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Ein Bild und seine Geschichte: Der späte Sieg des schwarzen Mädchens

Barack Obama ist der erste schwarze Präsident im Weißen Haus. Dorothy Counts war 1957 die erste schwarze Schülerin auf der weißen Schule in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina. Vier Tage lang ertrug die 15-Jährige die Angriffe und Beschimpfungen ihrer Lehrer und Mitschüler.

Von Sophie Albers

Sie hält den Kopf hoch, so wie ihr Vater es immer wieder gesagt hat. Sie hält sich gerade in ihrem karierten Kleid, das ihre Großmutter extra für den ersten Schultag genäht hat. Doch es sind schon Flecken drauf. Der Rücken ist nass von Spucke, aber auch Milch und Eis, mit dem Dorothy Counts beworfen wird. Es fliegen auch Steine. Sie blickt nach vorn, ängstlich, aber entschlossen, sieht die Meute nicht, die ihr folgt, den ganzen Weg zum ersten Schultag an der Harry Harding Highschool in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina. 15 Jahre alt ist Dorothy Counts an diesem Septembermorgen, als sie als erste schwarze Schülerin an dieser Schule zum Unterricht gehen will. Und sie wird nicht stehenbleiben.

T. Douglas Martin heißt der Fotograf, der ihren Weg abgelichtet hat. Er ist für die "Charlotte News" da, doch die Zeitung wird das Foto gar nicht drucken. Der offene Rassismus passt offenbar nicht ins Blatt. Doch geht das Bild auch an die Agentur Associated Press und landet auf diesem Wege sogar auf Titelblättern in Europa. In Paris sieht es der vor dem US-Rassismus geflohene schwarze Autor James Baldwin und beschließt, dass er nach Amerika zurückkehren müsse.

"Spuckt sie an"

Martins Bild zeigt den Mut und die Entschlossenheit einer jungen Frau, die sich mit dem Status Quo der Gesellschaft nicht abgeben will. Es zeigt die Fratze der Ignoranz, die Dummheit junger Menschen, die so handeln, wie sie meinen handeln zu müssen, weil es doch eben alle tun. So lauten jedenfalls die Begründungen und Ausreden der heute alten Männer, die Dorothy Counts damals auf dem Weg in die Schule angespuckt und beschimpft haben. Die habe sie gar nicht gesehen", sagte Counts später. "Sie waren ja die ganze Zeit hinter mir. Sie haben sich nicht getraut, mir ins Gesicht zu sehen." Sie hörte sie nur: "Geh zurück nach Afrika", "Da kommt der Nigger", "Spuckt sie an". 1954 hatte das Oberste Gericht die Rassentrennung an Schulen für unrechtmäßig erklärt.

Nachdem sie es in die Schule geschafft hat, sind die Anfeindungen nicht vorbei: Die Lehrer ignorieren sie, Mitschüler spucken ihr ins Essen und kippen Müll über sie aus. "Ich habe gedacht, dass etwas passiert, aber ich habe wirklich nicht gedacht, dass es so sein würde", erinnert sie sich. Die nächsten zwei Tage ist Dorothy Counts krank. Sie hat Fieber und bleibt zu Hause. Doch sie gibt nicht auf und geht wieder hin, wird wieder beschimpft und bespuckt. Sie beschließt, mittags zu Hause zu essen. Ihr Bruder holt sie mit dem Auto ab. Als sie zu ihm gehen will, umringen Mitschüler den Wagen und werfen mit Steinen, bis die Rückscheibe zerbricht. Da habe sie das erste Mal Angst gehabt, sagt Counts.

Späte Ehrung

Nach vier Tagen der Demütigungen in der Schule und zahlreichen Drohanrufen daheim kann ihre Familie nicht mehr. Der Vater, ein Theologie-Professor, gibt eine Pressekonferenz: "Aus Liebe zu unserer Heimat und zu unserer Tochter Dorothy nehmen wir sie von der Harding Highschool. So lange wir das Gefühl hatten, sie könne vor Verletzungen und Beleidigungen innerhalb der Schule beschützt werden, wollten wir ihrem Wunsch, in Harding zu lernen, nachkommen." Doch nun haben sie Angst um ihr Kind. Dorothy wird zu ihrer Tante nach Philadelphia geschickt, wo sie auf einer Schule für Schwarze ihren Abschluss macht.

50 Jahre hat es gedauert, bis die Harding Highschool sich bei ihr entschuldigt hat. Im Juni 2008 bekommt sie einen Ehrenabschluss. "Du musst die Geschichte kennen", sagte Counts, als sie die Urkunde entgegen nimmt. "Ich bin wirklich aufgeregt. Es gibt auch wundervolle Menschen auf dieser Welt."

Später Sieg

Als das Foto von Dorothy Counts entstand, lag das, was in der Nacht zum Mittwoch geschehen ist, außerhalb der Vorstellungskraft: Ein Schwarzer wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist nicht nur ein Zeichen des möglichen Wandels in der Weltpolitik, es ist auch ein später Sieg für ein verdammt mutiges, 15-jähriges Mädchen.