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Jugendhilfe Mama, Papa, neun Geschwister – wie Familie Deutschmann im Kinderdorf den Neuanfang wagte

Neun Kinder stehen vor dem beleuchteten Kinderdorfhaus
Das Deutschmann-Domizil an der Ostsee: Neun Kinder – zwischen 7 und 13 Jahren alt – leben mit Nadine und Jörg Deutschmann im Kinderhaus Leuchtfeuer. Ihre Söhne Antony und Anakin haben in den sieben neuen Geschwistern inzwischen echte Freunde gefunden.
© Privatfoto Familie Deutschmann
Ein Paar, jung, glücklich, mit zwei Söhnen, gibt alles auf, um eine noch größere Familie zu werden. Die beiden kündigen Jobs und Wohnung und werden Kinderdorf-Eltern. Dann kommt die Pandemie. 2020 verlief für viele Menschen anders als erwartet, für die Deutschmanns aber ganz besonders. 

Nadine und Jörg Deutschmann hatten einen Plan für ihr Leben. Erst alleine, dann gemeinsam. Gute Jobs gehörten dazu, heiraten, eine Familie gründen. Der Plan ging auf. Aber irgendetwas fehlte. Gemeinsam wagten sie mit Mitte 30 den Neuanfang. Sie gaben ihre kleine Firma auf, ihre Wohnung, im Prinzip ihr ganzes bisheriges Leben. Und sie erzählten den beiden Söhnen von ihrem Plan, die eigene Familie zu vergrößern – als  Erzieher und Eltern in einem Albert-Schweitzer-Kinderdorf.

Die Deutschmanns machten einen neuen Plan: Abschied nehmen von Familie und Freunden, Umzugskisten packen, mit 34 und 37 Jahren in einen neuen Beruf starten, lernen, fremde Kinder zu lieben. Dann kam Corona. Als frisch gebackene Kinderdorfeltern mussten die Deutschmanns zu den selbst gewählten neuen Herausforderungen in ihrem Leben weitere meistern: Homeschooling und Pandemie-Alltag.

Dem stern haben sie in den vergangenen Monaten immer wieder aus ihrem Leben berichtet. Von den Glücksmomenten und den Tränen. Davon, wie es ist, im Corona-Jahr 2020 zu einer Großfamilie zusammenzuwachsen.

"Ich hab mich immer gefragt, ob mich das wirklich glücklich macht"

Jörg und Nadine Deutschmann, das funkte sofort. "Wir haben uns gesehen und es hat gepasst", sagt sie. "Nadine ist die Frau meines Lebens", sagt er. Dicht an dicht sitzen beide beim Skype-Gespräch vor der Kamera. Händchenhaltend. Sie schreiben einen Blog über ihr ungewöhnliches Familienleben, aber ein Interview geben, das ist neu.

Sie sind etwas nervös. Aber alles, was neu und unbekannt ist, ist gut. Das haben sie sich in den vergangenen drei Jahren immer wieder gesagt. "Wir wollen Mut machen", sagt Nadine Deutschmann. Dabei würde sie sich selbst nicht als mutig bezeichnen. Zumindest in ihrem alten Leben nicht. Da galt eher Kopf über Herz. Liebe auf den ersten Blick war Emotion genug, danach besannen sich die Finanzwirtin und der gelernte Landwirt und Bürokaufmann vor allem auf eine rationale Lebensplanung.

Auf das Kennenlernen 2007 folgte 2013 die Hochzeit. Auf den einjährigen Sohn, den Nadine Deutschmann mit in die Beziehung brachte, folgte ein kleiner Bruder. Sie zog aus dem Erzgebirge zu ihm in die Lutherstadt Wittenberg. Die Schwiegereltern wurden auch zu Arbeitgebern. Er übernahm die elterliche Autovermietung. Dann die Selbstständigkeit. Etwas solides. Die eigene Firma wurde aufgebaut. Mit aller Energie, die da war, aber auf Kosten des Familienlebens.

"Wir haben immer versucht, glücklich zu sein", sagt er. 
"Ich hab mich immer gefragt, ob mich das wirklich glücklich macht", sagt sie.

"Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Die Leere wird mit Sport und Ehrenamt gefüllt. Die Deutschmanns brennen für Handball. Der gemeinsame Sohn macht seine ersten Schritte in der Sporthalle und die Jungunternehmer beginnen in ihre spärlichen Freizeit eine Kindermannschaft zu trainieren. "Das hat uns so viel Freude bereitet, dass wir anfingen unser Leben um den Handball drumherum zu basteln"; erzählt Jörg Deutschmann. Die eigene Firma bleibt stabil, aber sie wächst nicht mehr, bei den Kindern in der Sporthalle ist das anders: jede Trainingsstunde bringt neue Erfolge, die Kleinen werden zu echten Sportlern und die Deutschmanns zu Bezugspersonen für die Kinder aus dem Ort. Was in den Köpfen zu reifen beginnt, wird im Familienurlaub 2016 ausgesprochen: "Wir wollen erfüllter leben. Wenn nicht jetzt, wann dann." Handballer-Familie.

Ein buntes Schild zeigt die Familie als Comicfiguren
Im Kinderdorf wurden die Deutschmanns mit einem bunten Schild an ihrem Haus begrüßt.
© Privatfoto Familie Deutschmann

Für Jörg Deutschmann fällt die Entscheidung schnell: "Ich bin ein extremer Bauchgefühlmensch", sagt er. Manchmal müsse man eben von vorne anfangen und Umwege in Kauf nehmen, für das richtige Ziel im Leben. Seine Frau erinnert sich an ihren ersten Berufswunsch: "Ich wollte schon direkt nach der Schule Erzieherin werden." Die Reaktion ihrer Eltern: "Da verdienste kein Geld." Auch er spielte mit dem Gedanken an eine pädagogische Ausbildung. Die Reaktion seiner Eltern: "Das ist ja ein Frauenberuf."

Erzieherausbildung mit Anfang 30

Erst Jahre später wird der alte Traum ausgekramt und gemeinsam in die Tat umgesetzt: Das Ehepaar Deutschmann startet mit Anfang 30 in die Erzieherausbildung. Oder anders gesagt: in eine ungewisse Zukunft mit hohen Gehaltseinbußen, hohem organisatorischen Aufwand und einem hohen Grad an Unverständnis beim Sachbearbeiter des örtlichen Arbeitsamtes. Die Ausbildung ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. In Berlin ist sie in Teilzeit möglich, die Schule allerdings privat, die Kosten für das Pendeln mit dem Zug sind hoch. Die Leidensbereitschaft der Deutschmanns auch. "Wir haben uns immer wieder gefragt: Was macht uns Spaß? Wovon träumen wir nachts? Wo sind unser Gedanken beim Aufwachen am Morgen?", sagt Nadine Deutschmann. Die Antwort auf alle Fragen: die Kinder.

Nadine und Jörg Deutschmann mit ihren Söhnen vor dem Ortsschild von Wolgast
Neues Leben an der Ostsee: Nadine und Jörg Deutschmann sind mit ihren Söhnen Antony und Anakin von der Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) ins 400 Kilometer entfernte Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern) gezogen.
© Privatfoto Familie Deutschmann

Aus den selbstständigen Unternehmern werden Auszubildende und Vorreiter – in einem Pilotprojekt, dass die Stadt Wittenberg startet. Sie lernen gemeinsam und arbeiten getrennt in verschiedenen Kindertagesstätten und Wohngruppen. Der nächste Wunsch wächst: auch im Job zusammen zu sein. Ein Ausflug in ein Alber-Schweitzer-Kinderdorf im Januar 2019 bringt alle Antworten. Und neue Fragen. Will die Familie für ihren großen Traum wirklich an die Ostsee ziehen? Wie reagieren die Kinder auf die Pläne? Können sie der Verantwortung gerecht werden? Der große Sohn sieht das alles etwas einfacher: "Super, dann habe ich noch mehr Geschwister."

