HOME
stern-reportage

Dampflok-Nostalgie: Männer, die Lokomotiven streicheln

Auf dem ehemaligen Rangierbahnhof in Darmstadt-Kranichstein pflegen Eisenbahn-Verrückte historische Dampfloks. Ihre Welt ist voller Ruß – und voller Liebe.

Von Rolf-Herbert Peters

Nostalgie: Männer, die Lokomotiven streicheln

Ehrenamtlicher Schrauber: Julius Sterzik fegt die Feuerbüchse der 184 DME aus. Die Lok stammt von 1946

Fahles Licht fällt durch die Luken des Lokschuppens. In der Luft hängen Ruß und Staub und der Geruch von Schmieröl. Ein schmaler Mann in blauer Arbeitskluft tritt vor ein grellrotes Speichenrad. "Das ist die G8 4981  ", sagt er, und seine Stimme klingt fast feierlich. Dann streichelt er sie: 58 Tonnen eiserne Liebe.

Christian Zährl kann stundenlang über diese dunkelgrüne Dampflokomotive erzählen. Dass sie 1100 PS auf die Schiene bringt und maximal 55 Stundenkilometer fährt. Dass sie 1913 von Hanomag für die preußischen Staatseisenbahnen gebaut wurde. Und dass sie weit herumgekommen ist – im Ersten Weltkrieg bis ins Osmanische Reich. Die preußische Regierung schickte sie als Baulok zur Bagdadbahn, die von Konstantinopel bis in den heutigen Irak führte. Kaiser Wilhelm II. hatte die Vision, in nur 13 Tagen von Berlin nach Mesopotamien reisen zu können. "Deutschland und die Osmanen waren damals verbündet, und diese G8 war deshalb auch eine politische Unterstützung", sagt Zährl. 1915 war das – 72 Jahre vor seiner Geburt.

Rund 200 Loks und Waggons aus aller Welt sind auf dem Gelände versammelt

Des Samstags kommt Christian Zährl immer raus zu seinen Lokomotiven. Die alten Maschinen und morschen Waggons, der Wasserdampf und die Kohlenasche – das ist seine Welt. Der 30-jährige Industriemechaniker war mal bei der Deutschen Bahn beschäftigt, nach vier Jahren wechselte er zur Lufthansa, und ja, er mag das Fliegen – doch seine Seele blieb immer bei den Dampfloks. Zährl beherrscht die moderne Technik. Die alte beherrscht sein Leben.

Geselligkeit ist Vereinszweck: Moritz Bender (2. v. r.), 21, fachsimpelt gern mit den älteren Männern

Geselligkeit ist Vereinszweck: Moritz Bender (2. v. r.), 21, fachsimpelt gern mit den älteren Männern

Er arbeitet ehrenamtlich im Eisenbahnmuseum  -Kranichstein, an einem Samstag wie diesem zusammen mit 50 weiteren Eisenbahnverrückten. Sie schrauben, nieten und hämmern. Sie halten zusammen, eine Familie, die nicht Namen, sondern Leidenschaft teilt. Ihr Verein hat den ehemaligen Rangierbahnhof der Deutschen Bahn gepachtet. Rund 200 Loks und Waggons aus aller Welt haben sie auf dem Gelände versammelt. Einige glänzen wieder fabrikfrisch, andere warten in erbärmlichem Zustand auf ihre Restaurierung. "Das ist noch Arbeit für Jahrhunderte", sagt Zährl. Ewiger Kampf gegen die Vergänglichkeit. Aber einer, der glücklich macht.

Der Verein hat den ehemaligen Rangierbahnhof gemietet, um in Ruhe auszufahren

Der Verein hat den ehemaligen Rangierbahnhof gemietet, um in Ruhe auszufahren

Immer wieder brechen sie zu abenteuerlichen Rettungsaktionen auf. Die G8 zum Beispiel, die Zährl nun so liebevoll streichelt und die 1987 zu ihnen gelangte, rottete fast 20 Jahre an der Schwarzmeerküste vor sich hin. Obwohl es anfangs aussichtslos schien, brachten sie das schrottreife Viech aus der Türkei über Bulgarien, Jugoslawien und Österreich im Schlepp auf dem Schienenweg nach Darmstadt. Jäger eines verlorenen Schätzchens. "Eigentlich", sagt Zährl, "eigentlich ist eine Dampflok ja totes Eisen. Doch wenn sie langsam warm wird, wenn das Wasser im Kessel allmählich in Wallung gerät, dann beginnt sie zu leben."

