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stern spezial FOTOGRAFIE: Rankin - "I am always taking photos."

Das neue stern spezial FOTOGRAFIE Nr. 32 zeigt Fotos des englischen "enfant terrible" David Rankin. Stars und Sternchen präsentieren sich dem Provokateur mit der Kamera zumeist in intimen Posen.

Man übersieht ihn - hier in seinem Studio in der Old Street im Londoner East End. Man schaut der nackten Kalifornierin zu, die auf einem kleinen Sandhügel liegt, den sie hereingeschaufelt haben, weil das Foto irgendwie nach Strand aussehen soll. Man geht durch die großen Büros, wo vielleicht zwei Dutzend Menschen an Telefonen und vor Bildschirmen sitzen. Aber er? Rankin? Man versucht, der Stimme, die am lautesten spricht, nachzugehen. Tief und beinahe dröhnend, schwerer schottischer Akzent. Kommt irgendwie von denen, die wie Pizzaboten, Kurierfahrer oder Klempner aussehen. Einer von ihnen stellt sich vor, laut und kräftig, er müsse noch das Bild fertig machen, fünf Minuten oder so.

Er, Rankin. Dann wird er zwischen den anderen, die auf Bildschirme starren und mit den Tasten und der Maus den weißen Hintergrund zu blauem Himmel und den kleinen Sandhaufen zu einer Düne machen, zwischen denen wird Rankin wieder unsichtbar.

Man sagt, dass manche Fotografen so sehr mit ihren Bildern leben, dass sie das Bild von sich selbst vergessen. Die Energie der Eitelkeit leiten sie um. Rankin wäre so ein Beispiel. Er ist an diesem Tag barfuß, seine Haare erinnern noch ans Bett, seine Hose rutscht manchmal, und würde man ihn nach der Farbe seines Pullovers fragen, würde er "We iß nicht" sagen. Er hat keine Farbe.

Während man wartet und in den vielen, vielen Fotobüchern blättert, die Rankin schon veröffentlicht hat, und Madonna und andere Prominente anschaut und sich dabei noch einmal vergegenwärtigt, wie unauffällig ihr Porträtist auftritt und arbeitet, begreift man allmählich, was in Rankins altem Vater vorgegangen sein muss: Dem hat der Sohn vor ein paar Tagen ein Foto von Tony Blair geschickt, den er gerade fotografiert hatte. Der Vater rief gleich an und fragte den Junior, wer der Mann sei, der sähe Tony Blair aber verdammt ähnlich. So ist das bei Rankin häufig, die wenigsten halten es für möglich, dass Tony Blair, Madonna oder die Queen - im vergangenen Jahr - für ihn stillhalten.

"Mit Blair", sagt Rankin, "hatte ich fünf Minuten. Tür auf, five minutes, Tür zu. Ich hab in diesen fünf Minuten fünf verschiedene Motive gemacht. Im Nebenzimmer wartete "Vanity Fair", die hatten eine Stunde oder so Zeit. Für ein Motiv." Er sagt das mit dem Stolz des Unfertigen oder, wie er selbst sagen würde, mit der Diktion des Rebellen.

Ein bisschen besser als "Vanity Fair" sein, ein bisschen besser als das fotografische Establishment, das gefällt ihm, und das ist die Triebfeder, die sein Leben und seine Arbeit in Gang hält.

Ja, er hat jetzt Zeit, sagt er. Das nackte Mädchen hat nun einen weißen Bademantel an, und man hört, wie die anderen des fotografischen Orchesters leise aufatmen, weil der rastlose Dirigent jetzt doch mal Pause macht. Vor ein paar Tagen, erzählen sie, sei Rankin zwischen Besprechungen, Fotos, wieder Besprechungen und wieder Fotos irgendwann am Tisch eingeschlafen, einfach so, mitten im Gerenne, Gerede und Lärm. Nein, er ist keiner von den feinen Fotografen, denen das Studio und alles perfekt vorbereitet wird und die dann nur kurz vorbeikommen, um auf den Auslöser zu drücken. Rankins Arbeit hat etwas Berserkerhaftes und Rastloses. Er gönnt sich keine Ruhe. Und er denkt nicht an ein einzelnes Foto, sondern oft gleich an ganze Serien, an Konzepte, an Kampagnen, und das alles meistens gleichzeitig.

