musiker. Claxton, der heute gemeinsam mit Lee Friedlander zu den einzigartigsten Jazzfotografen zählt, arbeitet bevorzugt mit vorhandenem Licht und vermeidet den Einsatz von Blitz. Auf seinen Bildern fehlen stinkende Qualmschwaden, rinnende Schweißtropfen und äußerlich hervorstechende Merkmale exzessiven Heroinkonsums. Er zerrte die nachtaktiven Musiker aus ihren dunklen Katakomben ans Tageslicht. Auf Claxtons Aufnahmen leiden sie nicht - sie lächeln, auch Miles Davis.

John Coltrane im Museum

Dem Fotografen war es wichtig, dass das Licht die Musiker schmeichelnd aus dem passenden Winkel umspielt. Und auch die Umgebung sollte den Jazzgrößen entsprechen: Claxton wartete nicht auf den passenden Moment, sondern fahndete nach dem richtigen Ort, um die Jazzmusiker gebührend in Szene zu setzen. Er fotografierte den Trompeter Shorty Rogers im Baumhaus seines Sohnes, überredete John Coltrane zu dessen erstem Besuch in einem Museum, ließ Art Pepper die steile Fargo Street in Los Angeles hinaufschleichen und überzeugte sogar den besessenen Pianisten Thelonious Monk mit viel Alkohol von seiner Idee, im Cable Car für die Kamera zu posieren.

Claxton und Berendt befreiten den Jazz gemeinsam vom Ghetto- und Junkieimage. Im Rahmen ihres Projekts entstanden nicht nur wunderbare Musikerporträts, sondern auch spannende dokumentarische Aufnahmen von der Musik im alltäglichen Licht. Sie zeigen den Jazz als Kunstform und erzählen parallel vom Jazz mitten im Leben. In allen Ecken der Vereinigten Staaten folgten sie der Klangspur des Jazz: Die beiden Weißen organisierten eine Bluesparty in einer Garage in Chicago, begleiteten Funeral Marches in New Orleans, wagten sich in ein Staatsgefängnis in Louisiana und besuchten in Newport die Anhänger des Modern Jazz. Sie trafen sich mit weltbekannten Jazzstars und begegneten unbekannten Straßenmusiker, von denen einige, Jahre später, vielleicht auch auf den großen Clubbühnen gefeiert wurden.

Leben im Inneren des Jazz

Ganz am Ende des opulenten, acht Kilo schweren Bandes findet man die letzte Aufnahme, die Claxton auf der Reise durch die Staaten geschossen hat. Im Juni 1960 stehen drei Halbwüchsige in Greenwich Village an ein Auto gelehnt. Sie spielen ihre Art von Jazzmusik. Der Linke singt, der Junge in der Mitte spielt Gitarre und der Rechte trommelt. Claxton fragt sich in der Widmung von Jazzlife "was aus diesen drei Jungen geworden sein mag", die "heute um die fünfzig sein müssten" und "ob einer von ihnen von Beruf Musiker geworden ist?" Nach dem Eintauchen in die intensive Bilderwelt von "Jazzlife" kann man ihnen nur wünschen, dass sie ihr Leben im Inneren des Jazz weiterführen durften.

Sabina Riester


Mehr zum Thema