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Fotografie: Peter Lindbergh: Invasion

Himmel nochmal, die Außerirdischen kommen. Starfotograf Peter Lindbergh spielt Hollywood: Mit Models, Schauspielern und Spezialeffekten inszenierte er eine aufwendige Fotostory.

Chaos in Downtown Los Angeles, Autos stehen quer, Rauchschwaden wabern in der Dunkelheit - und über der Szenerie ein überirdisches Licht. Mit offenem Mund, die Augen vor Staunen aufgerissen, starrt eine junge Frau aus dem hinteren Autofenster zum Himmel. Ihre männlichen Begleiter ducken sich ängstlich im Fonds des Wagens. Doch im Gesicht des Mädchens ist keine Spur von Furcht. Ganz im Gegenteil. Es spiegelt Neugier, Faszination, das sinnliche Begehren, dieses unbekannte Etwas zu ergründen.

Peter Lindbergh hat dieses Spektakel als Bilderserie für die italienische »Vogue« inszeniert. Ein Science-Fiction-Thriller auf Fotopapier, der 120.000 Dollar gekostet hat für Kräne, Scheinwerfer, Heißluftgebläse. »Ein Riesenspaß«, sagt er. Die Inspiration kam von einem Zeitungsartikel über Ufos, den er im Wartezimmer seines Zahnarzts entdeckt hatte

Ein Model muss Lindbergh inspirieren

Lindbergh, der »Poet des Glamours«, ist ein Geschichtenerzähler, ein Regisseur der Emotionen. In den Hauptrollen: Frauen. Schöne Frauen, starke Frauen. Persönlichkeiten. Zart und zornig, kraftvoll und fragil, geradlinig und verwirrend, emanzipiert und sinnlich. Für Lindbergh ist ein Model dann gut, »wenn es mich inspiriert«. Selbst legendäre Fashion-Zicken haben darum gewetteifert, diesem Mann als Quelle der Eingebung dienen zu dürfen. Weil er es schafft, hinter Styling und Make-up etwas durchscheinen zu lassen. Etwas, das man Seele nennen könnte.

Ein Pariser Stadtpalais aus dem 16. Jahrhundert im Herzen von Saint Germain. Neben dem Klingelknopf klebt etwas schief ein unscheinbares schwarzes Plastik-Prägeband mit dem eingestanzten Namen »Lindbergh«.

Mit seinem Ruhrpott-Sabbel-Charme schafft es der Duisburger bereits bei der ersten Begegnung, dass man sich inmitten dieser einschüchternd herrschaftlichen Räume wohlfühlt. Für dieses Talent, Menschen »aufzutauen«, ist Peter Lindbergh berühmt. Die Schauspielerin Isabella Rossellini teilt diese beglückende Erfahrung mit allen ihren Kolleginnen, wenn sie emphatisch verkündet: »Peter gibt mir Selbstvertrauen und die totale Freiheit, so zu sein, wie ich bin.« Der Model-Dompteur selbst sagt ganz uneitel: »Wenn man jemanden mag, kann man alles von ihm kriegen. Dann machen selbst die schwierigsten Drama-Queens die verrücktesten Sachen mit.«

In einem Kokon aus wuseliger Behaglichkeit

Früher saß er in Unterhosen mit Naomi Campbell am Frühstückstisch, und Tatjana Patitz kochte Kaffee. Der wuchtige Mann in Kakhi-Hosen und einem Hemd, das ein wenig überm Bauch spannt, hat sich eingerichtet in einem Kokon aus wuseliger Behaglichkeit. Die drei halbwüchsigen Söhne aus der geschiedenen Ehe gehen ein und aus, im Schlafzimmer nebenan schlummert Nesthäkchen Joseph, vier Monate alt. Lebensgefährtin Petra, 35, ist nicht nur »Traumfrau« und Mutter seines jüngsten Sohnes, sondern auch seine Assistentin. Seit Lindbergh die Kölnerin bei Freunden in Goa kennen lernte, wo sie als Hotelköchin gearbeitet hat, macht der Meister keinen Schritt mehr ohne die zierliche blonde Frau. Ganz offenbar erfüllt sie seine Sehnsucht nach etwas Realität in der Glitzer- und Fassadenwelt. »Sie ist so unberührt von diesem ganzen Kram«, schwärmt der einstige Womanizer, »in anderthalb Jahren waren wir nur zwei Tage getrennt.«

Sogar Sharon Stone bedankt sich

An den Wänden hängen Linda und Christy und Amber und all die anderen Super-Beautys. Und überall kleben Dankesschreiben von Topdesignern, Zettel, Faxe und Briefchen von glücklichen Kunden. Darunter ein Schreiben von Sharon Stone, in dem sie ihre Freude darüber ausdrückt, dass der verehrte Peter sein »Talent mit mir geteilt hat«.

