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Friedensnobelpreis: Nein, Obama hat's nicht verdient

stern-Autorin Katja Gloger hat an dieser Stelle argumentiert, warum Obama eine gute Wahl ist. stern-Autor Frank Ochmann widerspricht: Hoffnung und schöne Reden allein reichen nicht.

Der Oberbefehlshaber der größten Militärmacht der Erde und dazu eines Landes, das aktiv Krieg führt, erhält die höchste Auszeichnung, die auf diesem Planeten für die Förderung des Friedens vergeben wird. Wofür ist doch klar, oder nicht? stern-Autorin Katja Gloger weiß es und findet, das sei gut so.

Die von Obamas finsterem Vorgänger George W. Bush in den Irak geführten amerikanischen Truppen wurden bereits so gut wie vollständig abgezogen. Der Krieg in Afghanistan ist beendet, nachdem die Taliban vom großen Vorzug der Demokratie westlichen Stils für das Land überzeugt werden konnten. In Pakistan wird auch nicht mehr die Grenze verletzt und mit US-Waffen gebombt und geschossen. Dazu wurden Horrorgefängnisse wie die von Abu Ghraib, Bagram oder Guantanamo aufgelöst, nachdem internationale Menschenrechtsorganisationen vollen Zugang und Einblick in die Akten der vergangenen Jahre hatten.

Das ist an Ihnen alles vorübergegangen? Sorgen Sie sich nicht um Ihr Gedächtnis: So ist es ja gar nicht passiert! Sorgen Sie sich lieber um einen Preis, der offenbar nicht mehr auf dem Boden der Realität vergeben wird, sondern im Wolkenkuckucksheim grundloser Hoffnungen. War der Friedensnobelpreis einmal wie ein Ritterschlag für Menschlichkeit, der sich seinerseits mit wahren Lichtgestalten wie Albert Schweitzer oder Martin Luther King schmücken durfte, so ist sein einstiger Glanz durch etliche fragwürdige Entscheidungen matt geworden. Und daran hat sich auch dieses Jahr nichts geändert.

Was hat sich zum Besseren gewendet? Die Stimmung!

Hätte Obama auch nur die Hälfte dessen umgesetzt, was die nicht einmal vollständige Liste oben beinhaltet, dann wäre ihm der Nobelpreis für Frieden vielleicht sogar verdient zugesprochen worden. Selbst dann aber wäre die Frage geblieben, ob ein solcher goldener Bilanzstrich nach nur einem knappen Jahr im Amt nicht arg verfrüht wäre. Doch was hat sich seit dem 20. Januar, dem Tag der feierlich-fröhlichen Amtseinführung Obamas, tatsächlich zum Besseren gewendet? Ah ja, die Stimmung! Sonst noch was? Er ist für eine Welt ohne Atomwaffen! Das hatte allerdings auch schon Ronald Reagan gesagt.

Bislang zeichnet sich dieser Präsident durch das aus, was ihn wohl auch ins Weiße Haus gebracht hat: Wir können seinen töricht-tumben Vorgänger allmählich vergessen und kommen immer wieder in den Genuss rhetorisch glänzender Reden. Eine jagt die andere. Nur mit der Umsetzung der brillanten Visionen, die Obama geschliffen zu präsentieren weiß, hapert es. Übrigens auch bei der Klimapolitik, wie wir wissen, seit für die anstehende Kopenhagener Konferenz kein entsprechendes amerikanisches Gesetz mehr in Aussicht gestellt wird. Auch da gilt, was in den USA vor allem enttäuschte Linke beklagen und die "Süddeutsche Zeitung" schon nach den ersten hundert Tagen der neuen Ära titelte: "Wie Bush, nur netter".

Echte Vorbilder

Hätte es Alternativen gegeben? Natürlich. Wie wäre es denn zum Beispiel damit gewesen - aus aktuellem Anlass: Vor zwanzig Jahren gingen Tausende mit Kerzen in den Händen und Angst im Herzen auf die Straßen des "Ostblocks", um sich gegen Unrecht und Gewalt aufzulehnen. Mutig und friedlich zugleich. In Deutschland war das so, zuvor nicht weniger eindrucksvoll in Polen und schließlich in allen Ländern, die in einer vermeintlichen "Diktatur des Proletariats" geschunden worden waren. Nirgends floss Blut, als die Freiheit sich Bahn brach und - symbolisch für den gesamten Prozess des Umbruchs - die Berliner Mauer fiel.

Wäre das nicht ein alle vereinender Grund gewesen, herausragende Menschen aus all diesen Ländern stellvertretend für all die anderen auszuzeichnen? Hätte das nicht auch denen ungeheuren Mut machen können, die heute noch auf beinahe allen Kontinenten Angst haben müssen, ihren Mund aufzumachen und für ein bisschen mehr Selbstbestimmung in ihrem Leben zu kämpfen? Das wären jedenfalls Vorbilder gewesen, die Eindruck aufgrund ihrer Taten und nicht ihrer Reden gemacht hätten. Sie haben sich anders entschieden in Oslo. So hat Barack Obama vom Vergabekomitee immerhin eine einmalige Chance geboten bekommen, genau die innere Größe zu beweisen, die viele bei ihm schon entdeckt zu haben glauben: Er sollte auf den Preis mit Anstand und aus vielen guten Gründen verzichten! Die erste Stellungnahme aus dem Umfeld Obamas machte jede Hoffnung auf eine solche positive Überraschung allerdings sofort zunichte: "Wow!"

Literatur:

Bligh, M. C. & Kohles, J. C. 2009: The enduring allure of charisma: How Barack Obama won the historic 2008 presidential election, The Leadership Quarterly 20, 483-492

Cronin, T. E. 2009: “All the world's a stage…” acting and the art of political leadership, The Leadership Quarterly 19, 459–468

Lettow, P. 2005: Ronald Reagan and His Quest to Abolish Nuclear Weapons, New York: Random House

The Norwegian Nobel Committee 2009: The Nobel Peace Prize for 2009, Pressemitteilung vom 9.10.

Wernicke, C. 2009: Wie Bush, nur netter, Süddeutsche Zeitung vom 18.4., S. 9