Der Sommer und Herbst 2019 stehen im Zeichen großer Entscheidungen. Die Deutschmanns lernen für das Erzieher-Kolloquium, pendeln zwischen der Schule in Berlin, ihrem alten Leben in Sachsen-Anhalt und dem neuen in Mecklenburg-Vorpommern hin und her: Abschied nehmen und neu anfangen passiert irgendwie parallel. Viele Besuche, viele Gespräche, schon einmal zu Gast sein unterm Weihnachtsbaum in dem Kinderdorfhaus, das die Deutschmanns perspektivisch leiten sollen. Sich immer wieder prüfen: will ich das wirklich? Umzugskisten packen. Irgendwann steht fest: Am 1. Juni 2020 sollen Jörg, Nadine, Antony, Anakin und Familienhund Happy umziehen.

Aus zwei Kindern werden erst acht, dann neun

Und dann geht alles viel schneller. Die weltweite Pandemie trifft auch die Deutschmanns. Deutschland übersteht den ersten Lockdown. Die Sonne kommt raus. Die Familie zieht den Einzug vor, die Abschiedsparty fällt aus. Bereits im Mai hält der Lkw mit den Deutschmanns und ihrem ganzen Leben in Wolgast vor der Tür des Kinderdorfhauses. Die Kleinstadt liegt zu einem großen Teil westlich vor der Insel Usedom, ein kleiner Teil liegt auf der Insel. Das Haus ist nur 15 Minuten vom Ostseestrand entfernt..

Acht Kinder, die zumindest für eine gewisse Zeit nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, vergrößern die Deutschmanns zu einer XXL-Familie. Im Herbst kommt noch ein Junge im Teenageralter dazu. Neun Kinder, sechs Jahrgangsstufen, vier verschiedene Schulen und Corona sind auch für das ehemalige Unternehmerpaar eine Herausforderung: Alltag organisieren, Haushalt, Freizeitaktivitäten der Kinder und bald auch Homeschooling. Auf dieses Programm hat sie auch die Erzieherausbildung nicht vorbereitet. Nadine Deutschmann sagt trotzdem schon direkt nach dem Einzug, es sei ein Traum für sie in Erfüllung gegangen. Ein anstrengender Traum, der ihr alles abverlangt, aber ihr Traum vom Leben.

Die Deutschmanns sind nun zu elft. Sieben Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren leben mit ihnen im gleichen Haus. Die Deutschmanns und ihre beiden Söhne haben einen privaten Wohnbereich, teilen sonst aber ihr komplettes Leben mit bis dahin fremden Kindern. Die sagen Herr und Frau Deutschmann. Das schafft Respekt und Grenzen. Monate später entscheiden sich die Deutschmanns dann doch für das "Du": Sie sind nun Jörg und Nadine. Mama und Papa sind sie aber weiterhin nur für ihre Söhne Antony und Anakin. Die Mamas und Papas der Kinderdorf-Geschwister wohnen eben woanders. So einfach ist das.

"Haben wir genug an unsere eigenen Söhne gedacht?"

Und doch ist alles natürlich erstmal kompliziert. "Man macht seine Arbeit eben nicht mehr bis zum Zeitpunkt X und dann ist Feierabend", sagt Nadine Deutschmann. Und natürlich sind da auch Zweifel, Muttergefühle: Machen wir alles richtig? Muten wir den Jungs nicht zu viel zu? Haben wir in unserem Wunsch, fremden Kindern zu helfen, genügend an unsere eigene kleine Familie gedacht? Dass diese Fragen erlaubt sind, auch schon vorher im Bewerbungsprozess mit dem Kinderdorf, hätte sehr geholfen, sagt Jörg Deutschmann.

Motivation sei neben der pädagogischen Ausbildung die entscheidende Voraussetzung für Kinderdorf-Eltern, sagt auch Inka Peters. Die Geschäftsführerin des Albert-Schweitzer-Familienwerk Mecklenburg-Vorpommern spricht ungefiltert und mit großer Leidenschaft über ihre Arbeit, über die Höhen und die Tiefen. "Ein Paar zu finden, dass man als Kinderdorf-Eltern einstellt, ist, wie für sich selbst eine neue Familie auszusuchen", sagt Peters. Ob die Bewerber verheiratet sind, sei dabei übrigens genauso unwichtig, wie die Religionszugehörigkeit oder die Geschlechterkonstellation. Und übrigens könnten auch Singles im Kinderdorf anfangen.

