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"Wilde Zeiten": Kultfotos: Der Fotograf, der einfach immer zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort war

Der Fotograf Günter Zint ist eine Institution in Hamburg. Sein Blick ins Milieu, auf die Menschen ist liebevoll, auf politische Ereignisse kritisch. Berühmt wurde Zint durch seine legendären Fotos von Stars, die er aufnahm, bevor jemand wusste, wer sie sind.

Günter Zint mit Kamera um den Hals

Da Günter Zint stets hinter der Kamera steht, existieren von ihm selbst gar nicht so viele Bilder. Der Fotograf wurde 1941 geboren, war Hausfotograf des Hamburger Star Clubs, arbeitete unter anderen für den stern, "Spiegel", "konkret" und gründete 1968 das Männermagazin "St. Pauli-Nachrichten" sowie 1988 das Sankt Pauli Museum.

Wer Günter Zint mit seinen 77 Jahren zum ersten Mal sieht, erblickt einen großgewachsenen älteren Herrn, der mit ziemlicher Sicherheit eine Kamera in der Hand hält. Wer dann aber auch noch das Glück hat, ihm zuhören zu dürfen, erlebt einen Mann, der alterslos zu sein scheint. Auf der Vorstellung seines neuesten Buches, es ist sein 80stes, "Wilde Zeiten – Hamburg-Fotografien von Günter Zint 1965–1989", die am 7. November im Hamburger Kaiserkeller auf der Großen Freiheit stattfand, zeigte der Fotograf 25 der enthaltenen Aufnahmen aus drei Jahrzehnten – und erzählte ihre Geschichten. Zint erinnert sich an jedes Detail. Die Umstände, unter denen er das Foto gemacht hat, den Anlass, den Ort und wer sonst noch so dabei war. Man darf wohl davon ausgehen, dass Zint zu sämtlichen Bildern, die er in seinem Leben gemacht hat, rund drei Millionen sind es bislang, die entsprechenden Stories noch abrufen kann.

"Wilde Zeiten: Hamburg-Fotografien von Günter Zint 1965–1989", mit Texten von Tania Kibermanis, Dölling und Galitz Verlag/Junius Verlag, 256 Seiten, 49,90 Euro. Hier bestellbar.

"Wilde Zeiten: Hamburg-Fotografien von Günter Zint 1965–1989", mit Texten von Tania Kibermanis, Dölling und Galitz Verlag/Junius Verlag, 256 Seiten, 49,90 Euro. Hier bestellbar.

Vielleicht hilft, es, dass Zint auf seinem Bauernhof im Hamburger Umland ein gigantisches Bildarchiv besitzt. Dort verwahrt er nicht nur seine eigenen Arbeiten, sondern auch das Panfotoarchiv mit sechs Millionen Bildern von 15 Fotografen. Vielleicht ist es aber auch das Resultat eines unglaublich bewegten Lebens, das sein Gedächtnis geschärft hat. Wer Zints Erinnerungen zur Geschichte es Bildes hört, kann sich auf einen ellenlanges Vortrag gefasst machen, in dem er von Höcksken auf Stöcksken kommt. Als Zuhörer wünscht man sich, er würde nie aufhören, denn jeder einzelne Erinnerung ist so spannend, wie manche es über ihr ganzes Leben nicht zusammenkriegen würden. Grund dafür ist Zints Naturell: Er ist ein Macher – und wird es wohl immer bleiben.

"Ich fotografiere immer und alles, was mir vor die Linse läuft"

Zint, der Ende der 1950er Jahre zum Bildjournalisten und Redakteur ausgebildet wurde, sagt von sich, er sei nie ein objektiver Pressefotograf gewesen. Dafür hat er sich mit zu vielen politisch motivierten Aktionen gemein gemacht, für ihn gab und gibt es "Wir" und "Die". Und "Wir" sind "eher" links. Entsprechend waren auch viele Inhalte seiner Fotos – von Demonstrationen, Arbeiterkämpfen, den Hausbesetzungen in der Hamburger Hafenstraße und seinen eigenen Kommunen. Ende der 1960er lebte Zint, der 1964 nach Hamburg gezogen ist, am Fischmarkt. Dort wurden er und seine Freunde sonntags "von Spießern bepöbelt". "Geh mal arbeiten", riefen sie den "Langhaarigen" hinterher. Die Kommune beschloss, den Spieß umzudrehen und sich einen Spaß daraus zu machen: Sie präsentierten sich als Bürgerschreck vor einem Plakat, auf dem sie anboten, dass man für 50 Pfennig "Gammler fotografieren" dürfe. Ein Menschenauflauf entstand, empört und fasziniert wurde fotografiert – und damit das Sparschwein der Kommune für eine fette Party prall gefüllt.

Berühmt durch die Beatles

Bekannt wurde Zint mit seinen Bildern, die er für den Hamburger Star-Club machte. Die Beatles, Tho Who, Jimi Hendrix, er hatte sie alle vor der Linse, bevor sie zu Weltstars wurden. "Zufällig", wie er sagt, "war ich immer wieder am richtigen Ort. Ich fotografiere immer und alles, was mir vor die Linse läuft."

Auch mit 77 ist für Zint noch lange nicht Schluss. Derzeit arbeitet er an einem Film über den Salambo-Gründer René Durand, dessen Hausfotograf und Freund er über 40 Jahre lang war. Die Kiezlegende verstarb im Januar 2013, er war derjenige, der mit seinen Sex-Shows die Reeperbahn zur sündigsten Meile der Welt gemacht hat.

Wer wissen möchte, was Günter Zint zwischen 1965 und 1989 erlebt, gesehen und fotografiert hat, dem sei der Bildband "Wilde Zeiten" sehr ans Herz gelegt. Man muss kein Hamburger sein, um sich für den Kiez, den Suff oder Menschen wie Domenica, Turbo-Rudi und Little Karstadt zu begeistern. Zint kannte sie alle und hat ihnen mit diesem Buch ein wunderschönes Denkmal gesetzt.

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