In den Büros neben seinem Studio arbeiten 70 Angestellte: Sie produzieren das Magazin "Dazed & Confused", das Modeheft "RANK" und verlegen unter dem Verlagslabel "Vision On", unter dem bereits sechs Rankin-Bildbände erschienen sind, auch Fotobücher von anderen Fotografen und produzieren die Werbespots, die sich Rankin ausdenkt. Sein Geschäftspartner ist der Journalist Jefferson Hack, Lebensgefährte des Models Kate Moss und neuerdings Vater. Man könnte sagen, dass jetzt ein kleiner Konzern in Londons Osten eine kleine Pause macht, weil der Chef von sich erzählt. Sein Nachname ist eigentlich Waddell, aber den nennt er nie. Sein Künstlername Rankin ist ja auch in wenigen Jahren in der Branche zu einem Begriff geworden, eine Marke. Rankin ist gerade mal 36 Jahre alt. Er wurde in einem kleinen schottischen Dorf geboren, sein Vater ist von Beruf Kaufmann, und weil zu Hause viel über Preise, Bilanzen und Handelsmargen gesprochen wurde, war es naheliegend, dass der junge Rankin Buchhalter wurde. Er selbst fand es auch erst mal logisch. Es gab in seiner schottischen Heimat für ihn auch einfach nichts, wohin er gedanklich ausbrech en konnte.

An Fotografie dachte er nicht, bis er 20 war. Das war 1986, und er studierte in Brighton, und das war nicht weit entfernt von London, wo sich Mitte der 80er Jahre in Magazinen wie "The Face" und "iD" eine neue Bildkultur etablierte, die neue Fotografen wie Nick Knight oder St?phane Sednaoui zu Popstars hinter der Kamera stilisierte. "Ich fing an, einen Sommer lang zu fotografieren, alles, was mir auffiel, ganz ohne großes Können", sagt Rankin heute und beschreibt damit seinen Ausbruch aus der öden Welt der Betriebsökonomie, "Fotografie war der Weg, nach dem ich suchte." Seine Eltern, erinnert er sich, misstrauten dieser neuen Sache, "sie waren Kaufleute und vermochten sich nicht vorzustellen, dass man vom Fotografieren wirklich leben konnte".

Das erste Jahr auf seinem Weg, Rankin zu werden, war ein hartes Jahr. Morgens zwei, drei Stunden Fotoschule, danach arbeiten, um Geld zu verdienen, als Tellerwäscher, Kurierfahrer, irgendwas und abends noch einen Job als Platzanweiser im Kino. "Das war eine gute Bilderschule, denn wenn man einen Film hundertmal sieht, fängt man an, ihn zu sezieren, Bild für Bild, Licht, Schatten, Dialoge." Nach der Fotoschule kam noch ein anderes College in London, dann eine Filmhochschule - und nach und nach lernte sich der junge Rankin ins fotografische Leben hinein. Und in einen Generationswechsel. Die junge britische Fotografie etablierte sich, die einstigen Wilden entwickelten eine eigene kommerzielle Bildersprache. An den Schulen lehrten dagegen Dozenten im Stil der 60er, 70er Jahre die Fotografie der Political Correctness: "Ich hatte Dozenten mit einem ausgeprägten Gewissen für die Politik der Fotografie, die aber schon lange kein eigenes Foto mehr gemacht hatten. Dagegen rebellierte ich." Die Zeit war reif für etwas Neues. Die englische Fotografie hatte sich in den feinen Verästelungen ihrer Ästhetik eingefahren, Stile wie die aufwandslose Jedermann-Fotografie eines Juergen Teller oder Wolfgang Tillmans oder die High-Tech-Manieriertheit eines Nick Knight waren zum Ausdruck fotografischen Establishments geworden, vielfach kopiert und verdünnt zur Bildsprache von Mode und Werbung. Hinzu kam die Übermedialisierung der Metropole, in der Fotos und Videos sich immer schneller abwechselten, austauschbar wurden und eine fotografische Szene immer öfter und hektischer nach neuen Gesichtern und Namen verlangte. An die Stelle der Supermodel-Ikonen traten wieder namenlose Mädchen, mal mit Busen, mal ohne, eine Saison, dann, zack, die nächste. Und genau in diesem London wollten der junge Fotoschüler Rankin und sein Freund Jefferson mitspielen. "Wir waren hungrig und lernten schnell. Wir schauten uns alle Magazine an, die Fotos, die Art, wie gearbeitet wurde, wir gingen in die Agenturen und hörten zu, was für Bilder sie suchten", erzählt Rankin von seinen Anfängen. Fotografisch entwickelte er einen Stil, in dem er anderen genau zuschaute und die Elemente vereinfachte und neu komponierte. So wie Madonna es verstand, sich in ihrer Musik immer bei den richtigen Subkulturen zu bedienen, so schuf Rankin mit seinen Fotografien eine Bildsprache des Eklektizismus, in der er ebenso perfekt wie unbekümmert mit Tabus spielte. "Meine erste Examensarbeit am College waren Aktaufnahmen einer 75-jährigen Frau", sagt er, "das traute sich sonst niemand."

