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Ein Bild und seine Geschichte: "Mehr Narben als Frankenstein"

Senator John McCain inszeniert sich gern als Haudegen - gibt den Kämpfer mit Ecken und Kanten. Im Rennen um die US-Präsidentschaft setzt der Mann aus Arizona auch auf seine Vergangenheit als Vietnam-Veteran. Wahlkampftaktik, hinter der sich eine spannende Geschichte verbirgt.

Von Philipp Gülland

Schemenhaft ist das Schwarzweißbild, das die nordvietnamesische Regierung am 27. Oktober 1967 per Fernschreiber um die Welt schickt. Bis zu den Schultern stehen fünf Nordvietnamesen im Wasser des Truc-Bac-Sees bei Hanoi und ziehen einen Mann aus dem Wasser: bekleidet, durchnässt, reglos. Es ist Lieutenant Commander John Sidney McCain, US-Marineflieger und während eines Angriffseinsatzes über Hanoi von einer Flugabwehrrakete des Vietcong abgeschossen. Er konnte sich mit dem Schleudersitz retten, ist jetzt auf die Gnade des Feindes angewiesen. McCain stehen fünfeinhalb harte Jahre als Kriegsgefangener bevor.

Gedanken eines Querkopfes

Das Militär hat Tradition in John McCains Familie: Vater und Großvater waren beide Admiräle, beide mit dem Vornamen John, Kriegshelden, besuchten beide die Akademie der US Marine in Anapolis - wie auch John Sidney McCain III, in gewisser Hinsicht das schwarze Schaf der Krieger-Dynastie.

Auf der Marineakademie sei er stolz gewesen, sich Rüge über Rüge einzufangen, blickt McCain - heute Präsidentschaftskandidat der Republikaner - zurück: "Als junger Mann reagierte ich aggressiv und manchmal auch verantwortungslos auf jeden, von dem ich dachte, dass er meine Vorstellungen von Ehre und Selbstachtung in Frage stellte." Erinnert sich der 72-jährige Senator aus Arizona. "Ich dachte immer, ich sei Mann genug für jede Konfrontation", erklärt McCain. "Im Gefängnis merkte ich, dass ich es nicht war." Er habe alle persönlichen Reserven aufgeboten, um Häscher zu irritieren, letztendlich habe das aber nicht gereicht.

Immer, wenn er die Grenzen seiner Belastbarkeit erreichte, hätten ihn seine Mitgefangenen wieder aufgebaut. "Ich musste ich plötzlich mehr auf andere verlassen, als jemals zuvor", sinniert der Veteran, "und das hat mich zu einem besseren Menschen gemacht."

Fünfeinhalb Jahre Grenzerfahrung

Es ist der 26. Oktober 1967, der McCains Leben und Persönlichkeit nachhaltig prägen soll. Der Pilot fliegt seinen 23. Angriffseinsatz, als eine Luftabwehrrakete den rechten Flügel seiner Maschine wegreißt. "Ich zog den Schleudersitz-Hebel", erinnert sich McCain "und verlor beim Ausstieg das Bewusstsein." Kurz bevor er mit seinem Fallschirm im Truc Bac See landete, sei er wieder zu sich gekommen, erklärt der Veteran: "Da wusste ich noch nicht, dass ich mir beide Arme und mein rechtes Bein gebrochen hatte".

Das Wasser sei fünf bis sechs Meter tief gewesen, erinnert er sich: "Ich habe mich vom Grund abgestoßen, spürte keinen Schmerz, kam wieder an die Oberfläche und nahm einen tiefen Atemzug. Dann sank ich wieder, immerhin trug ich noch mehrere Kilo Ausrüstung."

Einige Nordvietnamesen fischen den US-Piloten aus dem Wasser und entkleiden ihn. Schnell versammelt sich eine neugierige, aufgebrachte Menge - der Mann aus dem Bomber wird beschimpft, angespuckt und getreten. Wütende Vietcong-Kämpfer traktieren ihn mit Gewehrkolben und Bajonetten. Zwei Anwohner gehen schließlich dazwischen und beruhigen den Mob, eine Frau flösst McCain Tee ein. Der Verletzte wird auf eine Trage gehoben und ins Gefängnis von Hanoi gebracht. Fünfeinhalb Jahre bleibt McCain Gefangener der Nordvietnamesen, seine Verletzungen zunächst unbehandelt und sein Schicksal ungewiss.

Von Propaganda und Selbstdarstellung

Wie viele andere Gefangene auch, ist McCain für die Vietcong auch ein Mittel der Propaganda. Schnell tragen sie das Bild seiner Rettung in die Welt hinaus, stellen dabei klar: "Seht her, dieser Mann beging Verbrechen gegen unser Volk, ermordete mit seinen Bomben Frauen Kinder und Greise im Namen des US-Imperialismus. Doch wir, die moralisch überlegenen Kommunisten, reichen ihm die Hand." Als sie erfahren, dass ihr Gefangener der Sohn eines hohen amerikanischen Admirals ist, gestalten sie die Veröffentlichung seines Namens und seiner Geschichte zum großen Propaganda-Coup. "Wir haben den Kronprinzen" heißt es in nordvietnamesischen Führungskreisen. Rückblickend muss McCain darüber schmunzeln: "Die hatten keine Ahnung, wie unsere Demokratie funktioniert."

Der Marineflieger übersteht die harten Jahre der Gefangenschaft, erhält dort schließlich auch - zumindest rudimentäre - medizinische Behandlung und macht in jenen Jahren, so sagt er, wichtige persönliche Erfahrungen. Heute, über vierzig Jahre später, erntet er die Früchte seines ersten großen Kampfes und nutzt sie für den Wahlkampf. Das ist weniger Propaganda als einfach nur geschickte - und letztlich auch legitime - Selbstdarstellung, die McCain in gewohntem Rabaukentum auf den Punkt bringt: "Ich bin steinalt und habe mehr Narben als Frankenstein. Ich kandidiere nicht als Präsident, um jemand zu werden. Ich kandiere, um das Schwierige zu tun, das Notwendige." Ob er seine größte Schlacht gewinnt, bleibt abzuwarten - Kampfgeist ist jedenfalls reichlich vorhanden.

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