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Ein Bild und seine Geschichte: Protest mit Todesfolge

Saigon im Sommer 1963: Das Regime des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dhin Diem hält sich mit Verhaftungen und Hinrichtungen an der Macht. Buddhistische Mönche kämpfen um ihr Recht - bis zum Äußersten. Ein Fotograf steht dabei und kann nichts tun, außer auf den Auslöser zu drücken.

Von Philipp Gülland

Thich Quang Duc meditiert. Flammen schlagen aus seiner safranfarbenen Mönchsrobe, auch der Asphalt rund um den sitzenden Buddhisten brennt. Neben dem Meditierenden steht der leere Kanister, hinter einer viertürigen Limousine mit offener Motorhaube im Hintergrund drängen sich zahllose Schaulustige mit fassungslosen Mienen sowie traurig-gelassen schauende Mönche. Zwei Glaubensbrüder haben ihn auf einer belebten Kreuzung im Herzen Saigons mit Benzin übergossen, nachdem er sich dort im Lotussitz niedergelassen hatte. Er geht in sich, reißt ein Streichholz an und steht in Flammen. Still und regungslos, allein sein Gesicht verrät die unfassbaren Qualen des Mönchs. Quang Duc hat die äußerste Form des Protests gewählt. Durch seinen Tod will er die Unrechtsherrschaft des Diem Regimes und seinen Umgang mit den Buddhisten anprangern. Sein Freitod im Juni 1963 wird tatsächlich viel bewegen.

Einer der fassungslosen Zeugen ist AP-Korrespondent Malcolm Browne. Nach einem Sommer voller Demonstrationen hätten viele Journalisten die Proteste nicht mehr ernst genommen, sagt Browne später. "Ich habe geahnt, dass früher oder später etwas passieren würde. Nach allem, was ich über Buddhismus in Vietnam wusste, war mir klar, dass das ernstzunehmen war."

Schluchzende Zuschauer

Browne verbringt viel Zeit in Saigons Hauptpagode und freundet sich mit den Mönchen an. Dass er ihre Küche schätzt, ist bald kein Geheimnis mehr. "Ganz abseits des reinen Nachrichtenwertes war ich aufrichtig an dem interessiert, was sie taten." Ein bestimmter Mönch habe ihn oft angerufen, um geplante Aktionen anzukündigen, erzählt Browne im Rückblick. "Eines Abends riet er mir, am nächsten Morgen um sieben zur Pagode zu kommen. Etwas besonderes und sehr wichtiges würde dort passieren." Ein halbes Dutzend andere Korrespondenten erhält die gleiche Nachricht. Doch sind Browne und Autor David Halberstam von der "New York Times" die Einzigen, die tatsächlich erscheinen.

"Hinter mir konnte ich das Schluchzen der Vietnamesen vernehmen, die sich nun zusammenfanden. Ich war zu erschüttert, um zu weinen, zu durcheinander, um mir Notizen zu machen oder Fragen zu stellen, sogar zu bestürzt, um überhaupt zu denken", erinnert sich Halberstam. "Während er brannte, bewegte er keinen einzigen Muskel, gab keinen Laut von sich und bildete damit durch seine sichtliche Gefasstheit einen scharfen Gegensatz zu den klagenden Leuten um ihn herum." Browne wird als einziger Fotograf Zeuge des unfassbaren Ereignisses. "Ich habe vermutlich sechs bis acht Kleinbildfilme belichtet", sagt er. Die Aktion sei von den Buddhisten eindeutig inszeniert worden, um ein politisches Ziel zu erreichen, aber die menschliche Dimension des ganzen sei erschreckend gewesen. "Er hat nicht geschrien, nichts gerufen, nur still da gesessen. Aber sein Gesicht verriet, dass er gerade Höllenqualen durchmachen musste. Er starb, daran gab es keinen Zweifel", berichtet Browne.

Ein Bild, viele Interpretationen

Das Bild von Quang Ducs kompromisslosem Protest geht um die Welt, der brennende Mönch dominiert die Titelseiten und lässt kaum jemanden unberührt. Viele Amerikaner sehen in Quang Duc einen Märtyrer, der für die gerechte Sache starb. Sie empören sich über das von John F. Kennedy und der US-Regierung gestützte Regime von Präsident Diem und fordern dessen Sturz. China und Nordvietnam schätzen den Propagandawert der Aufnahme. Ihre Lesart: "Ein buddhistischer Priester wendet sich gegen den US-Imperialismus und seinen Einfluss in Vietnam." Bei aller Vielfalt der Wertungen ist die Wirkung des Bildes eindeutig: Kennedy, auf dessen Schreibtisch im Oval Office das Foto über einem Zeitungstitel prangt, führt ein Gespräch mit dem zukünftigen US-Botschafter in Saigon, Henry Cabot Lodge. Die Worte des Präsidenten: "Das muss aufhören!" Das Ende amerikanischer Unterstützung für das Diem-Regime ist damit besiegelt. Diem wird wenige Monate später gestürzt.

Browne sieht sein als Pressefoto des Jahres 1963 ausgezeichnetes Bild mit gemischten Gefühlen: "Wie das so ist, sind schockierende Bilder schwer zu schlagen. Das ist nichts, worauf ich besonders stolz wäre." Die Selbstverbrennung habe er nicht verhindern können, erklärt der Journalist später. Rund 200 Mönche hätten ihn sofort davon abgehalten. "Aber in den folgenden Jahren habe ich immer wieder das nagende Gefühl gehabt, für seinen Tod mitverantwortlich zu sein. Quang Duc und die anderen Mönche hätten das vermutlich nicht getan, wenn niemand dagewesen wäre um ihre Geschichte in die Welt zu tragen. Darum ging es ihnen - so sehr schockieren, dass wirklich jeder die Gründe ihrer Demonstrationen begreift. Und das haben sie dann auch getan."

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