Was stattdessen wichtig sei? "Wer Kinderdorf-Eltern werden möchte, sollte herzergreifend ehrlich sein", sagt Inka Peters. Wir fragen Bewerber ganz direkt, warum sie bereit sind, dieses verrückte Leben zu wählen. Ehrliche Antworten erhalte man durch Erfahrung und indem man sich viel Zeit lasse. Und trotzdem könne man scheitern. Peters erinnert sich an ein Paar um die 40, das mit großer Überzeugung, aber sehr romantischen Vorstellungen, an die neue Aufgabe herangegangen sei. "Da mussten wir damals nach 1,5 Jahren die Notbremse ziehen und uns hinterher eingestehen, dass wir uns vielleicht zu vorschnell entschieden hatten."

Die Kinder der Familie Deutschmann lernen gemeinsam am Esstisch
Neun Kinder, sechs verschiedene Klassenstufen, vier verschiedene Schulen: Im Pandemie-Alltag lernten auch die Deutschmann-Kinder viel gemeinsam zuhause. 
© Privatfoto Familie Deutschmann

Seitdem lässt sie sich nicht mehr treiben. Peters: "Das Kennenlernen mit den Deutschmanns hat fast ein Jahr gedauert."

Aus ihrer Sicht hat es sich gelohnt. Der Landesverband, den Inka Peters führt, ist klein. Drei Mini-Familien gehören dazu, dort leben die fremden Kinder mit im privaten Haushalt. Dazu kommen die vier Kinderdorfhausfamilien. Die Deutschmanns haben eine bestehende Gruppe eines Kinderdorfhauses übernommen. Sie waren die Neuen. Ein Schritt, der gut durchdacht sein will, sagt Inka Peters. "Es ist schließlich unsere Verantwortung, dass die Kinder nicht zweimal traumatisiert werden. Sie haben schon ihre Ursprungsfamilie verlassen."

"Kinderdorfeltern sind treue Seelen"

Dafür erfahren sie im Kinderdorf, wenn alles gut läuft, endlich Beständigkeit. "Kinderdorfeltern sind treue Seelen", sagt Peters. Die "Eltern", die als Erzieher fest beim Kinderdorf angestellt werden, bleiben teilweise Jahrzehnte dort. "Eine Familie hat das 17 Jahre lang gemacht." Manchmal wird die Aufgabe auch an die nächste Generation weitergegeben und die eigenen Kinder lassen sich ebenfalls zu Kinderdorfeltern ausbilden.

Häufig seien die Frauen die Treiber. Dass sich beide Elternteile für die pädagogische Ausbildung entschließen, wie bei den Deutschmanns, sei eher die Ausnahme, als die Regel. Manchmal arbeitet der Mann dann einfach als Hausmeister im Kinderdorf. Was die Arbeit aber immer sei: Berufung. Und eben kein 40-Stunden-Job.

Auf dem Weg kann sich eine Kinderdorffamilie verändern. Peters: "Unser eigentlicher Job ist es ja, Familien wieder zusammenzuführen." Wenn möglich, sei es immer das Ziel, dass Kinder zurück zu ihren leiblichen Eltern können. 

"Wir wollen Kinder groß machen", sagt Inka Peters.

Sie meint das vor allem im übertragenen Sinne. Wenn Kinder aber wirklich im Kinderdorf aufwachsen, können sie selbst mit ihrem 18.Geburtstag entscheiden, ob sie die unterstützende Hilfe noch benötigen, oder nicht. 

Staatliche Erziehung in diesem Kontext kostet viel Geld

Diese Form der Hilfe ist nicht unumstritten. "Staatliche Erziehung in diesem Kontext kostet viel Geld", sagt auch Inka Peters. Aber es lohne sich: "Das Wichtigste zum Aufwachsen für Kinder sind Beziehungen. Wenn sie durch das System gereicht werden, in Heimen und immer wechselnden Pflegefamilien unterkommen, sind sie gefühlt nie in Sicherheit." Kontinuität sei wichtiger denn je, gerade jetzt in der Pandemie, die alles in Frage stelle.

