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Ein Bild und seine Geschichte: Das Jubiläum der Ohrwurm-Farm

Während der Abgesang auf die Automobilbranche durch Detroit schallt, beklatscht die Musikszene einen Anfang: Vor 50 Jahren begann in der Autostadt der Siegeszug des ersten schwarzen Labelbesitzers, der die Welt verändern sollte: Berry Gordy gründete Motown.

Von Sophie Albers

Glücklich sieht er nicht aus, aber das könnte auch an der Kälte liegen. Es scheint ziemlich frostig zu sein an diesem Tag im Jahre 1960 in Detroit, das für seine langen, schneereichen Winter bekannt ist. Dabei hätte der Mann im dunklen Mantel allen Grund, glücklich zu gucken: Er heißt Berry Gordy, hat gerade das Label Motown gegründet, und vor ihm liegen Jahrzehnte des märchenhaften Erfolges. Wirtschaftlich, musikalisch wie auch gesellschaftlich. Nur weiß der ehemalige Boxer das eben noch nicht.

So steht er frierend am West Grand Boulevard vor dem ehemaligen Laden eines Fotografen, über dessen Eingang nun in großen Lettern "Hitsville U.S.A." prangt. Der Legende nach hat Gordy im Januar 1959 seinen Beruf als Arbeiter in einer der Autofabriken aufgegeben, sich von seinen Eltern 800 Dollar geliehen und in eben diesem Haus ein Plattenlabel namens Tamla gegründet. Kurz darauf taufte er es um in Motown. Im vorderen Teil waren Büros, im hinteren das Studio. Noch im gleichen Jahr landete der Motown-Künstler Barrett Strong einen Top-Ten-Hit mit dem programmatischen Titel "Money, That's What I Want". 1960 stürmte "Please Mr. Postman" von den Marvelettes auf Platz eins. Der Rest ist Geschichte.

Hits am Fließband

Und die ist immer wieder gerne auch ironisch. Ein Fließbandarbeiter aus den Autofabriken Detroits wagt das Unmögliche: Im Amerika der Rassentrennung gründet er ein Label, um afroamerikanische Künstler zu Stars zu machen. Er revolutioniert nicht nur das Musikgeschäft, er kämpft auch für die Rechte der Schwarzen, indem er für seine Musiker Hits - wie er es gelernt hat - am Fließband produziert. 50 Jahre später feiert das Motown-Imperium - mittlerweile bei Universal - Jubiläum, Amerika hat seinen ersten schwarzen Präsidenten gewählt, während die vormals so mächtige Autoindustrie um ihre Existenz ringt.

Mit den besten Sängern, Musikern, Produzenten und Songschreibern und dem typischen Motown-Sound hat Gordy dieses Imperium aufgebaut. Das berühmte Tamburin auf der Zwei wie in "You Can't Hurry Love" von den Supremes, die prägnante Basslinie, der simple Beat zum Mitklatschen wie in "I Want You Back" von den Jackson 5, wie in "I Heard It Through The Grapewine" von Marvin Gaye". Keine Jazz-Exzesse und keine souligen Doppeldeutigkeiten. Motown stand für absolut eingängige und unbedingt wiedererkennbare Popsongs. "Keep it simple, stupid!" (Halte es einfach, Dummkopf), lautete das Motto. Gordy leitete eine Ohrwurm-Farm.

Diana Ross in der "Schlangengrube"

Die wurde von den Mitarbeitern allerdings auch gerne als "Schlangengrube" bezeichnet. Der große Erfolg gründete auf dem eisernen Festhalten am Konzept und knochenharter Arbeit. "Hitsville" war 22 Stunden am Tag geöffnet. Es wurde rund um die Uhr komponiert, aufgenommen und produziert. Wer unterschrieb, verschrieb sich mit Haut und Haaren der erhofften Karriere. Bei Stevie Wonder, Marvin Gaye, Diana Ross & The Supremes, The Commodores, Four Tops, Smokey Robinson & The Miracles, The Jackson 5, The Temptations und all den anderen Motown-Legenden hat es bestens funktioniert. Allein zwischen den Jahren 1961 und 1971 schafften es 110 Motown-Songs in die amerikanischen Top Ten.

Der Pop war zwar einfach, aber trotz Gordys Bemühungen nicht unpolitisch: Der Labelgründer lebte mit seinem "Sound Of Young America" als einer der ersten Afroamerikaner den amerikanischen Traum. Und das fünf Jahre bevor der Civil Rights Act in den USA die Rassentrennung aufhob. Vielleicht ist es gar nicht mal so verstiegen zu behaupten, dass die Erfolgsgeschichte Motowns mit dazu beigetragen hat, dass ab dem 20. Januar der erste schwarze Präsident im Weißen Haus sitzen wird. Die Macht des Pop ist groß. Der Slogan "Yes we can" stammt schließlich auch aus der Titelmelodie der Trickserie "Bob der Baumeister".