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Ukraine-Krieg "Auch die schlimmen Situationen vermitteln": stern-Bildredakteur über den Umgang mit Bildern aus dem Krieg

Eine Mutter trauert um ihren Sohn, der während der russischen Invasion in der Ukraine getötet wurde
Eine Mutter trauert um ihren Sohn, der während der russischen Invasion in der Ukraine getötet wurde
© Yuriy Dyachyshyn / AFP
Aus dem Kriegsgebiet Ukraine erreichen uns Tausende Fotos. Viele zeigen das Leid, die Zerstörung und auch den Tod. Wie geht man damit um? Bildredakteur Guido Schmidtke erklärt, wie die Bilder für den stern ausgewählt werden und wie sich Kriegsfotografie verändert hat.

Mit der ersten Heftausgabe nach Kriegsausbrauch erweiterte der stern seine Rubrik "Bilder der Woche" auf acht Doppelseiten und zeigte dort großformatige Fotos aus der Ukraine. Seitdem hat der stern auf Zahlreichen Doppelseiten den Krieg in der Ukraine dokumentiert. Weshalb der stern jetzt auf die Kraft der Bilder setzt, nach welchem Maßstab die Bildredakteur:innen täglich aus 10.000 Kriegsfotos auswählen, welche Rolle die sozialen Netzwerke bei der Bebilderung des Krieges spielen und wie sich Kriegsfotografie über die Jahre verändert hat – das erklärt stern-Bildredakteur Guido Schmidtke im Interview.

Warum setzt der stern auf die Kraft der Bilder, um über den Krieg zu berichten?

Komplizierte Sachverhalte können mit einem Bild einfacher erklärt werden, ein Foto kann meist einen schnelleren und stärkeren Eindruck auf die Betrachter:innen ausüben als ein umfangreicher Text. Emotionen werden direkter transportiert, Unfassbares wird zur Realität. Auf die Stärke des Bildes hat der stern schon immer großen Wert gelegt, das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Aber natürlich bewegen wir uns auf einem schmalen Grat zwischen Aufklärung und Sensationslust. Wir müssen immer wieder darüber nachdenken, in welchem Moment wir eine Linie zwischen (emotionaler) Berichterstattung und reinem Voyeurismus überschreiten.

Im Zusammenhang mit Kriegsfotografie wird immer wieder diskutiert, welche Bilder Medien zeigen dürfen und welche besser nicht. Gibt es beim stern einen dafür geltenden Kodex?

Einen offiziellen, in Text gefassten Kodex gibt es nicht. Wir diskutieren über jedes Foto aus der Ukraine, das zur Veröffentlichung ausgesucht wird. Auch in unserer Redaktion sind die Meinungen dazu vielfältig. Meine persönliche Einstellung ist: Der Krieg ist mit Schrecken, Leid und Tod verbunden. Im Prinzip weiß das jede:r, keine:r mag sich gerne damit auseinandersetzen. Ich sehe es aber als Aufgabe des stern, auch die schlimmen Situationen des Krieges mit einer gewissen Schonungslosigkeit zu vermitteln. Dennoch gibt es in der Darstellung Grenzen. Auch ein toter Mensch hat ein Recht auf seine Würde.

Inwiefern wirken sich Bilder und Videos, von denen es in den Sozialen Netzwerken zuhauf gibt, auf die Magazin-/ News-Fotografie aus? 

Wir alle sind ja Konsument:innen der Bilderflut in sozialen Netzwerken. In den Massen der Fotos finden sich auch ganz starke und intensive Momente, wie sie nur spontan von Augenzeugen vor Ort gemacht werden können. Insofern fügt Social Media den Kriegsberichten einen weiteren, sehr persönlichen Aspekt hinzu. Das Video der kleinen Amelia, die im Luftschutzbunker das Lied "Let it Go" aus "Frozen" singt etwa erreichte Millionen Menschen und rührte sie zu Tränen. Im Heft drucken wir selten Bilder aus sozialen Medien, auch weil die fotografische und journalistische Qualität meist nicht unseren Print-Standards entspricht. Bei stern.de zeigen wir Bilder und Videos aus dem Netz. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Verifikation. Den Wahrheitsgehalt der Bilder und Videos zu überprüfen, darum kümmern sich speziell ausgebildete Kolleginnen und Kollegen.

Aber die sozialen Medien spielen noch eine andere wichtige Rolle. Die meisten Fotograf:innen sind heute über WhatsApp leichter zu erreichen als über die gute alte E-Mail, auch und gerade in Kriegsgebieten. In den sozialen Medien sehen wir, welche Fotograf:innen aktuell gerade wo und an welchen Themen arbeiten. Das ist ein großer Vorteil für uns Fotoredakteur:innen.

