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Friedensnobelpreisträger im Porträt: Juan Manuel Santos – vom Hardliner zu Kolumbiens Friedenspräsidenten

Privat spielt Juan Manuel Santos gern Poker, als Kolumbiens Präsident hat er viel riskiert: Sein Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla  lehnte das kolumbianische Volk zwar ab. Doch mit dem Friedensnobelpreis für Santos bekommt die Aussöhnung neuen Rückenwind.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos bekommt in diesem Jahr den Friedensnobelpreis

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos bekommt in diesem Jahr den Friedensnobelpreis

Auf der großen UN-Bühne wurde er schon gefeiert. Es gab donnernden Applaus, als Juan Manuel Santos bei der Generalversammlung am 23. September sagte: "Der letzte und älteste bewaffnete Konflikt in der westlichen Hemisphäre ist zu einem Ende gekommen." Drei Tage später wurde der Friedensvertrag mit der Farc-Guerilla im Beisein von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon unterzeichnet, dann kam aber statt fliegenden Friedenstauben Santos schwärzeste Stunde, der 2. Oktober: Völlig überraschend sagte das Volk in einem Referndum "No" zu dem Vertrag, der den 52 Jahren andauernden blutigen Konflikt beenden sollte. Wenn auch mit 50,2 Prozent denkbar knapp.

Anruf für Friedensnobelpreisträger um 4 Uhr früh

Aber die niedrige Wahlbeteiligung von 37,4 Prozent zeigte auch, dass viele Kolumbianer dem Frieden noch nicht trauen. Santos' großes Verdienst ist jedoch seine Zähigkeit. Die Nachricht, dass er nun den Friedensnobelpreis zugeteilt bekommt, erreichte ihn im Schlaf - in Kolumbien war es zu der Zeit 4 Uhr morgens.

Der 65-Jährige, ein passionierter Pokerspieler, hatte zuletzt alles dem Ziel unterstellt, den seit über 50 Jahren andauernden Konflikt in Kolumbien beizulegen. Er gehöre einer Generation an, die nie im Frieden gelebt habe, sagt der Staatschef.

Santos studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität von Kansas in den USA und öffentliche Verwaltung in Harvard. Später stieg er in das Verlagsgeschäft seiner Familie ein, die lange die größte kolumbianische Tageszeitung "El Tiempo" kontrollierte. Er stammt aus einer der einflussreichsten Familien des Landes. Sein Großonkel Eduardo Santos war von 1938 bis 1942 Präsident Kolumbiens, sein Cousin Francisco Santos war Vizepräsident unter Álvaro Uribe. Auch sein eigener Cousin ist ein Gegner des Vertrages mit der Farc.

Gemeinsam mit Farc-Kommandeur Rodrigo "Timochenko" Londoño warf Santos sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um in dem südamerikanischen Land endlich Frieden zu schließen. Dass nur Santos den Preis bekommt, ist fast folgerichtig. Der Guerillakommandeur, der in Kolumbien Medizin studierte und sich in Moskau zum Kardiologen fortbildete, wurde wegen Mordes, Entführung und Rebellion in Abwesenheit zu fast 200 Jahren Haft verurteilt. Er verhandelte in Kuba mit den Unterhändlern der Regierung den Frieden - und hofft auf Milde, um in Kolumbien ein politisches Projekt starten zu können. Das Bild vom Handschlag zwischen ihm und Santos im weißen Hemd ging um die Welt.

Unter der Ägide von Kubas Präsident Raul Castro (M.) schlossen Kolumbiens Staatschef Manuel Santos (l.) und der Farc-Rebellenführer Rodrigo "Timochenko" Londoño am 23. Juni ein Waffenstillstandsabkommen auf der Karibikinsel

Unter der Ägide von Kubas Präsident Raul Castro (M.) schlossen Kolumbiens Staatschef Manuel Santos (l.) und der Farc-Rebellenführer Rodrigo "Timochenko" Londoño am 23. Juni ein Waffenstillstandsabkommen auf der Karibikinsel

Bei den Präsidentenwahl 2010 präsentierte sich Santos als Erbe seines politischen Ziehvaters, Ex-Präsident Álvaro Uribe - unter Uribe war Santos Verteidigungsminister und setzte auf den militärischen Sieg über die Farc durch Bomben und Bodenoffensiven. 2008 wurde bei einem Luftangriff einer der führenden Guerilleros, Raúl Reyes, getötet, zudem gelang die Befreiung der Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Aber letztlich zeigte sich, der Kampf ist militärisch nicht zu gewinnen - zudem steckte die Regierung jährlich rund drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in den Kampf gegen die Guerilla.

Und dieses Land hat so großes Potenzial: Der Frieden könnte jedes Jahr Millionen von Touristen ins Land bringen. Ökonomen rechnen mit bis zu drei Prozent mehr Wirtschaftswachstum pro Jahr, da Unternehmen auch in bisherigen Kriegsregionen produzieren könnten. Schon durch die Verhandlungen mit der Farc und den im Juni beschlossenen Waffenstillstand war der Konflikt zuletzt in seine bisher ruhigste Phase getreten. Der Falke Santos wurde zum Friedenspräsidenten. Laut einer Analyse des Instituts CERAC gab es seit Mitte 2015 nur vier Tote bei Kampfhandlungen durch die Farc.

Als Santos 2012 die Friedensgespräche einleitete, überwarf er sich mit dem konservativen Hardliner Uribe, der zum erbitterten Gegner des Abkommens wurde - und mit seiner "No"-Kampagne siegte.

Wird der Friedensprozess nun doch noch ein Erfolg?

Kann Santos den Vertrag so neu verhandeln, dass der Rückhalt größer wird? Die Forderungen des Uribe-Lagers: Farc-Führer, denen Verbrechen nachgewiesen werden, sollen nicht bei Wahlen antreten dürfen. Die Farc will eine politische Partei gründen - umstritten ist, dass den Ex-Guerilleros bis zu zehn Kongresssitze garantiert werden sollen. Und dass es auch für schwere Verbrechen nur maximal acht Jahre Haft geben soll, die zum Teil auch im Hausarrest abgesessen werden könnten. Das Momentum ist bei Santos - denn die Farc sind militärisch geschwächt und kampfesmüde, der Waffenstillstand gilt vorerst weiter. Doch der Frieden ist fragil - trotz des Friedensnobelpreises. Mit der Auszeichnung will das Komitee Santos und alle anderen Parteien ermutigen, den Friedensprozess fortzusetzen - denn mit dem Nein hätten die Kolumbianer nicht den Frieden abgelehnt, sondern "ein spezifisches Friedensabkommen", so das Komitee. 

Die Farc reagierte verhalten auf den Friedensnobelpreis für Santos. "Den einzigen Preis, den wir anstreben, ist der Frieden mit sozialer Gerechtigkeit ohne Paramilitarismus, ohne Vergeltung und Lügen", schrieb Farc-Kommandeur Londoño am Freitag auf Twitter.

Santos‘ Gegner stellen den kolumbianischen Präsidenten gern als "kalt und berechnend" dar. Darauf entgegnete der Bewunderer von Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Nelson Mandela einmal in einem AFP-Interview: "Ich will keinen Beifall, ich will nur das Richtige tun." Beifall bekam er trotzdem - diesmal aus Oslo.


anb / DPA / AFP