Falls Sie sich wundern: Heute schreibt hier ein Mann. Die Kollegin Helen Bömelburg ist verhindert und kommt nächste Woche wieder. Ich soll schön grüßen! Weil Helen viel besser aussieht als ich, haben wir auch das Foto zur Gefühlskolumne so gelassen, um Verwirrung zu vermeiden. Die Macht der Gewohnheit ist ja nicht zu unterschätzen, aber das wäre ein ganz eigenes Thema.
Wobei wir mit „Gewohnheit“ schon mittendrin sind im Thema dieser Woche. Ich bin ein Gewohnheitsmensch. Ich brauche Rituale, feste Abläufe, erlernte Strukturen. All das gibt mir Sicherheit. Ich lasse mich zwar auch auf Neues ein, aber oft zunächst mit gemischten Gefühlen. „Keine Experimente“ war mal ein Werbespruch der CDU, ich glaube für Kanzler Adenauer bei einer Bundestagswahl in den 1950er-Jahren. Es könnte auch mein Lebensmotto sein. Wie finde ich jetzt die Brücke zur Fastenzeit?
Das Gefühl der Woche: Fastenzeit, also verzichte endlich mal!
Ach ja, so: Weil ich ein Gewohnheitsmensch bin, esse ich auch recht unreflektiert aus Gewohnheit. Vor allem Süßigkeiten. Statistisch verklebt jeder Bundesbürger seine Innereien mit mehr als 33 Kilogramm Zucker pro Jahr – was schon ein ziemlicher Wahnsinn ist. Vermutlich komme ich auf einen deutlich höheren Wert. Jedes Jahr an Aschermittwoch sage ich mir deshalb in schönstem Achtsamkeitsdeutsch: „Tobias, ich lade dich ein, diesen Tag als offenes Angebot anzunehmen, deinen Süßigkeitenkonsum liebevoll zu hinterfragen und alternative Handlungsmöglichkeiten zu erkunden.“ Anders und lebensnäher ausgedrückt: „Dicker, alter Mann, hör‘ endlich auf, so viel süßen Mist in dich reinzustopfen.“
Die Fastenzeit, so muss man wissen, ist eine christliche Tradition. In einer 40-tägigen Vorbereitungszeit auf Ostern soll innere Einkehr geübt werden. Durch bewussten Verzicht in der Passionszeit soll sich der gläubige Christ mit dem Leiden Jesu auseinandersetzen. Sehr untheologisch formuliert: Wenn sich der Sohn Gottes unter Qualen so sehr für uns geopfert hat, dann können wir Erdenmenschlein uns ruhig auch ein kleines bisschen quälen – in Form eines winzigen persönlichen Opfers.
Ich bin kein sonderlich religiöser Mensch, während mein Glaube an gute Mandelschokolade oder Weingummi hingegen fest und unerschütterlich ist. Darauf zu verzichten, ist für mich eine Herausforderung. Warum fiel mir der Verzicht früher so viel leichter?
In meinem religiösen Elternhaus gab es früher wirklich 40 Tage lang keinen Nachtisch, keinen Kuchen, kein Eis, keine Süßigkeiten. Es war auszuhalten – besonders, weil die Zeit des Verzichts ja endlich war. Und weil der Verzicht religiös-moralisch unterfüttert war. Als Kind glaubte ich an das Gute. Und an die Sünde. Das erste Schoko-Ei am Ostersonntag schmeckte folgerichtig wie das Paradies auf Erden.
Dieses Gefühl vermisse ich heute. Die Reaktionskette „Verzicht – Entsagung – Belohnung – Glück“ funktioniert für mich nicht mehr. Warum das so ist, würde ich gern in dieser Kolumne beantworten. Aber es gelingt mir nicht. So wie ich mich mit dem Verzicht ungeheuer schwer tue.
Aschermittwoch war mein erster Tag ohne Süßigkeiten. Einen Tag später brauchte ich ein Twix. Einen weiteren Tag später fand ich in der Tiefkühltruhe einen Rest Christstollen. Ich aß ihn mit schlechtem Gewissen, aber mit der wunderbar-dämlichen Entschuldigung, er sei ja zum Wegwerfen zu schade, und es handele sich um keine Schokolade. Wäre Selbstverarschung olympische Disziplin, würde ich als Fahnenträger vorangehen.
Ich bin, je älter ich wurde, zu einem Meister der Ausreden, zu einem Virtuosen der Bedarfsargumentation geworden. Es gibt für mich immer ein Schlupfloch: Stress am Arbeitsplatz oder zu Hause, die Weltlage, ein Gefühl der allgemeinen Überforderung. Ich komme jeden Tag auf völlig absurde Gedanken wie: „Wenn Trump und Putin so schlimme Sachen machen, dann werde ich mich doch wohl mit einem Stück Kuchen trösten dürfen.“
Das ist es wohl, was die Fastenzeit für mich zu einer solch großen Herausforderung macht: mein Wunsch nach Trost in schwierigen Zeiten. Indem ich diesen Trost vom Zucker erwarte, verhalte ich mich wie ein Süchtiger, der den Alkohol oder eine andere Droge braucht. Jeder Rückfall fühlt sich wie eine Niederlage an.
Der Sticker der Woche ...
… ist diesmal ein Fundstück auf Instagram und eher ein Foto als ein Aufkleber. Ich hatte den Spruch vor langer Zeit schon entdeckt und auf dem Handy abgespeichert. Wer sich diese Lebensweisheit ausgedacht und/oder die Tafel gestaltet hat, weiß ich leider nicht. Aber der Schöpfer oder die Schöpferin spricht mir aus der Seele. Auch und gerade in der Fastenzeit
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Es ginge wohl auch anders: Vielleicht mit einem liebevollen Blick auf sich selbst: Scheitern ist per se kein Drama. Scheitern ist ein Teil des Lebens. Und erst durch das Scheitern kann ich lernen. Lernen, was hinter dem Schokoladengefresse liegt:
Jedes bisschen Zucker sagt meinem Hirn für ein paar Minuten: Alles in Ordnung, Süßer! Eine wichtige Erkenntnis könnte der erste Schritt zum bewussten, gelingenden Verzicht sein: Ich brauche keine Schokolade. Sie ist eine Ersatzdroge. Ich brauche das Gefühl, nicht allein zu sein in diesem Weltenchaos. Das gelingt wohl am besten über den Kontakt zu anderen Menschen. Durch den exzessiven Verzehr von Brokkoli jedenfalls eher nicht.