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Ein Bild und seine Geschichte: "Sex, nicht Erotik"

Es erinnert ein wenig an Memory oder das "Finden Sie die Unterschiede"-Spiel auf der Unterhaltungsseite - Helmut Newtons Bildpaar "Sie kommen" setzt der schon angestaubten sexuellen Revolution 1981 ein provokantes Krönchen auf.

Von Philipp Gülland

Ungewöhnlich ist dieses Bild, nicht etwa wegen der vier nackten, strahlend selbstbewussten Frauen - die waren bei Newton immer schon Standard - sondern viel mehr wegen der schlichten weißen Hohlkehle im Hintergrund, der Ausleuchtung mit Studioblitzen. Helmut Newton - das Genie des inszenierten Alltags, der Landhäuser, mondänen Hotelsuiten, fotogenen Gassen, der Bildersammler, dem Technik immer egal war - macht sich die Mühe, im Studio zu arbeiten. Der Grund ist simpel: Er hat sich schon länger in den Gegensatz "nackt" - "angezogen" verliebt. Es ist eine obsessive Liebe.

Im Sommer 1981 spielt er das Szenario bei einem Shooting in Brescia durch, im Garten einer Villa - typisch - fotografiert er das gleiche Modell einmal nackt und einmal bekleidet. Die zweite Aufnahme ist der ersten perfekt nachempfunden, alles genauestens rekonstruiert; aber die Zeit spielt gegen ihn, das Licht ist jetzt ein völlig Anderes: Was Helmut Newton diesmal will, geht nur im Studio.

Genialer Erotomane, charmanter Filou

"Was ist ein Erotomane? Ein Ficker? Ich hasse das Gerede von Erotik. Reden Sie von Sex. Dann weiß ich, was gemeint ist", wird er einmal in einem Interview mit dem stern sagen. Helmut Newton, 1920 in Berlin als Sohn des wohlhabenden Knopffabrikanten Neustaedter geboren, weiß die besonderen Freuden des Lebens schon früh zu schätzen: Bereits mit vier findet er seine Mutter "erregend". Mit 13, so verrät er in seinen Memoiren, masturbiert er "wie ein Weltmeister". Es ist auch diese kokett-schnodderige Offenheit im Umgang mit dem Thema Sex, die den Mythos Newton ausmacht: Dieser Mann bekennt sich selbstverständlich zu einer Obsession, die er mit Milliarden teilt. Als genialer Erotomane sprengt er mit seinen Bildern die Grenzen von Kunst, Kommerz und Pornografie.

Mit Zwölf hatte er seine erste Kamera gekauft. "Ich weiß immer noch nicht, warum ich das getan habe", wird er sich ein mehr als ein halbes Jahrhundert später erinnern. Nach seiner Flucht vor dem Nazi-Terror im Dritten Reich - Newton ist Jude - folgen abenteuerliche Jahre: Er schlägt sich als Gigolo, Soldat und Fotoreporter durch, raucht Kette, kann kaum die Miete zahlen und fährt einen weißen Porsche mit roten Ledersitzen - der muss sein. Newton ist in diesen Jahren auf der Suche: Nach sich selbst, nach seinem Stil. Er wird ihn finden, und wie!

Obsession und Perfektion

Im Herbst 1981 nimmt Newton einen zweiten Anlauf: Vier Models hat er ins Studio geholt und vor einer weißen Hohlkehle arrangiert, einmal in den Chic der frühen Achtziger gehüllt, einmal splitternackt auf hohen Absätzen - die gehören für Ihn dazu, erst Stilettos machen eine Frau wirklich nackt im Newton'schen Sinne. Beide Bilder gleichen sich nahezu wie ein Ei dem Anderen, Helmut Newton hat bei der zweiten Aufnahme die erste akribisch rekonstruiert. Nur die Beine der zweiten Frau links im Bild stehen unterschiedlich. Die ansonsten perfekten Zwillinge erscheinen zum ersten Mal in der Novemberausgabe der französischen "Vogue", acht Seiten unter der Überschrift "Arbeiten Sie an Ihrem Körper": Die Frühjahrskollektion 1982 wird figurbetont.

Rückblickend soll es auch dieses Bildpaar sein, das exemplarisch für Helmut Newtons Werk gesehen werden kann und sich einen festen Platz in der Ikonografie des 20. Jahrhunderts erobert, denn es spiegelt das volle Spektrum seiner Fotografie wieder: Sex, Mode, Weiblichkeit, Provokation, Oberflächlichkeit, Hintersinn, Respekt, Beiläufigkeit und Obsession.

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