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Betancourt-Befreiung: Der Zweck heiligt die Mittel

Kolumbiens Staatspräsident Alvaro Uribe hat eingestanden, dass bei der Befreiungsaktion von Ingrid Betancourt Symbole des Internationalen Roten Kreuzes verwendet wurden. Ein Verstoß gegen die Genfer Konvention, der weitreichende Folgen haben könnte.

Von Tobias Käufer, Bogota

Die Legende von der heldenhaften Tat hielt nur zwei Wochen, die Beichte übernahm Kolumbiens Staatspräsident Alvaro Uribe höchstpersönlich. Bei der spektakulären Befreiungsaktion der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt hat die Spezialeinheit der kolumbianischen Armee verbotenerweise mindestens ein Symbol des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) zur Tarnung missbraucht.

Ein Mitglied der Sondereinheiten, die die Geiseln befreit hatten, habe wegen seiner "großen Nervosität" unerlaubterweise ein solches Symbol benutzt, musste Uribe im Rahmen einer Feierstunde einräumen. "Der Soldat fürchtete um sein Leben und zog deshalb eine Armbinde mit dem Rotkreuz-Symbol aus seiner Tasche", so der Staatschef. Er habe einfach zu viele Guerilleros gesehen. Warum der Befreier überhaupt im Besitz eines solches Emblems war, ließ Uribe offen.

An seiner Darstellung dürfen ernsthafte Zweifel erlaubt sein. Es ist kaum davon auszugehen, dass Mitglieder einer Spezialeinheit - angeblich sind nur die besten Soldaten des Landes für die Aktion ausgesucht worden - beim bloßen Anblick von Guerilla-Kämpfern in Panik verfallen. Nach über 40 Jahren Bürgerkrieg gegen die Rebellen sind die kolumbianischen Soldaten eher angsteinflößende Kampfmaschinen als zitternde Nervenbündel.

Energische Dementis im Vorfeld

Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung legt nahe, dass die Regierung nicht mehr anders konnte, als den Sachverhalt einzuräumen, den zuvor sämtliche führenden Köpfe der Befreiungsaktion energisch dementiert hatten. Worüber kolumbianische TV-Sender unmittelbar nach der Betancourt-Befreiung spekulierten, konnte der Fernsehsender CNN am Tag vor dem Uribe-Geständnis nach eigenen Angaben mit bislang unveröffentlichtem Film- und Fotomaterial belegen. Derart in die Enge getrieben, entschloss sich Uribe nach einer "Untersuchung der Vorfälle" dazu, mit der Wahrheit ans Licht zu kommen. Ob es die ganze ist, wird die Zukunft zeigen.

Nun ist im Land eine ethische Diskussion darüber entbrannt, ob das Vorgehen der Regierung legitim war oder nicht. Innerhalb weniger Stunden füllten zu diesem Thema über 1500 Leser-Kommentare die Website der größten kolumbianischen Tageszeitung "El Tiempo". Die überwiegende Zahl der emotional aufgewühlten Kolumbianer zeigte sich einverstanden: "Ja, es ist erlaubt, wenn man auf diese Weise die Geiseln gewaltfrei aus ihrem Martyrium erlösen kann", schreibt ein Leser beispielsweise. Was ist schon ein kleiner Trick, wenn man gegen eine Bande Krimineller vorgehen muss, die über Jahrzehnte alle Menschenrechte mit Füssen tritt?

Soldat wird nicht bestraft

Ingrid Betancourt, die drei US-amerikanischen Geiseln und die elf Kolumbianer, die am 2. Juli befreit worden waren, befanden sich teilweise mehr als sechs Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Gewalt der Revolutionären Streitkräfte (Farc). Diese scherten sich in der Vergangenheit nicht besonders um die Genfer Konvention: Mehrfach wurden Ambulanzen beschossen, die ausdrücklich mit dem Emblem des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz gekennzeichnet waren. Als Uribe mitteilte, dass der Soldat, der das Symbol unerlaubter Weise benutzte, nicht bestraft wird, gab es lauten Beifall unter den Zuhörern. Der Zweck heiligt eben die Mittel.

Derweil hält sich das Verständnis beim Roten Kreuz verständlicherweise in Grenzen: Zwar muss sich Sprecher Yves Heller auch in dieser Situation an die diplomatischen Gepflogenheiten halten, doch man sieht dem Schweizer sein Unbehagen an, als er noch einmal darauf hinweist, dass dieses Emblem nur im Einklang mit der Genfer Konvention verwendet werden darf. Ihm ist vor allem daran gelegen, seine Organisation aus dieser Diskussion so weit wie möglich heraus zu halten. "Das allerwichtigste für uns ist jetzt, dass wir als eine Organisation weiterarbeiten können, die sich um alle Opfer dieses bewaffneten Konfliktes einsetzt."

Noch 3000 Menschen in Geiselhaft

Ob das in Zukunft noch möglich ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. Beobachter in Bogota äußern die Sorge, dass die Guerilleros beim nächsten geplanten Geiselaustausch beim leisesten Verdacht auch auf IKRK-Mitarbeiter schießen werden. Wer soll Ihnen garantieren, dass keine Soldaten der kolumbianischen Armee in den Jacken des Roten Kreuzes stecken?

Für die befreiten prominenten Geiseln war der Trick mit dem IKRK-Enblem ein Segen, für die im Dschungel verbliebene anonyme Masse, die nicht die weltweite Prominenz einer Ingrid Betancourt besitzt, könnte dies zum Fluch werden. Schließlich befinden sich nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen in Kolumbien noch 3000 Menschen in der Gewalt verschiedener illegaler Gruppen.