ARCHITEKTUR Libeskinds Kriegsmuseum in Manchester


Der Stararchitekt und Erbauer des Jüdischen Museums in Berlin, Daniel Libeskind, hat ein monumentales Bauwerk für das »Imperial War Museum North« entworfen.

Das neue Kriegsmuseum in Manchester ist anders. Keine Waffenkammer, voll gestopft mit Kriegsgerät aus allen Epochen, keine Reihen von Panzern, Flugzeugen und Raketen, durch die die Besucher schreiten können. »Wir sind kein Waffenmuseum. Und hier werden auch nicht die glorreichen Zeiten des Empires gefeiert«, sagt Museumsdirektor Jim Forrester. »Wir präsentieren hier ein völlig neues Konzept, das hauptsächlich mit Fotos, Filmen, Briefen, Tagebüchern und Tonaufnahmen arbeitet. Wir rücken den Menschen in den Mittelpunkt.« Am Mittwoch (24.7.) eröffnet Prinz Philip die neue Außenstelle des Imperial War Museums, das seine umfangreiche Sammlung an Kriegstechnik bisher in London und Oxford präsentiert.

Hier ist alles anders

Dafür, dass hier alles anders ist, sorgt auch der Museumsbau. Der ist von Daniel Libeskind, Stararchitekt und Erbauer des Jüdischen Museums in Berlin. Der gefeierte Macher eines Hauses, das vielen als begehbares Mahnmal des Holocaust gilt, baut ein Kriegsmuseum? Forrester: »Für das Imperial War Museum North hätte es keinen besseren Architekten geben können als Libeskind. Seine Familie hat enorm unter dem Holocaust gelitten. Wer könnte also besser über Krieg reflektieren als er?«

In Scherben zertrümmerter Globus

Bei Libeskind erzählt schon die Gebäudehülle von dem, was sie umschließt. Der amerikanische Architekturprofessor hat sein Museum als einen in Scherben zertrümmerten Globus entworfen, zertrümmert durch die Gewalt des Krieges. Drei ineinander geschobene monumentale »Scherben« liegen nun am Ufer des Schiffskanals im Trafford-Park von Manchester, scharfkantig, wuchtig und zerrüttet - Abbild ewigen Konflikts. Zementplatten auf schwarzem Schotter führen auf den Eingang zu, einen windschiefen Turm, der steil und massiv aus der metallenen Membran herausragt, das Sonnenlicht gleißend reflektierend.

Die Besucher sollen sich nicht wohl fühlen

Das Innere des Turms ist hohl - kein Foyer, nur Leere. Der Besucher kann den 55 Meter hohen schrägen Turm hinauffahren. Über dem Kanal betritt er eine Plattform. Wind, Regen und manchmal Schnee können durch Hunderte von Schlitzen schlagen, die den Turm durchziehen. Man fühlt sich nicht wohl hier oben: Vor dem Besucher liegt der Trafford-Industriepark, der 1940 von Deutschen bombardiert wurde.

Die Ausstellungshalle ist geteilt durch sich aneinander lehnende Wände, fensterlos, spärlich beleuchtet. Die ansteigende hohe Decke durchbrochen von Zickzack-Spalten, der Boden gewölbt, kein rechter Winkel. An den Außenwänden finden sich kurze Texte und Fenster, die chronologisch die Hintergründe der Kriege des Commonwealth seit 1900 ausleuchten. In sechs silo-ähnlichen, abgetrennten Räumen bedrängen zahllose Dias den Besucher - Schnappschüsse vom Krieg. Kleidung, Geschirr und technische Gerätschaften erzählen in anderen Räumen von »Frauen im Krieg«, »Wissenschaft, Technik und Krieg« und »Erbe des Krieges«.

Panzer neben Trabbi

Eher versteckt die größeren Objekte: In den Ecken und Winkeln hinter den Wänden stehen ein sowjetischer T34-Panzer, ein DDR-Trabant, ein Harrier-Kampfjet, ein Löschwagen, der 1940 während der Bombenangriffe auf Manchester benutzt wurde, und die Kanone, die die erste britische Granate im Ersten Weltkrieg abfeuerte.

360-Grad-Bildershow soll Antworten geben

Zu jeder vollen Stunde dann verwandeln verborgene Projektoren die Halle in ein Feld von Mohnblumen, dem britischen Symbol zum Gedenken der Opfer beider Weltkriege. Das Licht in der Ausstellung wird abgedunkelt. Eine 360-Grad-Bildershow beginnt. Aus Lautsprechern dröhnen Sirenen, Flugzeugmotoren, Explosionen. Die Stimme Adolf Hitlers. Jubel. Ein Sprecher fragt: »Why War?«, Warum Krieg? Die Film-Collage mit Bildern von Kriegstreibern, jubelnden Menschenmassen, Politikern, Kindern und Flugzeugen schafft Gänsehaut wie ein gelungener Kinotrailer und soll Antworten geben. In fünfzehn Minuten.

»Krieg ist kein Picknick«

Inszenierung des Krieges als glorifizierendes Spektakel? »Wir wollen erreichen, dass dem Besucher bewusst wird, wie Entscheidungen getroffen werden, die die Geschichte und das Leben von Millionen Menschen bis heute verändern«, sagt Forrester. »Krieg ist kein Picknick. Und schließlich befinden wir uns nicht in einem Antikriegs- oder Friedensmuseum.«


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