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Sanssouci Colloquium 2011: Michael Anti - Chinas bloggendes Gewissen

Tausende Zensoren versuchen in China, das Internet zu kontrollieren. Blogger Michael Anti widersetzt sich. Und bekommt dafür den "M100 Medien Preis" in Potsdam. Ein Porträt.

Von Lutz Kinkel

Er konnte die sensationelle Nachricht gerade noch über Twitter absetzen. Danach habe er geweint, fünf Minuten, hemmungslos, schreibt Michael Anti in der "taz".

Es waren Tränen der Freude. Denn Antis Freund, der chinesische Dissident Liu Xiaobo, bekam 2010 den Friedensnobelpreis. Das war es, was alle Welt wissen sollte. "Gerechtigkeit ist noch wach, sagt der Preis, nicht nur online, sondern auch im wirklichen Leben", schreibt Anti. Dieses Gefühl ist für Anti nicht nur wichtig, es ist sein Lebenselexier, auch wenn er sich nicht als Dissident, sondern als Journalist versteht: Anti ist der wohl bedeutendste regimekritische Blogger Chinas.

Dafür wird er an diesem Donnerstag in Potsdam mit dem M100-Medien-Preis des Sanssouci Colloquiums 2011 ausgezeichnet. Bisherige Preisträger dieser internationalen Medienkonferenz waren unter anderen Bernard Kouchner, Gründer der Organisation "Ärzte ohne Grenzen", Ingrid Betancourt, die jahrelang in kolumbianischer Geiselhaft saß, und der Däne Kurt Westergaard, der aufgrund seiner Mohammed-Karikaturen bedroht wird.

Zehntausende Zensoren

Die Laudatio auf Anti halten der ZDF-Chefredakteur Peter Frey und stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn. "Ich bewundere den Journalisten und Blogger Michael Anti, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt und sich mit großem Mut und klarem Vertrand in Debatten einmischt und dabei stets alle politischen Tabus ignoriert", sagt Osterkorn. Und es gibt viele Tabus in China - das Internet, Antis Publikationsplattform, wird täglich von tausenden hauptberuflichen chinesischen Zensoren überwacht.

Anti, der eigentlich Zhao Jing heißt, aber "Michael Anti" als eine Art publizistischen Kampfnamen wählte, hat eine bewegte Intellektuellen-Biographie hinter sich. 1975 in Nanjing geboren, marschierte er zunächst ganz auf Parteilinie, organisierte sich bei den kommunistischen Junpionieren - "und, um das noch schlimmer zu machen, war ich außerdem ein großer Japan-Gegner und Nationalist". Als er 14 Jahre alt war, unterdrückte die Regierung brutal die Studentenbewegung und beging das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Schaudernd erinnert sich Anti, wie er damals über die Ereignisse und seinen späteren Freund Liu Xiaobo dachte: "Für mich waren Menschen wie Liu Verräter unseres Vaterlandes, und es war die Armee, die uns vor einem landesweiten Aufruhr bewahrte."

Ein Problem mit Microsoft

Das Internet führte ihn aus dieser Gedankenwelt heraus. Anti entdeckte es 1998, in einem Internetcafé in der Kleinstadt Wuxi, wo er inzwischen als Computerprogrammierer arbeitete. Im Netz habe er die "ungeöffneten Archive nationaler Tragödien" gefunden, schreibt Anti, und zunächst die Berichte Liu Xiaobos und seiner Mitstreiter über das Massaker gelesen. In diesem Moment habe er erkannt, dass er mit seiner bisherigen Interpretation falsch gelegen habe. Auch der Zugang zu ausländischen, englischsprachigen Zeitungen half ihm zu verstehen, dass er in einer von der Regierung manipulierten Informationsblase gelebt hatte.

Anti arbeitete zunächst weiter als Techniker und Programmierer, stieg aber dann auf Journalismus um: Er wurde Chefkommentator der Pekinger Tageszeitung "Huaxia Times". Sein Vorgesetzter war Liu Xiaobo, jener Mann, den er als Teenie noch verachtet hatte. 2004, als er im chinesischen Büro der "New York Times" unter Vertrag genommen wurde, war Anti bereits ein Star der chinesischen Blogger-Szene. Das war allerdings auch den Behörden nicht entgangen: 2005 löschte Microsoft MSN auf Druck der chinesischen Regierung Antis Blog. Das jedoch machte ihn erst recht berühmt - weltweit. Er galt nun als Opfer eines unmoralischen Deals zwischen Diktatur und Unternehmen.

Ein Problem mit Facebook

Im März 2011 wiederholte sich die Erfahrung: Facebook nahm Antis persönliches Profil aus dem Netz. Die Begründung: Er benutze nicht seinen Klarnamen. "Ich bin sehr, sehr zornig", sagte Anti der "Huffington Post". "Ich kann nicht arbeiten, wenn ich meinen chinesischen Namen benutze. Heute habe ich herausgefunden, dass Zuckerbergs Hund [Mark Zuckerberg ist Gründer und Chef von Facebook, Red.] einen Facebook-Account hat. Meine journalistische und akademische Arbeit ist realer als ein Hund."

Anti, den der verfolgte Künstler Ai Weiwei einen "freien Geist" nennt, arbeitet inzwischen nicht mehr nur in China. Stipendien und Gastprofessuren haben ihn an westliche Universitäten geführt, seine Prominenz sorgt dafür, dass er in der Heimat nicht ohne Aufsehen vom Staat bedrängt werden kann. Auszeichnungen wie der an diesem Donnerstag vergebene "M100 Medien Preis" stützen diese Prominenz - und haben damit auch einen humanitären Effekt.

Demokratie und Internet

Die Konferenz, die die Preisverleihung begleitet, steht unter dem Titel "Globale Demokratie - ein Triumph für die Sozialen Netzwerke?" Unter den Vortragenden sind zahlreiche Wissenschaftler und Journalisten, die am Arabischen Frühling beteiligt sind und von ihre Erfahrungen berichten, welche Rolle das Netz bei Demokratisierungsprozessen spielt. Der Chinese Anti weiß, das er in seinem Land noch einen langen Weg vor sich hat.