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Konflikt-Seminare: Schöner streiten mit Männern

Was tun, wenn Männer bei Streitgesprächen einfach abblocken oder unfair werden? Saskia Dürr, Rhetorik-Trainerin aus München, hat die Antwort. In ihren Seminaren macht die Konflikt-Expertin aus Frauen "Männerversteherinnen".

Von Ulrike Schäfer

Wenn es in der Beziehung so richtig kracht, sprechen Männer und Frauen einfach eine andere Sprache

Wenn es in der Beziehung so richtig kracht, sprechen Männer und Frauen einfach eine andere Sprache

Es ist schon ein Kreuz mit den Männern. Darin sind sich die neun Frauen, die in Berlin-Lichterfelde in einem Konferenzraum zusammen treffen, völlig einig. "Mein Freund ist grundlos eifersüchtig", klagt eine junge Frau. "Wenn wir dann streiten, fühle ich mich hinterher schuldig." Eine andere stellt nach 33 Jahren Ehe fest: "Wenn ich meinen Mann um etwas bitte, zögert er es so lange heraus, bis ich ihn erinnere - und dann ist er beleidigt." Eine weitere stöhnt: "Mein Exmann war Zivilfahnder - seine Verhörmethoden hat er auch bei mir angewendet."

Doch die weibliche Runde hält sich nicht mit jammern auf - schließlich ist man zusammen gekommen, um die Männer endlich zu verstehen. Dabei helfen soll Saskia Dürr, Rhetorik-Trainerin aus München. Sie will in ihrem Seminar "Die Männerversteherin" pragmatische Wege aufzeigen, um Frauen den Umgang mit dem unbekannten Wesen an ihrer Seite zu erleichtern. Beim Kurs "Wirksam streiten mit Männern" ist der Titel Programm: Die Teilnehmerinnen sollen lernen, worauf es bei Konflikten mit dem anderen Geschlecht ankommt - und das in lediglich drei Stunden an einem Abend.

In Sachen Streitkultur hat die 35jährige Seminarleiterin reichlich Erfahrung: Als Mitglied im Debattierclub München und der Deutschen Debattiergesellschaft nahm sie unter anderem an der Europameisterschaft 2006 in Berlin und der Weltmeisterschaft in Kuala Lumpur 2005 teil. Als Rhetorik-Trainerin hat sich Dürr auf die Streitkultur im Business-Bereich spezialisiert und bietet dazu bundesweit Seminare an. Aus den Rhetorik-Kursen entwickelte sich schließlich die "Männerversteherin": "Wenn ich zu dem Punkt Männersprache und Frauensprache kam, waren die Teilnehmer immer sehr interessiert und wollten mehr dazu wissen", erzählt Dürr. Seit 2007 bietet sie daher eigene Seminare zu dem Thema an - neben der "Männerversteherin" gibt es auch den "Frauenflüsterer" als Pendant für interessierte Männer.

Die größte Angst des Mannes: der Gesichtsverlust

Zunächst erklärt die Trainerin den Teilnehmerinnen, warum es für Frauen manchmal so schwierig ist, mit Männern zu kommunizieren: "Männer bewegen sich gern in Gruppen. Das war schon bei der Mammutjagd hilfreich." Die Anerkennung im Team sei bereits für kleine Jungen sehr wichtig. Die größte Angst des Mannes sei daher der Gesichtsverlust, so Dürr. Für Frauen dagegen, die eher auf das Zweiergespann etwa mit der besten Freundin setzen, gebe es nichts Schlimmeres als Liebesverlust. Das sei auch der Grund, so die Seminarleiterin, warum Frauen im Streit schnell emotional würden - sie befürchten, allein gelassen zu werden. "Für den Mann ist das unverständlich, denn er bleibt lieber sachlich, um sein Gesicht nicht zu verlieren."

Männer fühlen sich in Streitsituationen äußerst unwohl - schon kleine Jungen entziehen sich, wenn die Mutter schimpft, oder schalten auf Durchzug. Frauen, die sich im Ärger verzetteln und den Mann mit Vorwürfen überhäufen, erreichen daher gar nichts, denn dann machen Männer dicht oder flüchten. Die Frau sollte daher ihren Groll zur Seite schieben, "wie eine Kugel", so Dürr, und erst dann wieder auspacken, wenn sie mit einer Frau spricht. "Dann darf der ganze Ärger heraus, denn hier trifft er auf Verständnis." Im Gespräch mit dem Partner dagegen heißt es: Immer das goldene Ziel im Auge behalten. "Lieber zusammen gewinnen als einsam siegen", mahnt Dürr. Die Frauen sollten weg kommen vom Kampf "Ich gegen Ihn". "Es geht darum, was Wir erreichen wollen." Das gilt es auch dem Mann zu vermitteln.

Am besten funktioniert das, wenn man ihn nicht gleich mit einer To-do-Liste konfrontiert. "Am Anfang möglichst nur einen Punkt benennen - höchstens zwei, sonst kommt es zum Fluchtreflex", erklärt die Seminarleiterin. Oder, fast noch schlimmer: Die Männer versuchen einen Nebenkriegsschauplatz aufzumachen und geben die Vorwürfe zurück: "Du machst ja auch..." Das dürfe frau nicht zulassen, so Dürr: "Immer beim Punkt bleiben, andere Themen vertagen, eventuell einen Termin vereinbaren, wann darüber gesprochen werden soll." Und nicht lange rechtfertigen, sondern schnell darauf zurückkommen: "Wie können wir es besser machen?"

Die Totschlag-Argumente der Rückzügler

Eine beliebte Abwehrmaßnahme von Männern seien Totschlag-Argumente wie "Du hast doch keine Ahnung." oder "Du drehst und wendest alles so, wie es Dir passt." In diesem Fall konkret nachfragen: Wann habe ich etwas gewendet? Wieso kann ich das nicht wissen? "So merkt der Mann, dass er mit diesen Argumenten nicht weiter kommt", sagt Dürr. Doch auch die Frauen neigen zu Verallgemeinerungen. "Die Worte ‚immer' und ‚nie' besser vermeiden", rät die Trainerin. Auch anzuführen, dass seine Mutter oder Freunde das alles genauso sehen, ist eher uneffektiv: "Sonst fühlt er sich erdrückt."

Manchmal kommt es gar dazu, dass Männer sich durch Abwesenheit entziehen, wenn sie gerade nicht aufnahmefähig sind. Es sei wichtig, dem Mann dann Zeit für einen Rückzug zu gewähren, sagt die Trainerin. Doch vorher sollte ein Termin vereinbart werden, wann der Mann für ein Gespräch zur Verfügung steht. "Das Thema ist mir wichtig, und ich werde es nicht vergessen. Wir müssen das aus der Welt schaffen", schlägt Dürr als Formulierung vor.

Abwehrmaßnahmen können verhindert werden, wenn der Mann im Gespräch positive Verstärkung erfährt. "Männer loben sich ständig gegenseitig und klopfen sich auf die Schulter", weiß Dürr. Lob sei für den Mann eine Bestätigung als Respektsperson. Es gehe nicht darum zu schleimen oder etwas zu erfinden, betont die Trainerin. "Es gibt doch immer etwas, was man positiv erwähnen kann." Und sie hat auch gleich einen Vorschlag parat: "Toll, dass man so gut mit Dir reden kann."

"Es geht nicht nur um den Abwasch"

Damit ist die Seminarleiterin bei den Suggestionen angekommen - ein heikler Punkt. "Mir wurde schon vorgeworfen, ich fordere zur Manipulation auf. Das ist Unsinn", betont sie. "Wir alle manipulieren von dem Moment an, wo wir morgens aufstehen. Das fängt schon mit der Körpersprache an." Suggestionen seien im Streit sehr produktiv, daher rät sie Frauen diese zu nutzen. So wird etwa ein entscheidungsschwacher Partner angestachelt: "Das hat doch vor kurzem so gut geklappt, als Du Dich bei dem Problem so schnell entschieden hast."

Zwei Frauen sollen die Tipps nun in einem Übungsstreit anwenden, mal in der männlichen, mal in der weiblichen Rolle. Das Thema: Der Abwasch. Vom scheinbar nebensächlichen Alltagsproblem kommen die Frauen schnell auf das Grundsätzliche: "Es geht nicht nur um den Abwasch", schreit die Teilnehmerin, die den weiblichen Part spielt. Doch Dürr stellt klar: "Jetzt im Moment geht es eben doch nur um den Abwasch. Die anderen Probleme bitte ein anderes Mal erwähnen " Wichtig sei es, auf der Metaebene zu betrachten, was das Ziel des Gespräches sei. Und immer zukunftsorientiert bleiben: Wie können wir es ändern? Welche Vereinbarungen können wir treffen?

Liebeszauber trotz andersartiger Gehirnstrukturen

Letztendlich dürfe man nicht zu viel Verständnis von männlicher Seite erwarten, dämpft die Seminarleiterin die Erwartungen der Teilnehmerinnen. Frauen könnten zumindest grob verstehen, was in Männern vorgehe. Männer seien umgekehrt dazu nicht in der Lage. Das hänge mit den Gehirnstrukturen der Geschlechter zusammen. Doch das ist keine Aufforderung zur Resignation: Vielmehr beruhe doch die Hetero-Beziehung auf dieser Spannung, die zwischen Mann und Frau bestehe.

Eine junge Teilnehmerin ereifert sich: "Wir Frauen sind emotional viel intelligenter und müssen immer noch Rücksicht nehmen." Die Mehrheit aber findet es in Ordnung, dass sie ihre Männer manchmal mit Samthandschuhen anfassen sollen, um etwas zu erreichen. Denn die Seminarleiterin betont: "Wir kommunizieren mit dem Mann immer auf Augenhöhe - bloß keine Häschen werden." Nur so werde die Frau ernst genommen. Eine Teilnehmerin Anfang Zwanzig ist sich sicher: "Es geht doch nur darum, den anderen besser zu verstehen. Der Zauber bleibt."