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Stanley-Kubrick-Bildband: Der Mann hinter dem Kameraauge

Stanley Kubrick ist den meisten als begnadeter Regisseur bekannt. Dass er auch als Fotograf Talent hatte, zeigt ein neues Buch, das eine üppige Auswahl bisher unveröffentlichter Fotografien versammelt.

Von Sabina Riester

Sehen war sein Lebensthema. Das Motiv des Auges verbindet das gesamte filmische Schaffen des Regisseurs Stanley Kubrick. Sein Film "Uhrwerk Orange" von 1971 beginnt, wie das vorausgegangene Werk "2001: Odyssee im Weltraum" (1968) geendet ist: mit dem Abbild eines Leinwand füllenden Auges. In "2001" hält die Kamera zum Ende des Films das offene, unschuldige Auge eines Fötus im Bild fest. "Uhrwerk Orange" eröffnet seine Handlung mit dem dreisten direkten Blick des Protagonisten Alex in die Kamera.

Alex, der gewalttätige Rüpel, ist die Hauptfigur in Kubricks wohl umstrittensten Film. Seine extravagante Erscheinung im weißen Kostüm wird gekrönt von einem Kranz von falschen Wimpern, die nur an einem seiner beiden Augen kleben. Das ungeschminkte Auge tritt in den Hintergrund und Alex scheint nur noch durch das eine, optisch betonte Auge zu sehen. Ein Einauge, vergleichbar mit HAL, dem allsehenden Computer mit seinem rot glühenden Kameraauge aus "2001". Zwei Visualisierungen für das mechanische Auge, hinter dem sich Stanley Kubrick während seines ganzen bilderreichen Lebens zu verstecken wusste.

Kubrick wollte nichts sein als seine Filme

Über ihn selbst als Privatperson ist nur wenig bekannt. 30 Jahre gab er kein Interview vor laufender Kamera. Es existieren kaum Fotos, nur Gerüchte. Kubrick wollte nichts sein als seine Filme und Bilder. Sein Interesse galt weniger der Moral als der Ästhetik. Immer wieder gelang es Stanley Kubrick, die optischen Grenzen zu erweitern und seinem Publikum neue visuelle Erfahrungen zu ermöglichen. Sein Regiekollege Steven Spielberg sagte über ihn: "Kubrick hat mehr als nur Filme gemacht. Er schuf neue Seh-Erfahrungen, die intensiver wurden, je öfter man seine Filme sah."

Mit den technischen Standards seiner Zeit gab sich der geniale Regisseur nicht zufrieden. Auch in Hinblick auf die Arbeit mit der Kamera strebte er im wahrsten Sinne des Wortes nach dem Besonderen, dem Überirdischen. Wie beispielsweise in seinem 1975 fertig gestellten Kostümfilm "Barry Lyndon". Die Handlung des Films spielt im 18. Jahrhundert. Um die Illusion dieser Zeit möglichst authentisch darzustellen, beschloss Kubrick die Innenaufnahmen ausschließlich mit natürlichem Kerzenlicht auszuleuchten. Ein Vorhaben, das er beim Dreh mit gängigen Kameraobjektiven schnell hätte aufgeben müssen. Die aufgezeichneten Szenen wären zu dunkel und damit unbrauchbar gewesen. Kubrick löste das Problem schließlich durch den Einsatz von Speziallinsen sowie hochempfindlichem Filmmaterial der Nasa, das eigentlich für Filmaufnahmen im All vorgesehen war.

Meisterhafter Dompteur des Lichts

Einmal mehr hat Kubrick mit dieser kameratechnischen Leistung seinen Ruf als meisterhafter Dompteur des Lichts untermauert. Besonders spannend ist es jetzt, sechs Jahre nach Kubricks Tod und begleitet von der Kenntnis seines filmischen Vermächtnisses, auf seine ersten visuellen Schritte zurückzublicken. Diese ging er nicht mit der Filmkamera, sondern in den Jahren zwischen 1945 und 1950 als fest angestellter Fotoreporter für das New Yorker Look-Magazin.