Zu Hause hatte er eine Modelleisenbahn, aber die war ihm "zu filigran"

Warum sie alle dieser Faszination erlagen, kann Zährl nicht recht sagen: "Wüsste ich das, wäre ich einen Schritt weiter." Er jedenfalls wurde schon als Jugendlicher vom Bahnvirus befallen, mit 14 Jahren. Damals fuhr er oft an dem Museum vorbei, er sah die Dampfloks und kam ins Träumen. Zu Hause hatte er eine Modelleisenbahn, aber die war ihm "zu filigran". Er wollte die Großen

Es ist ein eigenwilliger Zauber, den die alten Ungetüme verströmen. Ein wenig Fernweh. Ein wenig Kindheit. Für manche vielleicht die Sehnsucht nach der alten, vermeintlich guten Zeit. Als es noch Uniformen gab. Und die Welt übersichtlich schien.

Uwe Breitmeier ist Anwalt und Notar – und Erster Vorsitzender der Museumsbahn e. V.

Uwe Breitmeier ist Anwalt und Notar – und Erster Vorsitzender der Museumsbahn e. V.

Noch heute begeistern sich laut Schätzungen rund 15 Millionen Deutsche für die Eisenbahn, die besonders Begeisterten, rund 14.000, sind im Bundesverband Deutscher Eisenbahn-Freunde organisiert. Tausende investieren ihre Freizeit in Modellanlagen. Andere gehen als "Trainspotter" mit Fotoapparaten auf Lok- und Waggonjagd, archivieren Produktionslisten oder lernen Fahrpläne auswendig. Die   in Darmstadt aber – es sind fast ausnahmslos Männer – wollen schrauben. An echten Loks.

Christian Zährl ist jeden Samstag in der Werkhalle. Warum? Weiß er nicht. Aber es macht ihn glücklich

Christian Zährl ist jeden Samstag in der Werkhalle. Warum? Weiß er nicht. Aber es macht ihn glücklich

Als Christian Zährl den Schuppen verlässt, setzt am Ausgang ein Höllenlärm ein. Hammerschläge krachen, Gasflammen zischen und knallen. Ein Mann im Overall kriecht in eine alte Lokbrennkammer, um sie zu richten. Die "Feuerbüchse", wie die Kammer unter Eisenbahnern heißt, wird erhitzt und dann genietet. Alles klassisches Handwerk, darauf legen sie hier Wert. Der Mann in der Kammer hat Schmied gelernt, bevor er Ingenieur wurde. Zährl sagt: "Wir versuchen, die alten Verfahren zu retten." Der Schuppen als Museum der Arbeit – samt riesiger Drehscheibe, mit der die 36 Loks und Triebwagen auf die Gleise verteilt werden können.

Die Dampflok hat mal 10.000 Mark als Schrottwert gekostet

Hinter der Halle trifft Zährl auf Moritz Bender, einen jungen Mann mit umgedrehter Baseballkappe, der von einer Elna Typ 6 herunterklettert. Bender strahlt aus seinem schwarz verschmierten Gesicht, vom Blau seines Poloshirts ist wenig übrig. "Ich öle die Maschine ab, damit wir morgen fahren können", sagt er und reibt sich die Hände mit einem Tuch sauber. Die Lok hat mal 10.000 Mark Schrottwert gekostet. Nach zwölf Jahren Bastelei steht sie wieder unter Dampf und zieht nun die Waggons mit den Museumsbesuchern.

Nostalgie an der Bahnsteigkante: René Stork trägt eine Uniform aus dem späten 19. Jahrhundert

Nostalgie an der Bahnsteigkante: René Stork trägt eine Uniform aus dem späten 19. Jahrhundert

Bender ist gelernter Feinmechaniker. Mit 13 kam er zum ersten Mal ins Museum – und nicht wieder davon los. Heute ist er 21. Die Älteren sind stolz, dass es noch Junge gibt, die wie sie die Lokomotiven lieben, sie abschmieren, Kohlen schaufeln, Holzsitze schleifen.

Dampf der Generationen: Auch Jugendliche helfen regelmäßig in der Werkstatt

Dampf der Generationen: Auch Jugendliche helfen regelmäßig in der Werkstatt

Seine Freunde, sagt Bender, die hielten ihn schon für verrückt. Positiv verrückt. Er aber wuchs in diese Welt hinein. "Mein Vater fährt beruflich Dieselloks und half damals sporadisch im Verein", erzählt er. Diese Ungetüme, die so viel Geduld, Fleiß und Können verlangen, bis sie sich fauchend in Bewegung setzen, faszinierten den Sohn. Eine Dampflok startet man nicht wie ein Auto. "Wenn sie komplett kalt ist, muss man sie acht Stunden anfeuern. Ganz vorsichtig, damit der Dampfkessel nicht reißt." Bender klingt, als spräche er von seinem Baby.

