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Ein Bild und seine Geschichte: Die fetten Jahre sind vorbei

Fast ein Jahrzehnt war die US-Nation berauscht. Doch der Schwarze Donnerstag von 1929 setzte den Goldenen Zwanzigern ein jähes Ende. Dorothea Langes Bild einer Wanderarbeiterin gibt dem Elend der großen Depression ein Gesicht.

Von Philipp Gülland

Die Strickjacke ist abgetragen, schmutzig, mehr Fetzen als Kleidungsstück, auf dem Schoß liegt eine nicht minder abgewetzte Decke. An ihren Schultern suchen zwei ihrer Kinder Zuflucht, die Haare strähnig, schmutzig, staubig. Florence Thompson ist Erbsenpflückerin, die Ernte ist einmal mehr schlecht, es gibt keine Arbeit, also auch kein Geld. Florence Thompson kämpft, wie Tausende, ums nackte Überleben; Sie gehört zu jenen, denen die große Depression am stärksten zusetzt.

Seit dem Börsensturz 1929 stecken die USA in der Krise, die Wirtschaft liegt am Boden, Hunderttausende sind ohne Arbeit, Dürre vernichtet die Ernten, man sucht verzweifelt nach Wegen aus der Krise, Präsident Roosevelts Politik des "New Deal" soll dem gestürzten Land auf die Beine helfen - es ist eine Zeit des Kampfes.

Würde am Rand der Katastrophe

Diese Frau steht buchstäblich vor dem Nichts, wovon soll sie ihre sieben Kinder ernähren? Wo Arbeit finden? Der jahrelange Kampf hat Spuren hinterlassen: Tiefe Falten zeugen von Sorge und Anstrengung, die Lippen sind schmal, der Blick schweift irgendwo zwischen Leere, Sehnsucht und Entschlossenheit in die Ferne. 32 Jahre ist sie alt, schon lange ohne festen Wohnsitz, folgt mit ihren Kindern der Arbeit, oder der Hoffnung darauf. Jetzt ist sie in einem Lager für Erbsenleser in Nipomo, Kalifornien, gestrandet. Wie 2500 andere hier bewohnt sie ein armseliges Zelt im Staub, die gesamte Habe der Familie füllt kaum zwei Koffer.

In all ihrer Armut und Verzweiflung erscheint sie madonnenhaft, wohl auch dank Langes deutlich an die christliche Ikonografie angelehnter Bildkomposition: Das Bild zitiert die seit der Renaissance geläufige Muttergottes mit Kind, deren Schema noch heute die Grundlage vieler Gruppenbilder darstellt. Die Körpersprache der Frau erzählt den Rest der Geschichte: Nachdenklich, ernst, leidend, aber ohne Selbstmitleid, erschöpft und entschlossen blickt Thompson an der Kamera vorbei, bereit, eine zeitlose Ikone zu werden.

Eine Bauchentscheidung und fünf Aufnahmen

Es regnet an diesem Märztag 1936, ein harter Winter zieht sich langsam zurück. Zunächst lässt Dorothea Lange das Erbsenpflückercamp links liegen, nach einem längeren Auftrag ist die Fotografin der "Farm Security Administration" (FSA), einer Bundesbehörde, die das Elend der Farmer und Wanderarbeiter untersucht, auf dem Heimweg. Am Lenkrad ihres Wagens ringt sie mit sich und kehrt nach etwa 20 Meilen wieder um. "Ich bin meinem Instinkt gefolgt und keinem Plan", wird sie sich später erinnern. Als sie das aufgeweichte Lager erreicht, fällt ihr schon von Weitem die Frau mit den sieben Kindern unter der dutzendfach geflickten Plane auf, eine "hungrige und verzweifelte Mutter", sie hat ihr Bild gefunden.

Langsam nähert sich Lange der Familie, macht zunächst wortlos ihre Bilder: "Ich kann mich nicht erinnern, wie ich ihr meine Anwesenheit (...) erklärt habe. Sie hat mir keine Fragen gestellt. Ich habe fünf Aufnahmen gemacht. (...) Ich habe sie weder nach ihrem Namen noch nach ihrer Geschichte gefragt. Sie sagte mir, sie sei 32 Jahre alt. Sie sagte mir, dass sie sich von Gemüse ernährten, das auf den Feldern erfroren war, und von den Vögeln, die die Kinder töteten", sagt Dorothea Lange. "Sie saß da unter dem Vorbau ihres Zeltes, die Kinder eng an sich gedrückt. Sie dachte, meine Fotos könnten ihr helfen, und deshalb hat sie mir geholfen."

Dorothea Langes Bilder helfen tatsächlich: Nach ihrer Veröffentlichung in den "San Francisco News" am 6. März werden Nahrungsmittellieferungen in die Region veranlasst, Florence Thompson und Tausende andere überleben die bitteren Jahre.

Ambivalente Ethik und große Kunst

Zwei Jahre nach der Entstehung der Aufnahme retuschiert Dorothea Lange den Daumen unten rechts im Negativ. Er stellt in ihren Augen offenbar einen Makel der sonst geschlossenen Komposition dar, beschert dem bewegenden Bild eine unfreiwillige Komik. Ein ethisch mehr als fragwürdiges Vorgehen, das Langes Vorgesetzten bei der FSA vor Wut toben lässt und ihren ambivalent Dokumentarbegriff zeigt: Dokumentieren heißt bei Dorothea Lange auch überzeugen, bewegen, Meinung machen.

Aber Daumen hin oder her, seine enorme suggestive Kraft macht das das Bild zum bekanntesten Motiv der gesamten FSA-Kampagne und lässt es in die Fotografiegeschichte eingehen. Jahrzehnte später wird es sogar als Kunstobjekt gehandelt: 1998 bringt die Versteigerung eines zeitgenössischen Abzugs fast eine Viertelmillion Dollar ein, der 35 mal 27 Zentimeter große Print hängt heute im Paul Getty Museum, Malibu, Florida.