"Traumfabrik Kommunismus" Schirn zeigt Kunstwerke der Stalin-Zeit


Unter dem Titel "Traumfabrik Kommunismus" werden in einer Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt Kunstwerke aus der Stalin-Diktatur gezeigt.

Stalin am Rednerpult, fleißige Bäuerinnen bei der Ernte, das Verwaltungsgebäude der Fluglinie Aeroflot: So sah Kunst in der Sowjetunion unter Stalin aus. Als Sozialistischer Realismus gingen die Werke in die Kunstgeschichte ein. Aber künstlerisch wirklich ernst genommen wurden sie meist nicht. Jetzt widmet ihnen die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main eine umfangreiche Ausstellung. "Traumfabrik Kommunismus" heißt die Schau, die die Gemälde der Stalin-Zeit nicht unter dem Aspekt der Propaganda, sondern auch des Künstlerischen darstellt.

Gezeigt werde "visuelle Kultur, die auch heute noch in Russland sehr präsent ist", sagt der Direktor der Schirn, Max Hollein. Und einer der beiden Kuratoren der Ausstellung, Boris Groys, erklärt, bewusst präsentiere man nicht die Bilder, die für Museen geschaffen worden seien, sondern die, die als Vorlage für Massenverbreitung gedient hätten: Zum Beispiel in Schulbüchern oder auf Plakaten, eben solche Bilder, "die einem besser vertraut sind als die eigene Familie", wie Groys sagt.

Ziel der Kunst: Aufbau des Kommunismus

So sind die Bilder Teil einer Massenkultur, die Stalin für sich zu nutzen versuchte. "Die Kunst des stalinistischen Sozialistischen Realismus war eine große Werbekampagne, die das Ziel hatte, für den Aufbau des Kommunismus zu trommeln", erklärt Groys. "Sie war ihrer Konzeption nach eine Kultur für die Massen, die es de facto so nicht gab, aber in der Zukunft geben sollte."

Ähnlichkeiten mit westlicher Massenkultur

Fast parallel dazu - in den 30er Jahren - habe sich auch in der westlichen Welt eine Massenkultur entwickelt. Dabei gebe es durchaus Ähnlichkeiten, sagt Groys, der als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe tätig ist. Der Hauptunterschied sei, dass sich die amerikanische Massenkultur am Geschmack des Verbrauchers orientiert habe, die der Stalinzeit dagegen ohne "kommerziellen Auftrag" gewesen sei. Sie habe deshalb vor allem zu Anfang auch weite Teile der russischen Avantgarde in ihren Bann ziehen können.

Jeder Politiker ist ein Künstler

Seit Beginn des Jahrhunderts, spätestens aber seit den 20er Jahren, "leben wir unter den Bedingungen einer sich rasant verbreitenden Massenkultur", sagt Groys im Hinblick auf die heutige Vielzahl der Medien. "Angesichts dessen ist jeder Politiker ein Künstler geworden." Er müsse mit den Medien umgehen und sie nutzen können.

Drei Kunstströmungen

Insofern hat "Traumfabrik Kommunismus" auch einen aktuellen Bezug. Die Ausstellung befasst sich mit drei russischen Kunstströmungen, der Spätphase der russischen Avantgarde (1928 bis 1933), des Sozialistischen Realismus (1922 bis 1953) und der so genannten Soz Art (1972 bis 1991), die sich einige Jahre nach Stalins Tod 1953 kritisch mit dem Sozialistischen Realismus auseinander setzte. Unter den ausgestellten Künstlern sind Kasimir Malewitsch, Alexander Gerassimow, Erik Bulatov oder Boris Mikhailov. Einige der Exponate sind erstmals im Westen zu sehen, andere erstmals seit Stalins Tod öffentlich zugänglich. Im Deutschen Filmmuseum werden zugleich Filme aus der Stalinzeit gezeigt.

Die Ausstellung ist Teil des Kulturprogramms anlässlich der Frankfurter Buchmesse, bei der Russland in diesem Jahr Gastland ist. Sie ist vom 24. September bis zum 4. Januar 2004 zu sehen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker