Las Vegas Nabelschau der Pornoindustrie


Auf der größten Messe der US-amerikanischen Pornoindustrie in Las Vegas hat sich die Branche selbst gefeiert. Besucher wurden mit Reizen nur so überflutet - und das sehr zur Freude des sonst so prüden amerikanischen Publikums.
Von Giuseppe Di Grazia, Las Vegas

Wenn man sich am Ende, nach vier Tagen, ganz weit weg bewegt, weil man all diese Berge aus Silikon und diese Armeen aus Gummidildos nicht mehr sehen kann, und weil man die Bilder mit Frauenmündern voller Penisse, die fast daran ersticken, nicht mehr ertragen kann; wenn man sich also am Ende ganz weit weg bewegt, entdeckt man in der hintersten Ecke des riesigen Sand Expo Centers, da, wo die Musik und die Monitore und die Menschen nicht mehr so bombastisch daherkommen, einen ganz sonderbaren Stand. Es gibt lediglich einen Tisch und ein Regal, in dem Teddybären liegen. Es ist der Stand von Tyler Hope, einem Hersteller von Stofftieren. Auf einem Plakat steht: "The sexiest things about woman are her secrets".

Kirk Salvador, der Geschäftsführer von Tyler Hope, springt von seinem Stuhl auf. Er ist ein schmaler Typ, Ende 30, mit Pferdeschwanz und Grungebart. Eigentlich verkauft Kirk seine Stofftiere im Einzelhandel, aber viele Pornodarsteller zählen zu seinen treuesten Kunden, deshalb stellt er auch hier aus, auf der "AVN Adult Entertainment Expo" in Las Vegas, der größten Erotikmesse der USA. Kirk sagt: "Einige von den Mädchen werben sogar für uns, sie lieben unsere Teddys. Willst du wissen, warum?" Er nimmt einen aus dem Regal, greift ihm hinter den Kopf und macht einen Reisverschluss auf. "Dort", sagt er, "verstecken die Frauen ihre geheimsten Sachen: Liebesbriefe, Schmuck und eben auch ihren Vibrator. Viele der Pornomädchen nehmen den Teddy gerne mit ins Bett." Und natürlich haben auch die Männer, die immer können müssen, ihre Geheimnisse. Für sie hat Kirk in seinem Sortiment auch etwas: Es ist ein kleiner, grauer Elefant.

Das Land der Enthaltsamkeit und Pornoindustrie

Die USA sind ja bekanntlich in Sachen Sex ein merkwürdiges Land. Hemmungslos und prüde zugleich. Ein Land, in dem eine Lehrerin gefeuert wird, weil sie ihren Schülern im Dallas Museum of Art nackte Skulpturen von Rodin gezeigt hat. Ein Land, in dem die Regierung Bush knapp 200 Millionen Dollar ausgibt, um Kinder und Jugendliche zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe zu erziehen. Ein Land, in dem aber auch die härtesten Pornos gedreht werden, wie die Gag-Factor-Videos, die von J. M. Productions so angepriesen werden: "Jedes Mädel wird in die Kehle gefickt, bis es würgt und beinahe kotzt!" Ein Land, in dem der größte Pornomarkt der Welt jährlich etwa zwölf Milliarden Dollar umsetzt, weit mehr als die Musik- oder Filmbranche. Ein Land, das sich seit zehn Jahren an seinen bizarren Sexvorstellungen auf einer Messe in Las Vegas berauscht.

Eröffnet wurde sie vor vier Tagen von Tera Patrick. Sie wird am letzten Abend auch Gastgeberin der AVN-Award-Show sein, das ist so etwas wie die Oscar-Nacht der Pornoindustrie. Tera Patricks Mutter ist Thailänderin, ihr Vater Engländer, sie wuchs auf einer Ranch in Montana auf. Sie erzählt gerne, dass sie dort den Cowboys beim Zusammentreiben der Rinderherden geholfen habe und auch kräftig zupacken könne. Und dass sie nicht nur Bullen mit dem Lasso eingefangen habe.

Tera Patrick steht am Stand ihrer eigenen Produktionsfirma Teravision, roter Teppich, samtüberzogenes Sofa. Gegenüber sind Mädchen zu sehen, wie sie sich gegenseitig befummeln und Zungenküsse austauschen. In der Branche nennt man das Trockensex, und die Mädchen gehören zu den unzähligen Namenlosen, die irgendwie auffallen wollen. Die jungen Frauen, deren Namen auf dem Cover eines Pornos auftauchen, sitzen an den Ständen auf Barhockern herum, sie signieren Autogramme und lassen sich von Fans und Händlern auch anfassen. Und dann gibt es welche wie Tera Patrick, die geben Audienzen. Die Leute werden einzeln zu ihr vorgelassen, sie müssen zwei Stufen zu ihr hochsteigen. Ihre Fans dürfen sie fotografieren. Tera Patrick greift sich dabei nicht an die Brüste oder in den Schritt, wie die anderen Mädchen das machen. Sie ist ein Star, als Star zeigt man die Brüste nur noch im Film.

Tera Patrick erzählt später, wie sich Verehrer am besten zu verhalten hätten. Sie sagt: "Die Jungs sollten sich Deo mitnehmen und vor allem immer für einen frischen Atem sorgen." Und selbstverständlich sollten sie immer schön um Erlaubnis fragen, bevor sie ihre Traumfrauen anfassen. Tera Patrick streicht sich über ihren Sophia-Loren-Mund und sagt: "Die Mädchen wollen wie eine Lady behandelt werden."

Wenige Meter von Tera Patrick stellt sich Jessica Drake in Pose. Sie ist der Star bei Wicked Productions. Typ blond-blond. Sie sagt: "Hier laufen so viele großartige Frauen herum. Wenn Männer das sehen, schaltet sich ihr Gehirn aus, und der Big Boy da unten fängt einen Guerillakrieg an. Wer mich angrabscht, dem verpasse ich eine. Wer mich vorher darum bittet, darf vielleicht ran." Und die Mädels mögen es auch nicht, wenn man sie allzu private Dinge fragt. Jessica Drake sagt: "Ich zeige schließlich im Film alles, da möchte ich zumindest noch ein paar Dinge für mich behalten." Was denn zum Beispiel? "Oh, wie etwa die letzte Sitzung bei meinem Gynäkologen verlaufen ist."

Sasha Grey ist der Gegenentwurf zu Jessica Drake. Sie ist klein, zierlich, sie hat dunkle lange Haare, kleine Brüste. Genau das macht ihren Erfolg aus. Sie ist 19, seit zwei Jahren spielt sie in Pornos mit. Sie ist die beste Newcomerin, sie gilt als einer der nächsten Superstars. Sie baut gerade ihre eigene Internetseite auf. Bald wird sie auch als Regisseurin arbeiten. Und sie hat kein Problem, über alles zu sprechen.

Wie jeder Pornodarsteller in den USA wird sie einmal im Monat auf Aids, Chlamydien und Gonorrhö getestet. Alles negativ. Ihre Oberschenkel und die Vagina sind dagegen vom letzten Film ziemlich aufgescheuert. Aber das sei nicht schlimm. Schlimm sei, dass sie vor einigen Wochen am Abend vor Drehbeginn feststellen musste, dass sie unter Hämorriden litt. Auf dem Programm stand eine Analszene. Sie musste absagen. Sie sagt, sie müsse jetzt los, man könne sich gerne am nächsten Tag weiter unterhalten.

Amerikanische Männer gucken sich Pornos immer weniger auf DVDs an. Sie verlieren sich in den Jagdrevieren des ewig geilen Internets, holen sich durch Pay-per-Minute die Peepshow nach Hause. 10 Cent pro Minute. Sie brauchen fürs Schauen etwa so lange wie fürs Wegsüffeln einer Dose Bier: sieben Minuten, macht nicht mal einen Dollar.

Die Pornoindustrie ist ja eine Branche, die sich mehr als andere gezwungen sieht, sich immer wieder neu zu erfinden. Es ist eine Branche, die nun aber nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, und die reagiert, wie viele, die nicht wissen, wie es weitergehen soll: Sie wird schneller, hektischer, härter. Brüste, für die es keine Körbchengröße mehr gibt. Penisse, die wie Presslufthammer arbeiten. Frauen, die nichts weiter sind als drei Löcher, zwei Hände und ein Mund. Gang Bang, brutaler Gruppensex, der niemanden unberührt lässt. Was soll da bloß noch kommen?

Selbst Rocco Siffredi, einer der größten Pornodarsteller, weiß es nicht. Als ihm jemand den letzten Thrill verschaffen wollte und ihm riet, er solle der Frauen wegen unbedingt nach Kuba fahren, antwortete Siffredi: "Haben die Frauen dort quadratische Muschis? Alles andere habe ich schon gesehen."

"Was Frauen von Pornos erwarten"

Es gibt insofern nur Variationen des Gleichen. Bei den Hardcore-Szenen, beim Sexspielzeug und bei den Gesprächen über Pornos. Denen kann man im Sand Expo Center eine Etage tiefer in einem kleinen Raum zuhören, dort, wo die Seminare abgehalten werden. Das Thema heute: "Was Frauen von Pornos erwarten". Auf dem Podium sitzen sechs Frauen. Eine von ihnen ist Kelly Holland. Sie drehte früher Pronos unter dem Pseudonym Tony Englisch, heute gehört sie der Geschäftsleitung der Penthouse Media Group an. Sie ist Mitte 50, hat lange rote Haare, und als das Mikrofon nicht funktioniert, sagt Kelly Holland, sie brauche das nicht, man würde sie auch so hören. Und man hört sie auch so. Sie ist auch diejenige, die etwas zu sagen hat.

Kurz zusammengefasst ist das: Anders als Männer wollen Frauen von Pornos inspiriert werden. Sie wollen lernen, wie man einen super Blow-Job hinbekommt. Und wenn schon analer Sex, dann bitte richtig. Und: Frauen sehen sich Pornos gerne mit verschlossenen Augen an. Seit in Fernsehserien wie "Sex and the City" oder "Desperate Housewives" ganz offen und öffentlich über Sex im Detail gesprochen wird, gilt es für amerikanische Frauen als chic, beim Dinner vom letzten Quickie zu berichten. Der nächste Schritt ist für einige, sich auch Pornos anzuschauen. Die Pornoindustrie verkauft Pornos gerne als Teil der Emanzipation. Sie suggeriert, Pornos würden Frauen nicht beunruhigen. Manuela Kay, Chefredakteurin des Lesbenmagazins "L-Mag", hat dazu einmal gesagt: "Während in gängigen Filmproduktionen in aller Welt Frauen millionenfach ermordet, vergewaltigt, erniedrigt oder schlicht in unerträglich dümmlicher Weise dargestellt werden, soll ausgerechnet der Porno zum Nachahmen allen Übels animieren? Nur weil hier gefickt statt gemordet wird?"

Abends in Las Vegas geht die Show für die Pornostars weiter. Sie werden gerne für exklusive Auftritte in den Hotels der Stadt gebucht. Tera Patrick tanzt heute Nacht mit einigen ihrer Mädchen im Forty Deuce, dem Club des Mandalay Bay Resort. Tera Patrick rekelt sich auf der kleinen Bühne in Strapsen wie einst Madonna während ihrer provokanten "Express Yourself"-Tournee. Der Laden ist voller Touristen.

Die Ausrüstung: Klistierspritze, Schmiermittel, Mundwasser

Porno und Mainstream flirten immer heftiger miteinander. Tera Patrick sitzt in Talk-Shows. Sie ist mit Evan Seinfeld, dem Sänger der New Yorker Metal-Hardcore-Band Biohazard, verheiratet. Sie hat also genau den Glamour, den eine Pornodarstellerin heute braucht. Und Pornos haben den dirty Charme, den sich die Pop-Kultur gerne ausleiht. Dave Navarro, ehemaliger Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, drehte für Tera Patrick einen Porno, "Broken."

Die Hauptdarstellerin in "Broken" ist Sasha Grey. Sie sitzt auf dem roten Sofa von Teravision. Es ist ihr dritter Tag auf der Messe. Sie erzählt, wie sie sich auf ihre Arbeit vorbereit. Vor jedem Dreh packt sie ihren Koffer: eine Klistierspritze für den Einlauf, Schmiermittel, Dildos, Waschlappen, Desinfektionsmittel, Mundwasser, Zahnbürste, Haarbürste, Duschgel, Körperlotion und Orbit-Kaugummis. Meist weiß sie erst am Abend zuvor, wo sie morgen drehen wird und was auf dem Programm steht. Wenn eine Analszene vorgesehen ist, isst sie nur ein leichtes Abendessen, danach verpasst sie sich einen Einlauf.

Und was ist mit Drogen? Kaum einer hält es in der Pornobranche ohne Drogen aus. Vicodin, Valium, Kokain oder Crystal Meth. Und natürlich Mariuhana. Sasha Grey sagt einen Satz, den man erwartet hat: Sie brauche das alles nicht.

Am letzten Abend ist die große Gala. Es gibt wie in Hollywood einen roten Teppich, noch mehr Kategorien und auf den überdimensionalen Bildschirmen ist während der Preisverleihung kein Penis zu sehen, kein Oralsex und keine Penetration. Die Show wird im Fernsehen übertragen.

Sasha Grey ist für vier Preise nominiert, sie gewinnt einen, den für die beste Oralszene. Bevor Radiomoderator Bubba ihr den Award überreicht, fragt er: "Wer ist eigentlich der größte Schwanzlutscher? Das ist der Typ im Weißen Haus."

Sashas Greys Blick leuchtet heute Abend nicht. Ihre Augen entlarven ihre Müdigkeit. Vielleicht ist das Schlimmste an Pornos nicht das, was sie zeigen, sondern das, was sie aus einem machen. Sasha Grey gibt sich gern so robust wie ein alter Frontkämpfer. Ihre Verletzlichkeit schimmert nur selten durch. Wie am Tag zuvor, als sie auf die Frage, wie lange sie das machen wolle, antwortete: "Als ich vor zwei Jahren anfing, dachte ich, so sieben Jahre werde ich das schon machen können. Mein Manager sagte, ich solle froh sein, wenn ich fünf Jahre durchhalte. Heute denke ich immer nur an das nächste Jahr." Was sie wirklich denkt, sagt sie nicht. Das tut an diesem Abend eine andere.

Und das ist ausgerechnet die große Jenna Jameson, die ihre Branche verrät. Sie ist so etwas wie die Julia Roberts der Pornoindustrie. Sie hat vor zwei Jahren aufgehört. Ihr Buch "How to make love like a Porn star" war monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times". Sie steht auf der Bühne, und bevor sie den Preis überreicht, der nach ihr benannt ist, möchte sie etwas klarstellen. Sie sagt, sie wolle allen hier versichern, und dabei bricht ihre Stimme fast weg, sie werde nie, nie, nie wieder in dieser Branche ihre Beine breit machen.

Die Kollegen buhen Jenna Jameson aus.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker