Karin Rocholl Die Kunst der Inszenierung


Nach zwei Jahrzehnten der Fotografie für den stern hat Karin Rocholl dem Blatt "Adieu" gesagt und geht nun mit ihrer Kamera eigene Wege.
Von Ulrike Posche

Die Fotografin Karin Rocholl liebt die Perfektion. Den vollkommenen Schnitt eines Gesichts. Die Unaufdringlichkeit eines Hintergrunds und den Purismus eines schlichten, weißen Hemdes.

Wenn Karin Rocholl einen prominenten Menschen porträtiert, dann bildet sie ihn in seiner schönsten Form ab. So, wie sie denkt, dass er eigentlich sein müsste. Oder wenigstens sein könnte. Sie sieht die Farbe, die ihm am Besten steht. Sie kennt den Hintergrund, der ihn leuchten lässt. Sie findet das Detail, das ihm Charakter gibt. Was stört verschwindet irgendwo in der Unschärfe, was schön ist, wird durch ihren Blick größer. Jedes Gesicht, das sie festhält, wirkt alterslos, jede Miene ist gesammelt. Viele posieren für Karin Rocholl auf bloßen Füßen, bei ihr wirkt das intimer als jedes Nacktfoto.

Gut möglich, dass die Lebensgeschichte des Menschen, den sie gerade vor der Kamera hat, nicht immer glücklich war. In dem Moment, in dem sie ihn fotografiert, ist sie es. Da ist der Mensch in seiner reinsten Seelenlage. Es bleibt das Geheimnis dieser Menschenfängerin, wie sie das macht.

Ihr Berliner Witz, ihre Disziplin gegen sich selbst, das drollige Auftreten einer Generalin manchmal - wenn die Rocholl fotografiert, ordnet sie sich ganz dem Gelingen unter. Da duldet sie keinen Krümel im Mundwinkel, keine Falte im Kleid, kein Flackern in der Linse. Sie dient dann ausschließlich der Sache, dem Menschen, dem Subjekt vor dem Objektiv. Selten erleben die häufig Fotografierten heute noch solchen Respekt. Manche sind ihr deshalb fürs Leben dankbar. Mit zahllosen ihrer "Fotomodelle" ist sie gut. Vielen ist sie eine echte Freundin.

Bei allem Ideal, Karin Rocholl ist keine Idealistin. Selbst wenn sie eine noch so genaue Vorstellung von der Szene hat, Illusionen über das Menschliche macht sie sich nicht. Dass sie den todkranken Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, vor einer grün überwucherten Wand fotografierte, ist das eine. Dass sie rote Rosen in die Hecke steckte - eigentlich, um sie schöner zu machen, ist das andere. Dieses letzte Bild von Ignatz Bubis hat vielleicht durch die Blüten erst, jene erschütternde Note erhalten, die aus ihm mehr als ein berührendes Bild macht. Es hat die Wucht der Geschichte. Es zeigt das ganze menschliche Drama.

Karin Rocholl kennt das Leben, das Glück. Sie weiß um die Abgründe und um die Schwächen ihrer "Opfer". Die Eitelkeit, die Marotten, die Launen, das Rauchen.

Obwohl sie letzteres furchtbar verabscheut, findet sich auf den schönsten Porträts, die sie machte, fast immer eine Zigarette, ein Zigarillo, eine Zigarre. Die französische Filmgöttin Isabelle Huppert mit der Fluppe, lasziv im Mundwinkel. Das Bild ist längst eine Ikone. Franka Potente, Gudrun Landgrebe, die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek elegisch mit Stirntolle, mit Zigarillo. Anne Bennent als ungezähmtes Mädchen mit altmodischem Blick - und mit einem Stumpen unter der Nase. Ein Bild wie ein Stummfilm.

Karin Rocholl hat viele Bühnenmenschen für den stern fotografiert. Aus vielen hat sie Stars gemacht. Kein Wunder, dass die Fotografin auch selbst einer wurde.

www.karinrocholl.de

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