Rainer Crone, Kunsthistoriker und Verfasser zahlreicher Monografien über Künstler des 20. Jahrhunderts, präsentiert gemeinsam mit dem Phaidon-Verlag den Fotoband "Stanley Kubrick: Drama & Schatten". In diesem schön gestalteten Buch ist eine üppige Auswahl der bisher unveröffentlichten Fotografien des jungen Kubrick versammelt. Geordnet wurden seine fotografischen Aufnahmen nach den Themen "Leben in der Großstadt", "Unterhaltung", "Prominente" und "Menschliches Verhalten".

In der letzten Rubrik findet sich unter anderen das Motiv "Observing people observing monkeys". Ein Foto entstanden im Affengehege eines Zoos. Der Blick der Kamera zwängt sich vom Innern des Käfigs heraus durch die Gitter und zielt auf die menschlichen Zuschauer, die durch die Wahl von Kubriks Blickwinkel selbst wie eingesperrt erscheinen. Das Bild aus der Sicht des Affen hinterfragt auf eine für Kubrick typische Art und Weise die Wahl des Standpunktes und vermittelt dem Betrachter des Fotos die Gewissheit, dass auch die Zuschauer unbewusst dem Objekt ihrer Beobachtung ein amüsantes Schauspiel bieten, sie ihrerseits selbst Objekt einer Beobachtung sind.

In "Drama & Schatten" finden sich noch zahlreiche weitere Bilder von Zuschauern. Kubricks Interesse während seiner Zeit als "staff photographer" galt auffallend oft den Beobachtern am Rand des eigentlichen Geschehens: Kunstinteressierten in New Yorker Museen, mitfiebernde Rennbahnbesuchern und Schaulustigen im Zirkus und dazwischen immer wieder - wie auch später in seinem filmischen Werk - Abbildungen von Spiegeln und Spiegelungen.

Dramaturgisch inszenierte Settings

Den Vergleich mit den bekannten amerikanischen Fotografen seiner Zeit - wie dem Sensationsfotografen Weegee oder dem großen Dokumentaristen Walker Evans - hätte der junge Kubrick technisch und ästhetisch nicht fürchten müssen und doch trennt ihn etwas von den damaligen Kollegen: sein ausgeprägtes Talent für dramaturgisch inszenierte Settings, die im bemüht wirklichkeitsnahen Bildjournalismus so nicht üblich sind. Seine fotografische Arbeit war dem Kosmos der Filmwelt immer schon näher als der Sparte Dokumentarfotografie.

Er inszenierte und dirigierte und verkleinerte häufig den Ausschnitt seiner Bilder, um diese dadurch noch dramatischer wirken zu lassen. Die Bildergewalt des späteren Regisseurs Stanley Kubrick zeigt sich besonders deutlich, wenn Sequenzen auf der Leinwand enden und sich anschließend nahtlos im Kopf des Zuschauers verselbstständigen. Und hier liegt auch die Stärke des jungen Fotografen Kubrick, dem es scheinbar mühelos gelingt, innerhalb des Rahmens einer einzigen Fotografie ganze Geschichten im Kopf des Betrachters in Bewegung zu setzen.

In einem Interview mit Michel Ciment aus dem Jahre 1984 sagt Kubrick über seine Zeit als Fotograf: "Es hat mir damals großen Spaß gemacht, aber irgendwann war es vorbei, da mein eigentliches Interesse immer dem Filmen galt. Die Fotografie war für mich der erste Schritt zum Film. Um einen Film vollständig selbst zu machen, wie ich es anfangs tat, muss man von nichts wirklich Ahnung haben - außer von Fotografie". Und dass Stanley Kubrick davon Ahnung hatte, beweisen die erstmals veröffentlichten narrativen Bilder, die es für den Betrachter in "Drama & Schatten" zu entdecken gilt. Der Regisseur und Fotograf Kubrick selbst verschwindet hinter dem apparativen Kameraauge und dessen alles durchdringenden Blick, den er über Jahrzehnte hinweg so meisterhaft zu steuern verstand.