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stern spezial Fotografie: Albert Watson - Meister aller Klassen

Er ist schon längst ein Klassiker, aber es fällt schwer, eine Bezeichnung wie "Star-Porträtist", "Meister des Stilllebens" oder ein anderes Fach zu finden, weil Watson ein Meister in all diesen Klassen ist - obwohl er sich Kategorien wie modisch oder hip stets verweigert hat.

Zuerst fragt man sich, wie er das überhaupt macht, mit nur einem Auge zu fotografieren. Dann überlegt man, dass es eine dumme Frage ist, denn wir alle schauen ja nur mit einem Auge durch eine Kamera, wenn wir mal fotografieren. Dann lacht Albert Watson und geht in seinem New Yorker Studio, groß wie eine Turnhalle, auf und ab.

Watson geht gern auf und ab, eigentlich geht er immer auf und ab, selbst wenn er seine Bilder anschaut, macht er ein paar Schritte nach links und rechts. Wer ihn länger kennt, kann sich kaum erinnern, ihn mal in einem Stuhl gesehen zu haben. Das, sagt Watson, sei der einzige kleine Tribut an sein rechtes blinde Auge, „ich bewege mich viel, um die Perspektiven zu ändern". Hinter der Kamera zucke er manchmal mit dem Kopf hin und her, „damit simuliere ich das zweite Auge". Auf einem Auge blind ist Watson seit seiner Geburt, „deshalb kann ich nicht sagen, es ist ein Mangel, ich kenne es nicht anders".

Man muss Albert Watson nicht viel fragen, eigentlich reichen nur ein paar Bemerkungen an diesem Morgen, und er spricht bis in die Mittagstunden. Für einen Fotografen ist das eigenartig, denn vielen von ihnen sind Worte lästig, deshalb machen sie ja Bilder. Watson ist anders, ganz anders. In seinem Archiv, sagt er, liegen ungefähr acht Millionen Bilder, und jede Wette, er könnte zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Albert Watson, Jahrgang 1942, Schotte, ist einer der komplexesten Fotografen, die es gibt. Er ist schon längst ein Klassiker, aber es fällt schwer, eine Bezeichnung wie „Star-Porträtist", „Meister des Stilllebens" oder ein anderes Fach zu finden, weil Watson ein Meister in all diesen Klassen ist - obwohl er sich Kategorien wie modisch oder hip stets verweigert hat. Und so waren es immer andere, die Stile etablierten, Richard Avedon, Helmut Newton oder Herb Ritts zum Beispiel, die Watson dann mit großem technischem Handwerk zitierte und vervollständigte. Stellt man sich die Fotografenwelt als Olympische Spiele vor, gibt es Sprinter und Springer, und es gibt den Zehnkämpfer Watson, der vielleicht eine Zehntelsekunde langsamer ist, aber jede Disziplin perfekt beherrscht. Diese Zehntelsekunde verbringt er, Watson zeigt in seinem Studio nach hinten, „da". Heißt: im Labor.

Ein Bild zu fotografieren ist die eine Sache, es zu entwickeln, nein, es zur Welt zu bringen, die andere Sache. Ein „immer wieder großartiger Schöpfungsakt" sei es, vor den Wannen mit Entwicklerflüssigkeit zu stehen und im trüben roten Licht die ersten Konturen eines Bildes zur Welt kommen zu sehen. Da ist Watson ganz die „old school", aus der er kommt. Nie würde er einen Film in irgendwelchen Labors abgeben, nie fremde Hände an das großformatige Papier seiner Prints lassen. Er kennt die Chemie der Fotoentwicklung so genau, dass er jedes einzelne Molekül im chemischen Prozess so filigran setzt, wie Beethoven die Viertelnoten in seinen Symphonien.

Was dabei herauskommt, ist eine optische Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Durch die Schweißperlen auf Mike Tysons Stiernacken hindurch sind die Poren der Haut zu sehen, man kann auf Watsons Landschaftsaufnahmen aus Las Vegas jedes Sandkorn auf dem Wüstenboden zählen, man staunt über jeden kleinen Fleck auf dem Raumanzug eines US-Astronauten und fragt sich, wo es im All so schmutzig gewesen ist. Anders gesagt, die Fotografien Watsons geben unserem Blick eine Ruhe zum Stöbern in Details, die die Natur uns vorenthält. Vielleicht, denkt man sich, ist es die Intensität des einen Auges, die Bildernachrichten durch nur einen Kanal in sein Gehirn pumpt und dort umso intensiver wirken lassen. Watson lacht.

