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Wer hat hier die Hosen an?

Männliche wie weibliche Geschlechteridentitäten sind nur soziale Konstruktionen: In seiner Serie "Das Album" verschafft der Fotokünstler Torsten Solin der Gender-Theorie einen künstlerischen Ausdruck.

Die Freundinnen

Die Freundinnen

Erinnert sich noch jemand an die Musikvideos und Plattencover von Aphex Twin aus den späten 90er Jahren? Der Elektronik-Musiker spielte damals gekonnt mit Geschlechterklischees und verstörte mit Videos, in denen er sein Gesicht auf Mädchenkörper montierte, wie in "Come to Daddy". In "Windowlicker", einer bösartigen Persiflage auf die großkotzigen HipHop-Videos jener Jahre, inszeniert er sich in vielen Posen, darunter als attraktive Frau im sexy weißen Kleid - und schuf damit eine visuelle Darstellung der in den Gender Studies formulierten Theorien der sozialen Konstruktion des Geschlechts. Richard D. James, so der bürgerliche Name von Aphex Twin, verkörperte den Gender Trouble wie kein Zweiter.

Torsten Solin manipuliert und montiert

Genau an der Stelle setzt auch der Fotograf Torsten Solin an. Sein Werk dreht sich um die Themen Identität und Selbstinszenierung. Unter dem Titel "Das Album" zeigt die Berliner Galerie Hiltawsky ab dem 13. Mai 2016 neue Arbeiten des 1972 in Jena geborenen Fotokünstlers. Darin bedient sich Solin ähnlich wie Aphex Twin in seinen Videos des künstlerischen Mittels der Manipulation: Er montiert sein Gesicht auf alte Familienbilder, daher der Titel "Das Album". Damit erreicht er einen Moment der Irritation, scheinbar vertraute Motive freundlich lächelnder Schulmädchen entfalten auf einmal eine Schockwirkung. Man beginnt als Betrachter, gängige Inszenierungen sowie geschlechtsspezifische Identitäten zu hinterfragen.

Vor Solins manipulativem Eingriff ist auf den alten Fotografien niemand sicher - nicht einmal Puppen oder Katzen. So entfaltet sich auch eine weitere, humoristische Ebene, die das Werk auch Menschen zugänglich macht, die mit dem ganzen Theorie-Kram nichts am Hut haben.

Die Ausstellung "Torsten Solin: Das Album" war bis zum 2. Juli 2016 in der galerie hiltawsky, Tucholskystraße 41, in Berlin zu sehen.

che
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