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Ein Bild und seine Geschichte: Woodstock und das Wesen der Geschichte

Es ist das Bild für eine ganze Generation: Blumenkinder in inniger Umarmung beim Woodstock-Festival, dem Ort der völligen Verschmelzung von Pop und Politik. Dabei wollte Fotograf Burk Uzzle doch eigentlich nur die Musik genießen und ein bisschen gegen den Vietnamkrieg protestieren.

Von Sophie Albers

Das Paar steht an einem Hang. Ein Mann mit dunklen Locken hat eine Decke um die Frau geschlungen, die er in seinen Armen hält. Sie trägt eine Janis-Joplin-Brille und schmiegt sich mit ihren langen Haaren an seine Brust. Zu Füßen der Verliebten liegen Festivalbesucher in Schlafsäcken, verstreuter Müll, ein Schmetterlingdrache schwebt vor der Kulisse einer dunstigen Landschaft mit Bäumen im Hintergrund. Es ist August, der Sommer 1969, die USA kämpfen in Vietnam und landen auf dem Mond, während die "Drei Tage Frieden und Musik" im US-Bundesstaat New York als das Flowerpower-Festival von Woodstock Musikgeschichte schreiben.

Nur selten fühlt man die Geschichte, sollte man daneben stehen, wenn sie gerade passiert, doch das Bild von Nick und Bobbi Ercoline, die übrigens noch immer verheiratet sind, vermittelt zumindest ein Gefühl davon, wie es sich angefühlt haben könnte. Die freie Liebe im Gras, die Blumen im Haar und ein bisschen Revolution in der Luft. Nur der verschlammte Müll sieht genauso aus wie bei Rock am Ring.

Die ganze Zeit nüchtern

"Es hat nur ein paar Sekunden gedauert", erzählt Fotograf Burk Uzzle später über die Entstehung des Bildes, das zu einem der bekanntesten Schallplattencover wurde, denn es schmückt den "Woodstock"-Soundtrack. Dabei hatte er eigentlich gar keine Fotos machen wollen: "Ich wollte nach Woodstock, um zu Woodstock zu gehen", sagte der Magnum-Fotograf im Interview mit "Rezoom". "Also habe ich meine Frau und meine zwei Söhne genommen und bin die ganze Zeit rumgelaufen. Ich war die ganze Zeit nüchtern. Ich war wahrscheinlich die einzige Person, die sehen konnte, was ein paar Meter weiter vor ihren Füßen passiert."

Und der damals 31-jährige Uzzle hat genau hingesehen: "Schon am ersten Tag ging es los, da haben die Leute sich ausgezogen". Da sei er zur Bühne gegangen und habe seinen Fotografen-Kollegen gesagt, dass die "wunderbaren Dinge" woanders passieren. "Aber die meinten nur: 'Nein ich muss hierbleiben, um dieses Bild von Hendrix zu schießen'." Also habe er sich ein paar Filmrollen geliehen und sei weitergezogen.

32 Bands sind vom 15. bis zum 18. August auf dem Farmgelände 150 Kilometer von New York City aufgetreten. Anstatt der erwarteten 60.000 Zuschauer kamen rund eine Million. Joan Baez sang, Hendrix schrottete seine Gitarre, The Grateful Dead, Santana, Sly and the Family Stone und auch The Who stiegen auf die Bühne. Während des berühmten Nachmittagsauftritts von Jefferson Airplane habe er schließlich Nick und Bobbi Ercoline entdeckt, erzählt Uzzle weiter. "Ich bin vorbei gegangen, und dieses eine Paar stand da und umarmte sich. Da habe ich ein paar Bilder gemacht."

Das Wesen der Geschichte

Damit beschreibt der Mann aus North Carolina das Wesen der Geschichte ganz gut: Man geht vorbei, macht zufällig ein paar Bilder, und schon findet man sich in der Geschichtsschreibung wieder, weil man den entscheidenden Augenblick eingefangen hat. "In dem Moment, an dem Ort, wenn das Gewöhnliche episch wird, bin ich glücklich, am Leben zu sein, meine Kamera dabei zu haben und zu sehen", hat Uzzle einmal über seine Arbeit gesagt.

Doch gehört es auch zum Wesen der Geschichte, dass sie immer weiter geht. So hat Uzzle zwanzig Jahre nach Woodstock erfahren, dass die Ercolines die auf dem Bild verewigte Decke weggeschmissen haben. Sie habe sich nämlich mittlerweile in ihre Bestandteile aufgelöst.

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