Schöne Theorie, sagt er, und im Studio springt ihm sein kleiner Hund Gussie auf die Arme. Watson, wie immer mit Baskenmütze auf dem Kopf und Nickelbrille auf der Nase, hält ihn fest, Herr und Hund werden eins. „Mit der Kamera ist es wie mit meinem Hund", sagt er, „wir gehören zueinander." Ja, sie sei fast ein Körperteil geworden, seit er mit 14 Jahren zum ersten Mal eine Brownie-Box in der Hand hatte, „ich wusste sofort, dass Fotografie mein Leben sein würde". Doch noch fehlte die Initialzündung, weil es nicht viel zu sehen gab im schottischen Penicuik, einer Bergwerksstadt mit meist grau-schwarzer Kulisse. Der kleine Albert war damals ein introvertierter Junge, der trotz des einen blinden Auges so viel wie möglich in sich aufzunehmen versuchte.

Der Vater schickte den Knaben auf eine Rudolf-Steiner-Schule in Edinburgh; Albert überlegte, Architekt zu werden, vielleicht auch Archäologe, formen oder forschen wollte er. Mit 17 ging er nach Dundee, studierte Grafik und Design, danach Film und Fernsehen in London, alles noch junge Wissenschaften. Wer damals nach oben wollte, studierte in London Wirtschaft wie Mick Jagger und führte ein wildes Leben. Albert nicht. Er fand seine Kamera wieder und lernte Joe Mackenzie kennen, einen Fotografen, der seinen Studenten Blenden und Belichtungen einpaukte, mit ihnen nächtelang in der Dunkelkammer hockte und in Entwicklerwannen Grautöne auf Fotopapier zauberte.

„Es war dieser Moment, in dem ich spürte, dass die Fotografie so was wie ein natürliches Element von mir war. Ich wusste sofort, dass ich im Leben nichts anders machen wollte." Doch im Swinging London der Sixties konnte der junge Schotte nicht Fuß fassen. Er hatte inzwischen seine Schulfreundin Elizabeth geheiratet, die als Lehrerin arbeitete, und sie bekamen zwei Söhne. Als Elizabeth dann in den 70er Jahren eine Anstellung in Los Angeles bekam, zog die Familie nach Kalifornien, und Albert versuchte, als Fotograf sein Geld zu verdienen. „Wenn du in Los Angeles nur Stars fotografierst, hast du vielleicht drei Tage im Monat zu tun. Wenn du nur Autos fotografierst, vielleicht vier Tage. Und nur Sport, fünf Tage. Also sagte ich mir, ich fotografiere Stars, Autos, Sport und was die Leute sonst noch haben wollen."

Mit seinem „protestantischen Arbeitsethos" nahm Watson alles auf, womit man ihn beauftragte: Autos für Beilagen von Tageszeitungen, Trainingsanzüge für Kataloge, Nachwuchsschauspieler, Landschaften, Gärten oder Baseballspiele. Aber im Unterschied zu seinen eiligen Kollegen von der Westküste arbeitete Watson mit der Geduld und Akribie eines europäischen Handwerkers. Und egal, ob Äpfel für eine Supermarktwerbung oder eine Reportage über Autosammler - Watsons Bilder hatten eine Prägnanz und Tiefe, die sie von allen anderen unterschieden. Noch heute behaupten manche, er habe das Ausleuchten von Gesichtern und das subtile Spiel mit Nuancen an Autos trainiert, bei denen auch das Detail im Schatten sichtbar sein musste. „Weiß ich nicht, kann so gewesen sein", meint Watson.

