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Ein Bild und seine Geschichte: Das Opfer einer höllischen Flucht

Der dänische Fotograf Erik Refner dokumentierte im Juni 2001 das Elend afghanischer Flüchtlinge zwischen Bürgerkrieg und Dürre. Sein Bild "From hell to heaven" gibt der anonymen Katastrophe ein anrührendes Gesicht.

Von Philipp Gülland

Friedlich liegt er da, von liebenden Händen umsorgt. Der afghanische Junge wurde kaum ein Jahr alt. Er starb an Austrocknung. Es sind die Vorbereitungen eines Begräbnisses - hochformatig, schwarz-weiß, still und einfühlsam dokumentiert.

Beispiellose Tragödie

Jallozai ist eines der Flüchtlingslager in Pakistan, in die sich über 90.000 Afghanen auf der Flucht vor Bürgerkrieg und Dürre gerettet haben. Aus dem Fegefeuer in die Hölle - die Zustände in den Camps sind katastrophal und verschlechtern sich täglich. Hilfsorganisationen beschreiben sie als so schlimm wie noch nie. Es fehlt an allem: Unterkünften, Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet spielt sich eine Tragödie beispiellosen Ausmaßes ab. In wenigen Monaten wird die Region vollends zum Kriegsschauplatz werden.

Von Liebe und Würde

Der Hölle der Flucht war der kleine Junge auf dem Foto nicht gewachsen: Hitze, Dürre und Wassermangel haben seinen kleinen Körper zu sehr geschwächt, ihm das Leben geraubt. Auf einem weißen Laken liegend, wirkt er direkt erlöst: ein Bild von Unschuld, Frieden und Würde - vielleicht auf dem Weg an einen besseren Ort, auf jeden Fall aber der Hölle entkommen.

Zart und fürsorglich nesteln drei Paar Hände am weißen Tuch, bereiten das Kind für sein Begräbnis vor. Die Männer sind für die Zeremonie verantwortlich: Religiöse Handlung, Ausdruck von inniger Liebe, Abschied in Würde - Tuch und Laken sind blütenweiß und makellos sauber.

Behutsamer Quereinsteiger

Erik Refner verbringt zwei Wochen in Jallozai. Mit einem Dolmetscher und der Hilfe der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" nähert er sich den Menschen dort sehr bedächtig. Er ist mehr Geschichtenerzähler als Nachrichtenlieferant oder gar Sensationsjäger, Erik Refner ist Überzeugungstäter: "Ich glaube daran, dass Bilder die Dinge verändern können", umreißt er seine Motivation. Der Däne arbeitet am liebsten allein. Behutsam und ohne Ausrüstungsberge macht er seine Bilder: Zwei Gehäuse mit Festbrennweiten genügen ihm, das lichtstarke 28mm Weitwinkel ist sein Lieblingsobjektiv. Wie viele Reportagefotografen versucht er sich unsichtbar zu machen: "Bei einem Großteil meiner Arbeit versuche ich die Essenz einer Atmosphäre einzufangen und dabei unauffällig im Hintergrund zu bleiben, damit die Menschen meine Anwesenheit vergessen".

Auch in Jallozai hat er mit dieser Methode Erfolg. Er spricht mit der Familie des verstorbenen Jungen, teilt und respektiert ihre Trauer - schließlich darf er die Begräbnisvorbereitungen im Zelt fotografieren und tut es, in seiner typischen Art, langsam und in aller Stille: "Es war mir wichtig, die Verwandten nicht in ihrer Trauer zu stören. Ich habe in diesem emotionalen Moment drei Filme belichtet. Als sie beteten, habe ich aufgehört und auf meine Art mitgebetet, um meinen Respekt zu zeigen", erklärt er später in einem Interview: "Respekt ist für meine Arbeit essenziell: Man muss mit Herzblut bei der Sache sein, wenn die Bilder gut werden sollen".

Bemerkenswert ist auch sein Quereinstieg in den Bildjournalismus: Nach zwei Jahren als Kommandosoldat der dänischen Armee wird er zunächst Fotomodell, dann Assistent eines Modefotografen, studiert Fotojournalismus und macht sich mit seinen gründlich recherchierten und einfühlsamen Reportagen schnell einen Namen. Refners Bild des toten Flüchtlingsjungen ist lediglich eines von vielen Fotos einer anrührenden Geschichte. Aber seine stille Unmittelbarkeit hebt es deutlich hervor und macht es zur Ikone: Unter vielen tausend Einsendungen wird die Aufnahme schließlich zum World Press Photo des Jahres 2001 gekürt.

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