Darum würden Regeln und feste Abläufe auch im Kinderdorf geschätzt. Wenn man in Coronazeiten teilweise neun Kinder zuhause unterrichten muss, geht das nicht ohne eine kleine Glocke, feste Essenszeiten und Tischdienst, bei dem die Jungen und Mädchen auch mal um 6.10 Uhr am Morgen mit anpacken müssen. Unterstützung erhalten die Deutschmanns aber auch durch andere Erwachsene: Eine Erzieherin und eine junge Frau, die ihren Bundesfreiwilligendienst in der Kinderdorffamilie absolviert, haben die Familie im Sommer weiter vergrößert.

Jörg und Nadine mit ihren Zeugnissen
Jörg und Nadine Deutschmann haben die Ausbildung zum Erzieher und zur Erzieherin an einer privaten Schule in Berlin in Teilzeit absolviert - mit vielen Stunden Pendelei nach Wittenberg und an die Ostsee.
© Privatfoto Familie Deutschmann

Corona hat alles verändert, schon wieder

Die Hilfe ist wichtig für die Deutschmanns, denn neben Haushalt, Betreuung, Koordination von Bildungs- und Freizeitaktivitäten und der normalen Erziehung haben Kinderdorfeltern eine weitere Aufgabe: den Kontakt zu den Herkunftsfamilien der Kinder pflegen und viele Gespräch mit ihren leiblichen Eltern führen. "Die Kinder kommen aus ganz unterschiedlichen Situationen zu uns, aber viele haben eine extreme Geschichte", sagt Nadine Deutschmann. Der große Vorteil: die leiblichen Eltern wenden sich freiwillig an die die Jugendhilfe. Sie haben zu dem Zeitpunkt, wenn ihre Kinder zu den Deutschmanns kommen, verstanden, dass sie sich selbst nicht ausreichend kümmern können. In der Statistik werden die Kinderdörfer in die Kategorie "Heimerziehung" gezählt, aber viele der leiblichen Eltern haben nach wie vor das Sorgerecht für ihre Kinder. Eine Chance auf Wiedervereinigung. Und eine Herausforderung für Nadine und Jörg Deutschmann, gerade wenn sich die Regeln des Zusammenlebens im Kinderdorf stark von denen unterscheiden, die die Kinder kannten. 

Die Pandemie erschwert diesen Prozess. "Wir haben bedeutend mehr Verantwortung in der Coronazeit, denn Entscheidungen treffen wir nicht nur für uns und unsere Familie, sondern immer auch für die anderen Kinder und deren Familien", sagt Nadine Deutschmanns. Und, dass sie schnell aus dem ersten Lockdown gelernt haben.

"Wir waren für den Winter zum Glück gut gerüstet, da wir uns einen Hobbyraum eingerichtet haben. Wir haben jetzt eine Kreativecke, eine Bauecke, eine Tischtennisecke und Platz zum Toben und für Bewegung auch im Haus. Da kommt so schnell keine Langeweile auf", sagt der Vater der Großfamilie.

Ein Coronatest kurz vorm Weihnachtsfest

Kurz vor Weihnachten wird die Routine dann aber doch durchbrochen. Am Wochenende kam der Anruf von der Schule: Eine Lehrkraft ist an Corona erkrankt. Alle Schüler, die mit ihr Kontakt hatten, müssen in häusliche Quarantäne. Und zwar bis zum 24. Dezember. "Wie macht man das, bei so vielen Kindern im Haus?", fragen sich die Deutschmanns. Sie achten darauf, dass beim Spielen und abends auf dem Sofa erstmal nicht zu eng geknuddelt wird. Am nächsten Morgen geht es direkt zum Kinderarzt. Der macht einen Test.