Donna Karan schwört auf den Deutschen

Seit er im stern 1978 seine erste große Modestrecke veröffentlichte, rennt ihm die Créme der internationalen Designer die Tür ein. Daneben dreht er Werbespots, Musikvideos und Dokumentationen. US-Designerin Karan schwört auf den Deutschen, »weil seine Bilder immer mehr sind als reine Modefotos«. Und weil es niemanden auf der Welt gebe, mit dem die Zusammenarbeit mehr Spaß macht. »Peter ist warmherzig und lustig, man spürt, dass er die Menschen mag und seine Arbeit leidenschaftlich liebt.«

Dass der Vielgeliebte - ganz egal, was passiert - nie ausrastet, hat vielleicht mit den täglichen Meditationssitzungen zu tun. Vielleicht auch mit seinem festen Glauben, »dass alle Dinge, die du verursachst, irgendwie zu dir zurückkommen«. Hat der Mann denn gar keine Selbstzweifel, keine Nachtseiten? Irgendwo müssen sie doch sein, die Abgründe, die Brüche, die Wut. Doch Lindbergh lümmelt ganz entspannt in den Polstern seines Samtsofas, ein Buddha-Lächeln auf den Lippen. Es tue ihm ehrlich leid, dass da nix ist mit gebeutelter Seele und so. Nur »wenn mit meinen Jungs was falsch läuft«, brächte ihn das vielleicht ins Schlingern. »Aber sonst gar nichts«, er schaut mitleidig, »ich schwöre.«

»Klingt wie ein Kalauer«

Der einzige Bruch in seinem Leben sei gewesen, als er seinerzeit die Kunstschule hinschmiss und doch nicht Maler wurde. »Das war auch die Zeit, als ich mit Drogen rumexperimentiert habe. Ich habe immer versucht, diese Halluzinationen rüberzuholen ins Leben, wollte die Erfahrungen festhalten. Aber nur einmal ist es mir gelungen, etwas aufzuschreiben. Es war der Satz: Ich bin alles. Klingt wie ein Kalauer.«

Nicht nur Menschenfreund, auch Geschäftsmann

Doch Lindbergh ist nicht nur Menschenfreund und spiritueller Geist. Er ist auch clever. Ein Geschäftsmann. »Die Kunden wissen«, erklärt er, »dass ich nie etwas machen würde, was ihre Marke beschädigt. Models, die in teuren Klamotten in einer Öllache auf dem Boden rumkriechen, sind eben nicht jedermanns Sache. Viele Kollegen raffen das nicht. Ich sehe mich als jemand, der die Kohlen reinschaufelt, damit der Luxusliner fährt und alle Lichter angehen. Außerdem ist die kreative Herausforderung größer, je enger die Vorgaben sind. Mich stört das überhaupt nicht - und es ist schön zum Geldverdienen.«

»Wir machen es uns gern nett«

Was macht er mit seinem schön verdienten Geld? Er leistet sich zum Beispiel einen Trupp von Mitarbeitern, darunter einen Chauffeur - und natürlich eine gute Ausbildung für die Kinder. »Petra und ich machen es uns auch gern ein bisschen nett. Wir fahren oft weg.« Miami, Ibiza, Bahamas, mal ein Wochenende im Ritz, »all die schönen Plätzchen«. Sich Zeit nehmen für Familie und Freunde, darum geht es ihm. Deshalb sitzt er am liebsten in immer demselben »kleinen Schnubbel-Restaurant« gleich um die Ecke, »in dem man sich fühlt wie bei Muttern«. Deshalb fährt er nach Bilbao zur Ausstellungseröffnung seines Freundes Wim Wenders, der für ihn eine Art Zwillingsseele ist, »wie ein verlorener Bruder, den ich wiedergefunden habe«. Deshalb düst er nach Südfrankreich zum Geburtstag von Tina Turner, »die schon ewig ein Schatz von mir ist«.

Auch wenn sich Lindbergh seit Jahren auf der Speckseite des Lebens tummelt, trägt er immer noch etwas von der fröhlichen Naivität des Ruhrpottjungen in sich. Geboren wurde der Mann mit dem gnadenlos sonnigen Gemüt im Kriegswinter 1944 im Osten Deutschlands, nahe der polnischen Grenze. Brodbeck hieß er damals noch. Die fünfköpfige Familie, ausgebombt, auf der Flucht, fand zunächst Unterschlupf auf dem Bauernhof eines Onkels und zog später in ein winziges Reihenhaus in Duisburg-Rheinhausen, wo sich jeden Sonntag die sieben Schwestern des Vaters zum Kaffeeklatsch um den Küchentisch zwängten. Schon damals entwickelte Peterchen, wie ihn die Tanten liebevoll nannten, das Talent, unbekümmert die ganze Welt zu umarmen und Unerfreuliches auszublenden. »Wir hatten nie Geld zu Hause, kamen gerade so über die Runden. Aber ich fand immer alles wunderbar, für mich gab es keine Probleme.« Pause. Dann schiebt er hinterher: »Oder ich war zu ignorant.«

»Karrierestart«: als Dekorateur bei Karstadt

Als die Eltern ihn aufs Gymnasium schicken, »damit was Anständiges wird aus mir«, tritt er in den Hausaufgabenstreik. So lange, bis er wieder zurück darf zu seinen Freunden von der Volksschule. Nach der achten Klasse bewirbt er sich als Dekorateur bei Karstadt, turnt drei Jahre auf Strümpfen durch die Schaufenster. Dann verliert er den Spaß. Um dem Wehrdienst zu entgehen, macht er sich schließlich auf und davon. In die Schweiz, nach Südfrankreich, dann nach Berlin, bevor er sich Ende der sechziger Jahre an der Werkkunstschule in Krefeld einschreibt.

Der Name kommt aus dem Telefonbuch

Dass er Assistent eines Werbefotografen wird, ist eher Zufall. »Er war ein Freund von mir. Ich hatte keine Ahnung von Fotografie, aber nach knapp zwei Jahren dachte ich, so, jetzt biste auch Fotograf, und habe mich selbstständig gemacht.« Da ist er 25. Mit gepumpten 15.000 Mark und einem neuen Namen, den er aus dem Telefonbuch fischt, beginnt der Aufstieg. Warum »Lindbergh«? Ganz einfach, »der Name hat mir gefallen. Er klingt gut. Auch international.« Und das ist bis heute so geblieben.

Irmgard Hochreither

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