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Ein Bild und seine Geschichte: Der erste Blick in die Freiheit

Mehr als sechs Jahre lang war Ingrid Betancourt Geisel der FARC. Die franko-kolumbianische Politikerin war die Trumpfkarte der linken Rebellen. Nach 2322 Tagen in der grünen Hölle wird sie befreit. Das Foto des Journalisten Leonardo Suarez zeigt gleichzeitig Schmerz und Erleichterung.

Von Philipp Gülland

Sie sieht aus wie ein Mädchen: Ein Auge zugekniffen, das andere strahlend, die Haare zum Zopf geflochten, lächelt Ingrid Betancourt ein verschmitztes Kinderlächeln. Doch die tiefen Falten um die Augen lassen erahnen, was die 46-Jährige hinter sich hat. Heute, am 2. Juli 2008, auf dem Militärflughafen Catam in Bogota, ist Betancourt vor allem eins: überglücklich.

Leonardo Suarez ist freier Journalist für die Agentur Reuters. Im Büro in Bogota behält er die Börsenkurse im Auge und kümmert sich um Daten. Suarez ist eigentlich kein Fotograf. Die sind schon in Catam und warten auf Betancourts Ankunft mit einer kolumbianischen Militärmaschine. Nur einige Objektive fehlen den Reuters-Fotografen noch. Mit denen ist Suarez gerade auf dem Weg zum Rollfeld.

"Ich habe meine eigene Kamera mit einem 100-400mm Zoomobjektiv mitgenommen", erinnert sich der Journalist später. "Die Fotografen haben mich durch die Sicherheitskontrolle geschleust, und ich habe dann einfach fotografiert, was ich gesehen habe." Wieder im Büro der Nachrichtenagentur schaut Suarez erst die Bilder der Kollegen durch und wählt dann von seinen eigenen die Aufnahmen aus, die das Material der Fotografen ergänzen. "Alle Bilder, die keine Dubletten waren, habe ich an Reuters You Witness geschickt." You Witness ist eine von Reuters betriebene Bürgerjournalisten-Plattform ähnlich dem Portal Augenzeuge von stern.de.

Von Leid und Heldensagen

Mehr als sechs Jahre lang war Ingrid Betancourt im Dschungel gefangen. Ein Martyrium von 2322 Tagen. Beendet, wie Kolumbiens Präsident Uribe es darstellt, durch eine James-Bond-filmreife Kommandoaktion. Andere Quellen sprechen von einem geheimen Deal. Die Politikerin sei freigekauft worden, heißt es. Fest steht, dass ihre Zeit als Geisel vorbei ist: nie mehr nachts die Gummistiefel abgeben, nie mehr anketten lassen, keine Hängematten, keine Bewacher, keine Angst, keine Hoffnungslosigkeit, nie mehr die Verhandlungsware anderer sein.

Begonnen hat ihre Odyssee am 23. Februar 2002. Die Präsidentschaftskandidatin der grünen Partei Verde Oxigeno macht sich auf den Weg zu einer Wahlkundgebung im von der linksgerichteten FARC kontrollierten Gebiet. Da Verhandlungen mit den Rebellen zu ihrem politischen Programm gehören, wähnt sie sich in Sicherheit und kalkuliert auf die Medienwirksamkeit der waghalsigen Aktion.

Faustpfand eines Kriegs

Damit, dass sie jahrelang Faustpfand einer Bürgerkriegspartei sein wird, rechnet sie nicht, selbst dann nicht, als FARC-Kämpfer sie und ihre Wahlkampfleiterin bei Villa San Vincente de Caguan an einer Strassensperre aus dem Jeep zerren und in den Dschungel verschleppen.

Es folgen Jahre in Gefangenschaft - mit Höhen und Tiefen. Fluchtversuche, Wiederergreifung, Depression, Hoffnung, schwere Krankheit. Der Fall Betancourt ist ein internationaler. Auch Frankreichs Staatspräsident Nicholas Sarkozy setzt sich für die Freilassung Betancourts ein, schließlich ist sie auch französische Staatsbürgerin.

Die Befreiung der franko-kolumbianischen Politikerin dominiert weltweit die Schlagzeilen: ihr erster Auftritt vor Kameras auf dem Rollfeld bei Bogota, das Wiedersehen mit der Familie, das Glück, die Tränen, Der Empfang bei Sarkozy - der zwar nichts erreicht, aber sich immerhin eingesetzt hat. Betancourt ist zur Heldin geworden. Und Betancourt, die Unbequeme, will vermutlich wieder in die Politik. Das Kinderlächeln, es ist auch ein "Ich-hab-noch-viel-vor-Lächeln".

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