In der Feuerbüchse der Elna lodern Holzscheite, die später die Steinkohle zum Glühen bringen werden. Prüfend schaut Bender auf den Rauch, der aus dem Schornstein steigt. Wenn das Manometer im Führerhaus zwölf Bar zeigt, stellt die Elna ihre vollen 715 PS zur Verfügung – eine Kraft, mit der sie bis zu 700 Meter lange Güterzüge in der Ebene ziehen kann. Genug, um noch heute für den Güterverkehr der Deutschen Bahn eingesetzt zu werden.

Rußbotschaft: Phillip Krüger, 18, reinigt die Rauchkammer. "Lösche ziehen" nennen sie das

Rußbotschaft: Phillip Krüger, 18, reinigt die Rauchkammer. "Lösche ziehen" nennen sie das

Durch das Gestrüpp neben den Gleisen naht Uwe Breitmeier, ein sportlicher Mann Jahrgang 1949. Er ist Rechtsanwalt und Notar, vor allem aber ist er der Erste Vorsitzende des Vereins. Er wuchs 100 Meter vom Dampflokschuppen entfernt auf. Das Zischen und Stampfen der Lokomotiven waren der Klang seiner Kindheit.

Sammeln, bewahren, forschen, präsentieren

Als Breitmeier Ende der 60er Jahre erfuhr, dass die Bundesbahn ihre Dampfloks ausmusterte, traf es ihn ins Herz. Er hatte das Gefühl, sie retten zu müssen, vor dem Aussterben, wie Elefanten oder Tiger. Und so gründete er mit 21 Jahren den Verein für ein Eisenbahnmuseum samt Museumsbahn. Der Anfang war kurios. "Damals hatte die Bundesbahn ein Preisausschreiben gestartet: 'Stars der Schiene – Stars der Schallplatte'" , erzählt Breitmeier. Gewinnen konnte man 30 LPs und eine Dampflok 98/812. Nur konnte der Gewinner, ein Bayreuther, mit dem Dampfross nichts anfangen. Über Umwege landete es bei Breitmeier.

Schwere Zeitzeugen: 13 Dampfloks hat der Verein in seiner Sammlung

Schwere Zeitzeugen: 13 Dampfloks hat der Verein in seiner Sammlung

Seitdem treibt ihn ein Grundsatz: "Sammeln, bewahren, forschen, präsentieren." Während seines Jurastudiums machte er den Heizer- und später den Dampflokführerschein. Weltweit sucht er nach Bauplänen und Ersatzteilen. Viele lassen sich nicht mehr nachkaufen und müssen in der Vereinsschmiede oder -schreinerei selbst gefertigt werden.

Rund 20 Millionen Euro wurden bisher in die Exponate investiert

Breitmeier sei ein "Bahn-Junkie", so sagen die Männer hier, einer, der schon oft finanziell ausgeholfen hat, wenn die Mittel des Vereins nicht reichten. Rund 20 Millionen Euro haben sie bisher in die Exponate investiert, finanziert aus Mitgliedsbeiträgen, Eintrittsgeldern, Spenden und den Erträgen einer Stiftung.

Günther Gunkel schlackt die Lok aus. Am Abend wird er lange duschen, um den Ruß loszuwerden

Günther Gunkel schlackt die Lok aus. Am Abend wird er lange duschen, um den Ruß loszuwerden

Im Sommer ist das Museum nur sonntags geöffnet, Zährl schließt trotzdem heute auf, um die Insignien der einstigen Staatsautorität zu präsentieren: Dienstmützen und Schaffneruniformen. Auch ein alter Bahnschalter ist aufgebaut, hinter dem sich früher die Beamten verschanzten und durch winzige Löcher in der Scheibe mit den Kunden sprachen, Geld und Fahrkarten wurden über einen Metalldrehteller ausgetauscht. Dieses Museum ist ein Hort der alten Ordnung – in der Fortbewegung noch Abenteuer war, hierarchisch, streng und dennoch aufregend.

Die Maschinen entwickeln eine ungeheure Kraft. Die größte Dampflok der Sammlung leistet 2360 PS

Die Maschinen entwickeln eine ungeheure Kraft. Die größte Dampflok der Sammlung leistet 2360 PS

Christian Zährl hofft, dass auch die nächste Generation die Faszination dieser vergangenen Welt in ihre Herzen lässt. Wenn Schulklassen die Schätze auf dem Gelände besuchen, so geben er und seine verrußten Kollegen alles, um die Kinder mit dem Bahnvirus zu infizieren. Dampfloks mögen aus vergangenen Zeiten stammen – ausgestorben sind sie noch nicht.

Themen in diesem Artikel