Was unterscheidet die heutigen Bilder von Kriegsfotografien aus früheren Zeiten?

Die Kriegsberichterstattung hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Die Berichterstattung im Vietnamkrieg war weitestgehend unzensiert. Es waren sehr viele Reporter:innen mit dem Militär unterwegs, die konnten und sollten gar nicht kontrolliert werden. Die gesendeten Bilder von teilweise grausamen Kriegsgeschehnissen beeinflussten die öffentliche Meinung, im Vietnamkrieg wurde ihnen gar eine Mitschuld an der Niederlage des Krieges gegeben. Bei Kriegen mit US-amerikanischer Beteiligung wurde seitdem die Berichterstattung viel stärker kontrolliert, zum Beispiel während des Golfkriegs 1990/91 und des Irakkriegs 2003.

Jeder kennt die Vietnam-Ikonen. Das Bild, auf dem der Saigoner Polizeichef Nguyen Ngoc Loan einen Vietcong mit einem Kopfschuss auf offener Straße tötet. Oder das "Napalm-Mädchen" Kim Phuc. Diese Bilder wurden zu den fotografischen Ikonen des Krieges. Viele Medien würden diese Bilder heute wohl nicht mehr uneingeschränkt veröffentlichen.

Die "New York Times" hat mit der Veröffentlichung von toten Zivilisten in der Ukraine auf ihrer Titelseite allerdings eine große Diskussion ausgelöst. Am 7. März zeigten sie dort ein Foto von einer toten Familie aus dem ukrainischen Iprin. Die amerikanische Fotografin Lynsey Addario machte die Aufnahme kurz nachdem Russland eine Fluchtroute für Zivilisten unter Beschuss genommen hatte. Die Fotografin äußert sich wie folgt dazu: "Ich dachte bei mir: Wir zeigen nie Gesichter von Toten. Ich mache diese Aufnahme nur zur Dokumentation des Krieges. Ich muss das tun; ich muss dieses Foto machen. Aber ich fühlte mich auch schuldig, weil es sich aufdringlich anfühlte. Und diese Familie wird weitere Angehörige haben." Die Bildredaktion der "New York Times" entschied, die Aufnahme Addarios zu veröffentlichen, um die grausame Realität des Krieges zu zeigen. Ein Bild, das womöglich ikonografisch für den Krieg in der Ukraine stehen könnte.

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Vor der Publikation eines solchen Bildes müssten eigentlich die Umstände und vor allem die Identität der Toten geklärt werden. Das war in diesem Fall aber nur unzureichend geschehen, in dem Moment wahrscheinlich gar nicht möglich. Serhi Perebinis, der Mann und Vater der getöteten Familie, erfuhr über einen Beitrag auf Twitter, dass auf den Straßen Irpins die leblosen Körper seiner Frau und seiner Kinder lagen, daneben ein Familienfreund. Die "New York Times" war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es sich bei den Opfern um Mutter, Vater und deren Kinder handelte. Bei einem später geführten Gespräch mit Serhi Perebinis, dem Vater der Familie, zeigte er Verständnis und stellte sich ausdrücklich hinter die Veröffentlichung. Dieses Kriegsverbrechen müsse die Welt sehen, sagte er.

Welche Bilder werden uns als Ikonen dieses Krieges in Erinnerung bleiben? Im Moment sehe ich dieses Bild noch nicht. Oft erkennen wir erst im Nachhinein, welches Foto sich in das kollektive Bildgedächtnis eingebrannt hat.

Aus welcher Menge an Fotos wählt ihr täglich aus, und wie gehst du damit um, dass die Inhalte ggf. auch belastend für dich sein können?

Über die gängigen Agenturen wie zum Beispiel DPA, Reuters, AP, AFP und Getty werden uns durchschnittlich 10.000 Kriegsfotos am Tag geliefert. Natürlich sind darunter auch Bilder, die in ihrer Gewaltdarstellung und extremen Kriegsfolgen so heftig sind, dass sie nicht von uns im Heft oder Online veröffentlicht würden. Jeder verarbeitet das anders, einige belastet das mehr, andere weniger. Ich kann Bilder wie durch einen Filter ansehen, der mich vor übermäßiger Belastung schützt. Wenn es um Gewalt gegen Kinder geht, bin ich im Laufe der Jahre dünnhäutiger geworden, vor allem, seitdem ich eigene Kinder habe.

Das Interview führte Sabine Grüngreiff

rw

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