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Friedensnobelpreis: Hat Obama ihn verdient?

Obama gilt als Polit-Messias, er hat die Stimmung in der Welt gewendet. Aber rechtfertigt das den Nobelpreis? Ja, findet stern-Autorin Katja Gloger. Sein Heilsversprechen muss er dennoch einlösen.

Man gönnt's ihm ja - aber verblüfft ist man schon. Jetzt schon? Gerade mal zehn Monate ist der Mann im Amt. Und vor allem: wofür? Musste man sich bislang als Staatsmann ordentlich für den Weltfrieden abgearbeitet haben - wie quälte sich etwa Michail Gorbatschow mit seiner Perestrojka - um für den Preis aller Friedenspreise ernsthaft in Betracht gezogen zu werden, kriegt ER ihn schon mal vorab. Als Vorschuss sozusagen. Als eine Art Friedensdividende. Dabei führt Barack Obama Krieg, Zehntausende Soldaten schickt er nach Afghanistan.

Kriegt da jetzt einer etwa den Friedensnobelpreis, weil er so schöne Reden zu wichtigen Themen halten kann? Weil er Menschen überall in der Welt zu Tränen rührt? Weil man sich nach jeder seiner Reden fest vornimmt, ein besserer Mensch zu werden, wenigstens eine Weile lang? Denn selten hat ein Politiker die Welt so verzaubert wie Barack Obama. Selten haben sich Sehnsüchte, Hoffnungen von Menschen überall in der Welt so gespiegelt wie in diesem 48-jährigen Mann.

Hat Barack Obama den Friedensnobelpreis verdient?

Ein moralischer Führungsanspruch

Vielleicht wäre allein das schon einen Preis wert - doch mit Barack Obama zeichnet das Nobelpreiskomitee Amerikas Neuanfang aus, seine Rückkehr in die Weltgemeinschaft. Der Preis symbolisiert das endgültige Ende der dunklen Ära Bush, der arroganten Alleingänge, einer Weltsicht, die nur Freund oder Feind kennt und sich eine "Achse des Bösen" zum politischen Koordinatensystem erhebt. Mit diesem Preis soll das gute Amerika geehrt werden - eine Supermacht, die sich auf ihre demokratischen Werte besinnt. Ebenso idealistisch wie pragmatisch und tolerant.

Vor allem aber hat Barack Obama einen moralischen Führungsanspruch für Amerika formuliert, die letzte verbleibende Supermacht. Er setzt auf Soft power - die Kraft der klassischen Diplomatie, die Macht des guten Vorbildes, des gegenseitigen Respekts. Dazu gehört auch die mühsame Arbeit in internationalen Institutionen - wie den Vereinten Nationen. Diesen moralischen Führungsanspruch formulierte Obama mit seinen Reden in Kairo und Prag, seinem Versöhnungsangebot an die Moslems, seine Vision einer multipolaren, atomwaffenfreien Welt. Immerhin: seitdem verhandeln Russland und die USA wieder. Denn Obamas Amerika möchte man wieder zuhören.

Jetzt ist er im Polit-Olymp

Der Preis katapultiert Obama endgültig in den Polit-Olymp, ein Präsident der Superlative. Dafür wird er Lob bekommen, sich aber auch Spott einhandeln: Denn zuhause landet Barack Obama gerade ziemlich unsanft in der Realität. Es will nicht klappen mit wichtigen Reformprojekten, das Land ist so hoch verschuldet wie noch nie in der Geschichte, über die Strategie für Afghanistan tobt offener Streit. Den luftigen Versprechen sollen endlich Taten folgen, fordern seine Kritiker. Er muss bald Ergebnisse liefern. Sonst schwinden Charisma und Unterstützung rasch.

So ist dieser Preis auch eine Mahnung an all' die anderen in der so beschworenen multipolaren Welt: Amerika und Barack Obama, sie haben die Hand ausgestreckt. Jetzt müssen die anderen sie ergreifen: allen voran der Iran, offenbar auf dem Weg zur Nuklearmacht. Die Atommacht Nordkorea. Israel und Palästina und vielleicht auch die Taliban in Afghanistan. Auch sie müssen bald Ergebnisse liefern. Denn wahr ist auch: Im Zweifel wird Amerika seine Interessen verteidigen. Kühl und konsequent. Falls nötig, auch militärisch. Im Kern ist Barack Obama ein knallharter Realpolitiker.

Der Preis - ein Vorschuss auf die Zukunft. Aber heute ist erst einmal ein guter Tag für Amerika. Glückwunsch, Mr. President!