„Heute mache ich meine Bilder intuitiv, ich sehe erst hinterher, wenn sich Linien und Horizonte genau im rechten Winkel treffen." Doch, er würde schon sagen, dass er ein „Techie" ist, einer, der sehr auf die Technik der Kameras und der Dunkelkammer setzt, „aber es gibt Techies, die bekommen die Kälte aus ihren Bildern nicht heraus. Da versuche ich, ganz anders zu arbeiten". Mit Reden zum Beispiel, „ich rede gern mit den Menschen, die ich fotografiere, eigentlich haben wir meist lange Gespräche, und ich mache ein Foto zwischendurch". Erstaunlich daran ist, wie Watson seinen geduldigen Stil mit seiner Arbeitswut zusammenbringt.

Er ist jetzt 63, und während er bis in den Mittag hinein spricht, werden im Haus schon wieder die Koffer gepackt. Am nächsten Morgen sollen fünf Hollywoodschauspieler in Paris vor seiner Kamera - einer 4x5'' Horseman - stehen, und kurz überlegt er, einen Abstecher nach Schottland zu machen, wo er gern Felsformationen an der Küste fotografiert, aber in drei Tagen sei hier im New Yorker Studio schon wieder ein Cover-Shooting. Watson hat noch ein zweites Studio ein paar Straßen weiter, wo er mehr als 500 Werbespots für das Fernsehen gedreht hat und früher zu den Anfängen von Rap und HipHop auch Videoclips mit Sade und Morrissey für MTV. Es war noch in Los Angeles, Anfang der 70er Jahre, als Artdirektoren der großen Hollywood-Blätter erstmals auf Watsons Bilder aufmerksam wurden. Der „Rolling Stone" rief an, die „Vogue" fragte nach einem Mode-Shooting, „Harper's Bazaar" bestellte Bilder, aus Europa meldete sich der stern. Die einen wollten den Porträt-Watson, die anderen den Mode-Watson, und noch andere hofften, dass Watson aus absolut unfotografierbaren Musikern ein Bild für ein Cover machte. Er machte. Technisch brillant, jedes Bild wie eine Ikone. Wie ein Schwerarbeiter fotografierte sich Watson durch die Jahrzehnte. Drapierte Alfred Hitchcock mit einer toten Gans, bekam die nackte Kate Moss vor die Kamera, überredete Clint Eastwood, seine geliebten rosa Poloshirts gegen ein Jeanshemd auszutauschen: „Clint protestierte erst, dann hat er mir gedankt." Sarah Ferguson rief an, sie wollte Watson als einzigen Fotografen zu ihrer Hochzeit mit Englands Prinz Andrew haben. Und immer wieder reiste der bilderhungrige Watson zwischendurch an Orte, um neue Motive zu finden. Er fotografierte alles um Las Vegas herum - nur nicht den grellen Strip oder die Spielhallen. Er überzeugte den Museumsdirektor in Kairo, ihn die Schätze des Pharaonengrabs fotografieren zu lassen, und als Watson endlich in den Hallen stand, ließ er sich von den erstaunten Wärtern nicht den Goldschmuck, sondern nur den Socken des Pharaos Tutenchamun bringen - ein Bild, das heute in seiner ganzen lapidaren Einfachheit zu Watsons Meisterwerken gehört.

Nein, in der Fotografenwelt muss Albert Watson nichts mehr beweisen - und dennoch spürt man seine Unruhe, wenn er in seinem Studio seine Bilder betrachtet, so, als müsse er sich immer selbst etwas beweisen. „Hier", sagt er und hält das Foto mit der nackten jungen Kate Moss hoch, „da haben alle zu mir gesagt: ,Albert wunderbar, mach nur noch solche Bilder, und du hast ausgesorgt.' Und ich ? Ich habe sofort andere Bilder gemacht." Andere Bilder als Beweise, fast alles fotografieren zu können. Es ist viele Jahre her, als Watsons heute erwachsener Sohn Aaron als kleiner Junge zu ihm kam, „er hatte eine meiner Kameras gefunden, eine, mit der ich schon jahrelang arbeitete und die mit Klebestreifen repariert war. Mein Sohn schaute bedrückt und fragte, ob ich so arm sei, dass ich mit einer kaputten Kamera fotografieren müsse".

Nein, keine Sorge, sagte Watson seinem Sohn, das Gerät sei egal, die wahre Kamera sei das Auge. Auch wenn man nur eines hat.

Jochen Siemens