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Ein Bild und seine Geschichte: Ein ungleiches Paar

Mildtätiges Multitalent trifft besessen-genialen Eigenbrödler: 1954 porträtiert W. Eugene Smith, Pionier des Foto-Essays, den großen Missionar Albert Schweitzer. Im Herzen Afrikas entsteht eine Ikone des 20. Jahrhunderts - und Streit mit der "Life"-Redaktion in den USA.

Von Philipp Gülland

Ein Fanatiker, geradezu verrückt: W. Eugene Smith ist einer der ganz großen Bildjournalisten seiner Zeit, viele halten ihn auch für einen der ganz großen Spinner. Smith ist eigenwillig. Eine Diva, vielleicht schon ein Autist. Für ihn zählt nichts außer seiner Fotografie - oft arbeitet er tagelang an einem einzigen Abzug, treibt ihn bis zur Perfektion und verärgert seine ungeduldigen Auftraggeber. Dieser Mann lebt und atmet Fotografie, verbringt mehr Zeit im Studio und auf Reisen als mit seiner Familie. Oft arbeitet er mit Alkohol und Amphetaminen tagelang bis zur völligen Erschöpfung. 1950 wird er nach einem solchen Exzess von der Polizei aufgegriffen, erschöpft und nur in Boxershorts umherirrend. Smith ist ein wirres Genie, Paria und Pionier.

Geistesbrüder am Äquator

Auch Albert Schweitzer erscheint zuweilen besessen. Auch er ist ein Pionier. Seit über 40 Jahren betreibt der 79-Jährige im afrikanischen Lambaréné ein Missionskrankenhaus und leistet Entwicklungshilfe, später liegt er dort begraben. Jetzt, 1954, wird der Friedensnobelpreisträger für das amerikanische Magazin "Life" porträtiert. So begegnet der überzeugte Humanist Schweitzer dem fotografierenden Humanisten Smith - einem genialen Wirrkopf, der manchmal sechs Kameras gleichzeitig umhängen hat.

Smiths bekanntestes Bild des französischen Arztes ist zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre alt, aufgenommen 1949 im US-Bundesstaat Colorado. Es zeigt einen nachdenklichen Albert Schweitzer, nachdenklicher noch als auf den anderen Bildern: Vorne links in der querformatigen Aufnahme, den Blick gesenkt, die Haare von Wind zerzaust, die klobige Nase oben von einer Nickelbrille und unten durch einen massiven Schnäuzer eingerahmt, sinniert er über was auch immer. Ein ernster Mann, würdevoll gebeugt unter der Last seiner Aufgabe.

Vom Bild zur runden Geschichte

Fünf Jahre später bekommt die Ikone Gesellschaft. Smith dokumentiert die Arbeit des Missionars in einem einfühlsamen Fotoessay. Wochenlang begleitet er Schweitzers Alltag in Lambaréné: Untersuchungen und Operationen im Missionskrankenhaus, Leprakranke, ein Begräbnis, Verwaltungsarbeit, Schweitzer am Klavier, das Leben in dem kleinen afrikanischen Ort - ein umfassendes Porträt des humanistischen Pioniers. Mit seinem eigenwilligen Stil wird er die Reportagefotografie nachhaltig prägen: klar, nüchtern, beobachtend und doch voller Wärme, voller Leidenschaft - das Werk eines visuellen Fanatikers.

Von Kunst und Konsequenzen

Dieser visuelle Fanatiker will die Einmischung der "Life"-Redaktion nicht dulden. Seit gut zwei Jahren schwelt der Konflikt zwischen Ihm und den Blattmachern in New York. Nur sechs Aufträge hat er in dieser Zeit für das Magazin fotografiert, zuviel Zeit und Filmmaterial benötigt, hohe Kosten verursacht. Der Künstler W. Eugene Smith kann mit den Bedenken und Vorstellungen seiner Kollegen nur wenig anfangen. Er will seine Ästhetik nicht wirtschaftlichen Sachzwängen unterordnen. Beleidigt kehrt er "Life" den Rücken und schließt sich der Fotoagentur Magnum an, dort findet der kompromisslose Smith den zwanglosen Rahmen, den er benötigt.

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