Die Familie beschließt, die anderen Kinder, die als Nicht-Erstkontaktpersonen eigentlich ganz normal zur Schule hätten gehen dürfen, zu Hause zu behalten. Die Schulen der Kinder zeigen sich einverstanden, schließlich möchte niemand ein Risiko eingehen. Zum Teil bringen die Lehrer die Aufgaben, die nun zuhause bearbeitet werden sollen, persönlich vorbei und stecken sie in den Briefkasten des Kinderdorfhauses "Leuchtfeuer". "In einer Kinderdorffamilie hängen ja immer gleich noch viele andere Familien mit dran", sagt Nadine Deutschmann. Die der Kinderdorfkinder, der Mitarbeiter, Psychologen, Sozialarbeiter. Also lieber auf Nummer sicher gehen. Auch, damit Besuche bei den Herkunftsfamilien zum Fest möglich sind. Nur drei der Kinderdorfkinder haben in diesem Jahr im Kinderdorf Weihnachten gefeiert.

Die Familie Deutschmann hält ihre Eisbecher in die Kamera
Ausflug zur Eisdiele statt Ferien auf dem Schiff: Im Sommer musste auch die Kinderdorf-Großfamilie umplanen. 
© Privatfoto Familie Deutschmann

Familienrituale zu Weihnachten, ein "Positiv-Glas" zu Silvester

Der Coronatest ist am Ende negativ. Weihnachten wird wie überall ruhiger, aber kommt zum Glück für die Deutschmanns ohne Quarantäne aus. "Jörg und ich haben viele Familienrituale mitgebracht, die wie sehr genießen", sagt Nadine Deutschmann. Baumschmücken und Gans essen gehören dazu – in diesem Jahr wurde bestellt und geliefert, statt im Restaurant zu essen. An Silvester wird dann das "Positiv-Glas" geöffnet ein liebgewonnenes Ritual, dass die Deutschmanns durch das gesamte Jahr begleitet. "Jeder hat sonntags etwas Gutes aus der vorangegangene Woche aufgeschrieben und ins Glas gepackt. An Silvester ziehen wir abwechselnd einen Zettel und lesen vor, was wir für viele schöne Momente in diesem Jahr hatten" sagt Nadine Deutschmann. Außerdem auf dem Programm: "Jahresrückblick via Fotos auf dem Fernseher, Spiele spielen und zum Abendessen machen wir uns ein leckeres Buffet."

Mehr Büroarbeit, weniger Quality-Time zu Viert

Natürlich gibt es nach fast einem Jahr im Kinderdorf stellenweise auch ein wenig Ernüchterung. "Es ist irre viel Büro-Arbeit", sagt die Mutter. Abrechnungen, Anträge, Dienstpläne, Organisatorisches, Berichte, Schriftverkehr etc. benötigten doch mehr Zeit, als gedacht. Deutschmann: "Man muss halt alles, was man tut oder nicht tut, absprechen, abklären, rückversichern. Da sitzt man auch mal bis nachts, um alles zu schaffen, da ja tagsüber die Kinder da sind."

Überhaupt die Zeit. Die ist immer knapp. "Die private Zeit zu viert ist anders. Manchmal kommt sie etwas kurz, vor allem wenn Kollegen ausfallen", sagt Nadine Deutschmann. "Kinderdorf-Eltern sind nun mal immer da. Dafür nutzen wir die Zeit, die wir dann haben, intensiver als vorher."

Fazit: Wahnsinnig anstrengend, wahnsinnig schön

Das Fazit der Deutschmanns fällt trotzdem positiv aus: "Auf Grund unserer Erfahrungen mit eigenen Kindern, langjähriger Berufserfahrung in der freien Wirtschaft und mit unserer Selbständigkeit, haben wir vieles mitgebracht, um hier einen sehr guten Job machen zu können", sagt er. 

"Wir haben uns als Resümee für dieses Jahr einmal selbst auf die Schultern klopfen können. Wir haben viel geschafft, gemeistert, erlebt und erreicht. Die Kinder haben sich wahnsinnig toll entwickelt und wir sind sehr stolz darauf beobachten zu können, wie die Kinder mit uns wachsen", sagt sie.

Allen voran gilt der größte Stolz aber den beiden eigenen Söhnen. Sie hätten sich nicht einen Tag beschwert und irre schnell in das neue Leben verliebt. Die Deutschmanns sind alle ein Stück gewachsen, im Coronajahr 2020.


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