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Ein Bild und seine Geschichte: Die Tragödie von Wembley

"Uwe Seeler verließ 1966 den Rasen von Wembley als ein gebrochener Mann!", heißt das Bild von Deutschlands Torjäger. Allerdings streitet die Fußballwissenschaft immer noch, ob die Aufnahme denn tatsächlich nach Spielende entstand. Fakt ist, dass Deutschland das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft gegen England verloren hat. Und dass der Fotograf später Teil einer ganz anderen Tragödie wurde.

Von Sophie Albers

Der Mann ist am Ende. So sieht es jedenfalls aus. Ein Fußballer verlässt das Stadion. Begleitet und gestützt lässt er die gefüllten Ränge hinter sich, trottet an der Blaskapelle vorbei, die das Grün nach dem Spiel füllt. Unendlich schwer scheint das linke Bein, das er zum nächsten Schritt vom Rasen nachzieht. Die Arme hängen, so auch der Kopf. "Uwe Seeler verließ 1966 den Rasen von Wembley als ein gebrochener Mann", hieß es über das Foto von Sven Simon. Doch war angeblich alles ganz anders. So wie auch mit dem Tor, das Deutschlands Titelträume zerstörte.

Seeler selbst - Hamburger Jung, deutscher Torjäger und viermaliger WM-Teilnehmer - hat den Zeitpunkt korrigiert, zu dem das berühmte Foto entstand. Es sei zur Halbzeit gewesen. Denn am Ende habe keine Blaskapelle gespielt, und - so wird kolportiert - er habe übrigens nur seine Schnürsenkel kontrollieren wollen. Vielleicht hatte der Fußballer aber auch eine Vorahnung, dass dieses Spiel gegen England im Wembley-Stadion böse enden würden. Tat es denn auch: 2:4.

In der 101. Minute beim Spielstand 2:2 hatte Geoff Hurst den Ball an die Unterkante der Torlatte gedroschen, der prallte senkrecht nach unten und wurde von Wolfgang Weber ins Toraus geköpft. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst und Linienrichter Tofik Bachramow zählten es als Tor. Hurst schoss in der Schlussminute auch noch das 4:2.

Ein- und Ausfallswinkel

Wegen dieses "Wembley-Tors" wurden Ehen geschieden und Leute verprügelt, zig Verschwörungstheorien ranken sich um Ein- und Ausfallwinkel. Doch England wurde erstmals Weltmeister. "Ich stand im Strafraum direkt neben Wolfgang Weber und konnte sehen, dass der Ball nicht drin war", schrieb Seeler später in seiner Biografie. Er bedauere, dass er seine Karriere ohne WM-Titel beenden musste.

Der Fotograf, der das Bild schoss, das zum Sportfoto des Jahrhunderts gewählt wurde, nannte sich Sven Simon, war aber der Sohn des Zeitungsverlegers Axel Springer. Seeler hatte nicht bemerkt, dass Simon ihn fotografierte. "Hinter mir spielte die Kapelle, wir mussten zur Queen, aber ich habe in diesem Moment schon an die nächste Weltmeisterschaft gedacht." Für Selbstmitleid hat er keinen Platz: "Erst in der Niederlage zeigt sich der wahre Sportsmann", so Seeler. Trotzdem bekam er einen Abzug geschenkt.

Gedenktafel im Park

Die Geschichte des Fotografen und Journalisten Axel Springer Junior endete 14 Jahre später tragisch. Im Alter von 38 Jahren beging er Selbstmord und zwar genau am Tag der Beerdigung des Studentenführers Rudi Dutschke. Dutschkes Witwe schrieb später in der Biografie "Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben", dass Simon gewusst habe, welche Wirkung sein Freitod an diesem Tag haben müsse.

Die "Welt am Sonntag", deren Chefredakteur Simon/ Springer gewesen war, stiftete den "Sven Simon Preis" für Natur- und Sportfotografie, sein Vater den "Sven Simon Park" in Falkenstein. "Und durch dieses redet er noch/ wiewohl er gestorben ist", steht dort auf der Gedenktafel zu lesen. Was auch für das Foto gilt.