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Panamericana: Betancourt und die vergessenen Geiseln

Sie war die berühmteste aller Geiseln und jetzt jettet sie durch die Welt. Ingrid Betancourt nimmt auf der ganzen Welt Ehrungen entgegen. Sie ist glücklich. Sie ist frei. Anders als die 700 Geiseln, die noch im Dschungel festgehalten werden. Die sind schon fast vergessen.

Von Toni Keppeler

Am 14. Oktober ist es zehn Jahre her, dass Elkin Hernandez, damals 22-jähriger Leutnant der kolumbianischen Armee, im Departement Caqueta zusammen mit zwei Kameraden in eine Straßensperre der "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) geriet. Die Guerilleros nahmen die drei Soldaten gefangen. Seither sitzt Hernandez gefesselt in irgendeinem Camp im Dschungel, vermutlich mit einer schweren Eisenkette um den Hals. So, sagen befreite Geiseln, würde die Farc ihre "Kriegsgefangenen" an der Flucht hindern. Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Mann noch lebt. Er gehört zu den 29 so genannten "Austauschbaren", die von der Farc der Regierung übergeben werden sollen, wenn diese im Gegenzug ein paar hundert Guerilleros aus den staatlichen Gefängnissen entlässt. Seit dem 2. Juli ist so ein Austausch so gut wie ausgeschlossen.

An jenem Tag schnappte die kolumbianische Armee in einer spektakulären Befreiungsaktion der Farc ihre wertvollsten Trophäen weg: die Politikerin Ingrid Betancourt und drei US-amerikanische Söldner. Dazu elf kolumbianische Soldaten. Im Geschachere um Geiseln und Gefangene haben Ausländer den höchsten Tauschwert. Dahinter kommen prominente Politiker und ganz am Ende einfache Soldaten, Polizisten und normale Zivilisten. Die drei Staatsbürger der USA wären bei einem Gefangenentausch besonders viel Wert gewesen, weil Washington Hauptfinanzier der kolumbianischen Regierung im Krieg gegen die linke Guerilla ist. Betancourt war wertvoll, weil sie neben der kolumbianischen auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt und in Frankreich bekannter und beliebter war als zu Hause. Als Kandidatin bei der kolumbianischen Präsidentschaftswahl 2002 war sie in etwa so bedeutend die DKP in Deutschland zu Zeiten der alten Bundesrepublik: Wäre sie nicht entführt worden, wäre sie im Wahlergebnis zusammen mit anderen in der kleinen Rubrik "Sonstige" aufgetaucht.

Um das zu verhindern, ist sie im Wahlkampf gezielt in eine Gegend gegangen, die seit Jahren von der Farc beherrscht wurde. Kein anderer Politiker hätte sich das damals getraut und die Widerständler hatte sie gewarnt: Wenn sie komme, werde sie entführt. Jeder in Kolumbien wusste, dass das eine ernst zu nehmende Drohung war. Doch sie wollte den spektakulären Auftritt und ging. Das rechtfertigt nicht sechs Jahre Geiselhaft, aber Ingrid Betancourt wusste, welches Risiko sie einging. Und letztlich hat sie erreicht, was sie wollte: Ihr langes Leiden in Gefangenschaft machte sie in Kolumbien und weltweit bekannt. Ein Foto, das sie im Dschungelcamp zeigt, mit traurigem Blick und langem Haar, kauernd auf einer Bank, ist längst zur Ikone geworden. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat es sich schon im Wahlkampf zur Herzensangelegenheit gemacht, sie aus den Krallen der Farc zu befreien. Als er nach der Wahl das erste Stimmungstal durchschritt, schickte er medienwirksam ein Flugzeug über den Atlantik, das Betancourt in ihre zweite Heimat fliegen sollte. Angeblich standen damals die Verhandlungen um ihre Befreiung kurz vor dem Erfolg.

Nicht nur Sarkozy wollte verhandeln

Sarkozy war nicht der einzige, der auf Verhandlungen setzte. Auch Venezuelas Präsident Hugo Chavez spielte eine Zeit lang den Vermittler. Betancourts Mutter drängte den kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe seit Jahren zu Gesprächen über einen Gefangenenaustausch mit der Farc. In fast allen Bürgerkriegen Lateinamerikas standen solche Verhandlungen am Beginn eines Befriedungsprozesses. Doch Uribe will eine militärische Lösung, überrumpelte die Guerilla und holte Betancourt in einem Coup aus dem Urwald. Zwei Wochen lang war sie in Kolumbien ein Star, schmückte die Titelseiten sämtlicher Zeitschriften.

Als am 20. Juli hunderttausende Kolumbianer auf die Straße gingen, um für die Befreiung der verbliebenen Geiseln zu demonstrieren, war sie längst nicht mehr im Land. Sie zeigte sich in Paris mit Präsident Sarkozy und in anderen europäischen Städten mit anderen Politikern. Dann machte sie mit ihrer Familie Urlaub auf den Seychellen. Für eine Frau ihres hohen moralischen Anspruchs ist das ein ungewöhnlicher Erholungsort. Die Seychellen sind nicht nur bekannt für traumhafte Strände, sondern auch für die eklatanten Menschenrechtsverletzungen seiner Regierung.

Von einer Ehrung zur nächsten

In den vergangenen vierzehn Tagen reiste sie wieder durch Europa, diesmal von einer Ehrung zur nächsten. In Wien verkündete der unter anderem vom ehemaligen Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow getragene "Women's World Award", er werde Betancourt bei einer Gala Ende Oktober zur "Frau des Jahres 2008" küren. Vorher wurde diese Ehre Zelebritäten wie Whitney Houston, Cher oder Bianca Jagger zuteil. Ebenfalls Ende Oktober soll ihr im spanischen Oviedo der Preis des Prinzen von Asturias überreicht werden. In Rom wurde sie von Papst Benedikt XVI. empfangen. In Florenz und Pisa bekam sie weitere Auszeichnungen. Die Veranstalter versicherten, sie wollten die Ex-Geisel als Kandidatin für den Friedensnobelpreis vorschlagen.

In Kolumbien herrscht derweil weiterhin Krieg und für die 700 Geiseln, die immer noch von der Farc festgehalten werden, gibt es so gut wie keine Hoffnung. Um eine Frau vom Kaliber Betancourts hätte man verhandeln können. Aber wer schachert schon um einen kleinen Leutnant wie den vor zehn Jahren entführten Elkin Hernandez?