Weil Rankin und sein Freund Jefferson keine Lust hatten, sich in die fotografische Elite Londons hineinzubetteln, kopierten sie einfach deren Methoden: Sie gründeten noch am College eine Zeitschrift "Untitled" und anschließend "Dazed & Confused", ein Magazin, das nicht nur schnell zum Fanzine ganz junger, neuer Fotografie wurde, sondern auch zum Hausblatt der Werbeagenturen und Art Directoren, die ganz versessen sind auf alles, was sich trendy und Avantgarde nennt, und mit Rankin einen neuen Star gefunden hatten. Es mag seltsam klingen, aber es war die Flüchtigkeit, mit der Rankin fotografiert, die zu seiner Qualität wurde. "Ich glaube, es ist falsch, eine Art Stil zu suchen und dann n ie wieder zu verlassen. Das widerspricht dem Wesen der Fotografie. Man kann mit jedem Licht gute Bilder machen. Fotograf zu sein heißt, die Bedingungen in das Bild mit einzubeziehen."

Wie kaum ein anderer nutzt Rankin die Erfahrungen aus seinem Leben als Tellerwäscher und Platzanweiser, er kann die Instinkte normaler Menschen noch formulieren, und auch bei unseren verborgenen Fantasien kennt er sich aus. Er kennt die exhibitionistischen Strömungen in der Seele aller Menschen. So suchte er mit einer Zeitungsanzeige ganz normal e Männer und Frauen, die sich nackt fotografieren lassen wollen, und machte daraus sein Buch "Nudes". Und weil er selbst noch die entlegenen Winkel männlicher Fantasien kennt, machte er eine Bilderserie "Women on Top", Frauen, die auf einem "reiten", wie er sagt. Aus Zungenküssen, die Paare tauschen, machte er eine Fotoserie und das Buch "Snogs ".

Die typische Handschrift seiner Bilder ist die Kreuzung zwischen Fantasie und Realismus, "der ganze Sex ist doch Fantasie", sagt er und blättert in seinem Buch "Sofasosexy", einer Art Daumenkino nackter Londoner Mädchen auf einer Kunstledercouch. Der Gedanke ist Fantasie, die ungeschminkte Haut, die Pickel und Leberflecken sind die Realität - die irritierende Schönheit von Wirklichkeit. Oft wird seinem Werk von feministischer Seite Sexismus und Pornografie vorgeworfen - Rankin kennt die Argumente, "aber es sind fast immer die Models, die mir die Posen vorschlagen, ich zwinge niemanden, sich so zu zeigen". Als die Bilder für die Serie "Nudes" fertig waren, lud er alle Fotografierten ein und zeigte ihnen die Ergebnisse, "sie konnten selbst aussuchen, wie sie sich sehen wollen. Nur eine einzige Person hat alle Bilder zurückgezogen".

Wenn man Rankin so zuhört, fällt die lässige Intensität auf, mit der er über seine Arbeit spricht. Die Welt, die er umsetzt, sei "fake", eine Täuschung, und genau aus der Spannung, den Widersprüchen und dem Glanz der vorgetäuschten und der realen Wirklichkeit macht er seine Bilder. Zum Beispiel seine Aufnahmen von Gesichtern und Köpfen mit aufgemalten Anweisungen, wo was zu retuschieren sei: beinahe ein Piratenstück gegenüber der Scheinwelt der Werbefotografie - jeder kann sehen, wie groß die Bilderlüge Schönheit ist. "Daraus machen wir jetzt eine ganze Kampagne für eine Kaufhauskette", sagt er und ahnt offenbar selbst, wie schnell das Subversive schon wieder stubenrein, ja, werbetauglich ist.

Ob er, der im vergangenen Jahr zum Thronjubiläum auch die Queen fotografiert hat, sich schon in genau jenes Establishment hinübergezogen fühlt, gegen das er einst so heftig anfotografierte? Ja und nein, sagt er. Zum Vereinnahmen sei er zu schnell und zu unberechenbar, sagt er. Und manchmal noch zu unsicher - was Rankin nicht sagt. Aber man spürt es, wenn er wieder einmal noch mit dem Stolz des Neulings darüber spricht, wie schnell er Prominente vor seine Kamera bekommt, wie sie ihn anschauen wie auf keinem anderen Bild.

Vielleicht wundert sich der Mensch vor der Kamera auch bloß über den Menschen hinter der Kamera. Rankin kann es nur recht sein.

Jochen Siemens / print
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